Kulturkampf Warum Ungarn das Fach Gender Studies an Unis abschafft

Die ungarische Regierung will den Studiengang Geschlechterforschung an staatlichen Universitäten verbieten. Was absurd anmutet, ist Teil einer kulturpolitischen Offensive gegen regierungsunabhängiges Denken.

Die Central European University in Budapest
REUTERS

Die Central European University in Budapest


Ungarns Vizepremier Zsolt Semjén hat zwei große Leidenschaften. In seiner Freizeit jagt der überzeugte Christdemokrat gern an entlegenen Orten, teils aus dem Helikopter heraus. Im Amt betätigt er sich vorzugsweise als konservativer Kulturkämpfer und als unermüdlicher Warner vor dem Untergang des Abendlandes.

Den Westen Europas sieht er bereits als "verloren" an, weil dort Linksliberale, Freimaurer, islamistische Migranten und "sexuelle Abweichler" jegliche "Normalität" abgeschafft hätten. Werte wie Familie, Heimat und Nation, glaubt Semjén, zählten im Westen nichts mehr. "Brüssel" habe das Fundament der christlichen Zivilisation zerstört, immerhin sei aber in Ungarn noch "ungarisches Leben" möglich.

Dieser Tage entdeckte Semjén einen neuen Mitschuldigen an der drohenden zivilisatorischen Katastrophe: die Geschlechterforschung. Niemand wolle "Genderologen" beschäftigen, deshalb brauche man auch keine auszubilden, so Semjén. Der Begriff des "sozialen Geschlechts" sei ein "Unding", so der Vizepremier. Manche Sachen, so auch das Geschlecht, seien "schlicht und einfach biologisch determiniert", und bei der Frage, ob jemand eine Frau oder ein Mann sei, gehe es um eine "biologische Tatsache".

Auf diese Weise beantwortete Semjén kürzlich in einem Interview die Frage nach der Zukunft des Lehrfaches Gender Studies an ungarischen Universitäten. Das Fach soll nach einem Vorhaben des ungarischen Ministeriums für Humanressourcen (EMMI), das für Soziales, Bildung, Kultur, Familie, Sport und Jugend zuständig ist, künftig abgeschafft werden; nur noch privat finanzierte Hochschulen sollen den Studiengang anbieten dürfen.

Der zuständige Staatssekretär Bence Rétvári hatte das Vorhaben Anfang August verkündet. Zur Begründung sagte er, der Studiengang Geschlechterforschung sei "vom ökonomischen Standpunkt aus gesehen nicht rational begründet", auf dem Arbeitsmarkt gebe es keine Nachfrage nach dieser Ausbildung. Und Ungarns Parlamentspräsident László Kövér bezeichnete die Geschlechterforschung in einem Interview als "geistige Grundlage eines Menschen-Experiments, das um nichts besser ist als die Eugenik in der Nazizeit".

Geschlechterforschung wird an zwei Universitäten in Ungarn angeboten

Eine offizielle Regierungsentscheidung über die Abschaffung der Geschlechterforschung an staatlichen ungarischen Universitäten gibt es noch nicht. Gergely Gulyás, Kanzleiminister des ungarischen Regierungschefs Viktor Orbán, sagte jedoch, dass die Stellungnahmen von Regierungsmitgliedern als Entscheidung für die Abschaffung der Geschlechterforschung betrachtet werden könnten.

Tatsächlich handelt es sich bei dem Beschluss vor allem um ideologische Symbolpolitik, Studenten sind indes nur wenige betroffen: Derzeit wird Geschlechterforschung als Masterstudiengang an zwei ungarischen Universitäten angeboten, an der staatlich finanzierten Eötvös-Loránd-Universität (ELTE), der ältesten ungarischen Hochschule, sowie an der Central European University (CEU), die von der Open-Society-Stiftung des ungarisch-amerikanischen Börsenmilliardärs George Soros finanziert wird.

An der ELTE war der Masterstudiengang Geschlechterforschung erst vergangenen Herbst eingeführt worden - zur großen Empörung der ungarischen Regierung. Im Zusammenhang damit hatte Staatssekretär Rétvári im März vergangenen Jahres gesagt, der Inhalt des Faches stehe der "Wertewelt der Regierung" diametral entgegen. Das Ministerium für Humanressourcen hatte deshalb an der staatlichen Corvinus-Universität in Budapest den Masterstudiengang "Familienstudien" eingeführt - gewissermaßen als Gegengewicht.

Teil eines Kulturkampfes gegen die "68er Elite"

Der Streit um die Geschlechterforschung ist somit Teil eines Kulturkampfes ungarischer Regierungskreise, der seit einigen Monaten läuft. Begonnen hatte er Ende April, kurz nach dem neuerlichen Zwei-Drittel-Wahlsieg von Orbáns Regierungspartei Fidesz bei der Parlamentswahl. Damals hatte die Regierungszeitung Magyar Idök drei Dutzend ungarische Schriftsteller und Publizisten für ihre regierungskritischen Positionen scharf angegriffen, darunter die Autoren György Konrád, Péter Nádas, György Dragomán und den 2016 verstorbenen Péter Esterházy.

Ungarns Premier Viktor Orbán hatte die kulturpolitische Offensive seiner Regierung Ende Juli in einer programmatischen Rede verteidigt und ab September "große Veränderungen" in Form einer geistig-kulturellen Wende gegen die "68er Elite" angekündigt.

Patriotische Neugestaltung der Kindergartenerziehung

Bereits 2010/2011, wenige Monate nach dem ersten Zwei-Drittel-Wahlsieg Orbáns, hatte die ungarische Regierung einen groß angelegten Kulturkampf gestartet. Damals wurden Dutzende bekannte liberale Intellektuelle und Akademiker aus staatlichen Universitäten entlassen oder herausgedrängt. Die Kampagne gegen sie gipfelte im "Philosophenprozess", einer Ermittlung gegen prominente Philosophen wie Ágnes Heller wegen angeblicher Veruntreuung von Forschungsgeldern - Vorwürfe, die die Orbán-Regierung später zurücknehmen musste.

Inzwischen sind in Ungarn an staatlichen Universitäten und kulturpolitischen Einrichtungen praktisch kaum noch Mitarbeiter beschäftigt, die öffentlich regierungskritische Positionen vertreten. Nun gehe es darum, urteilt der linke Philosoph und frühere antikommunistische Bürgerrechtler G.M. Tamás in einem Kommentar für die Wochenzeitung "hvg", nicht nur linke, sondern auch noch die gemäßigt konservativen Intellektuellen aus der Öffentlichkeit zu verdrängen - Ungarns reaktionäre Staatsführung betrachte alle, die sich nicht in den Rahmen ihrer nationalen Propaganda einfügten, als "Artfremde" und "Unzucht Treibende", so Tamás.

Um in diesem Sinne schon die Kleinsten auf Linie zu bringen, ordnete das Ministerium für Humanressourcen kürzlich eine patriotische Neugestaltung der Kindergartenerziehung an. Dem Kind solle dabei geholfen werden, heißt es in dem Erlass, sich mit einem Umfeld vertraut zu machen, dessen Grundlage "das nationale Identitätsbewusstsein, die christlichen kulturellen Werte, die Heimatliebe und die Bindung an Vaterland und Familie" seien.



insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
doppelpost123 21.08.2018
1.
"Was absurd anmutet, ist Teil einer kulturpolitischen Offensive gegen regierungsunabhängiges Denken." Sie werden ja gleich hier im Forum erleben, wie "absurd" die SPON-Foristen das finden. Lassen Sie mal darüber abstimmen, ob die Disziplin in Deutschland verboten werden sollte..Sie werden überrascht sein, oder auch nicht, wie schnell auch hier Schluss mit "Freiheit der Forschung" ist.
ArnoNym 21.08.2018
2. Wirklich Offensive gegen regierungsunabhängiges Denken?
[QUOTE]Was absurd anmutet, ist Teil einer kulturpolitischen Offensive gegen regierungsunabhängiges Denken.[QUOTE]Ungarn ist zwar leider auf dem "besten" Weg in eine Autokratie, aber hier muß ich eine Lanze für die ungarische Regierung brechen: Es mutet *nicht* absurd an und hat mit regierungskritischem Denken genau Null zu tun. Dieses Gender-Geschwurbel ist etwas, was nur eine sehr kleine Minderheit interessiert (wahrscheinlich weit weniger als 5%), fast alle Bürger belästigt und darüberhinaus auch noch deren Geld kostet. Ich wäre daher froh, wenn auch hierzulande die staatliche Unterstützung für Gender-Geschwurbel, das niemandem auch nur den geringsten Vorteil bringt, entzogen würde. Basierend auf privater Finanzierung können die Aktivisten dann ja immer noch "forschen", soviel sie wollen.
mac4me 21.08.2018
3. Was in D ca....
200 Professorenstellen samt Mitarbeitern garantiert, kann keine Pseudowissenschaft sein, trotz der These der Begründerin Judith Butler, daß das Geschlecht nicht etwa genetisch vorgegeben, sondern eine soziale Konstruktion sei und jeder im Zuge eines emanzipatorischen Aktes sein Geschlecht frei bestimmen könne. Auch in der DDR gab es eine große Anzahl von marxistisch-leninistischen Instituten, selbstverständlich streng wissenschaftlich. Dort wurden Tonnen von Papier bedruckt und auch Doktorhüte vergeben. Ich sehe hier das gleiche Problem: zu viel Ideologie. Das Leben ist nicht die Mathematik, wo ich Sätze postulieren kann und darauf ein Gedankengebäude errichte. Insofern finde ich die ungarische Entscheidung sehr nachvollziehbar. Es sollte jedenfalls keine öffentlichen Gelder für derartige „Forschung“ geben. Regierungsunabhängiges Denken mag unter Orban schwierig sein, ist es aber in Deutschland auch (was die Finanzierung betrifft). Hier hat der Autokrat aber mal recht.
dasdingausdemsumpf 21.08.2018
4. Warum Ungarn das Fach Gender Studies an Unis abschafft
Die Frage lässt sich ganz knapp beantworten: Weil reaktionäre, anti-humanistische, totalitäre Ideologien Hochkonjunktur haben. Nicht nur, aber besonders auch, in Ungarn. Und weil man selbst nicht als Unmensch dastehen will, bemüht man als Anti-Humanist Verschwörungstheorien als Begründung für seine Weltsicht. Dass dies bei uns ebenfalls so ist, wird man gleich an dieser Stelle in zahlreichen Kommentaren nachlesen können.
Stillner 21.08.2018
5. Totalitarismus
Was wir hier in Ungarn erleben, ist die Herausbildung eines neuen Totalitarismus. Der Staat gibt vor, was gelehrt werden darf und was nicht. Bildung wird nur noch zweckrational oder instrumentalisiert erlaubt. Andersdenkende werden eingeschüchtert oder vertrieben. Dem korrespondiert die antisemitische und xenophobe Propaganda, die man von Regierungsmitgliedern und vor allem, wenn es um Flüchtlinge geht, vom Regierungschef selbst, dem Lieblingsgast der CSU, hört. Wenn die EU dieser Entwicklung tatenlos zusieht, dann erledigt sie sich selbst. Alle möglichen Mittel sind nun geboten, um den hier sich herausbildenden Faschismus neuer Prägung zu stoppen. Es geht hier längst nicht mehr darum, ob "Gender Studies" als Disziplin an der Universität gelehrt werden dürfen oder nicht. Ihr Verbot ist nur ein weiteres Exempel, das diese Regierung in ihrem Kampf gegen die Freiheit des Geistes statuiert. Egal, wie man zu Gender Studies steht, hier gilt es, für die Freiheit der Wissenschaft, die freie Meinungsäußerung und damit letztlich die Grundlagen von Demokratie zu kämpfen.
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