Proteste in Ungarn Lehrer sagen Orbáns Regierung den Kampf an

Welche Bücher gelesen, welche Themen besprochen werden - in Ungarn wird den Lehrern alles von der Regierung diktiert. Doch das wollen sie sich nicht länger gefallen lassen.

Lehrerdemonstration in Budapest (am 13. Februar)
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Lehrerdemonstration in Budapest (am 13. Februar)


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Karohemden sind in Ungarn zurzeit groß in Mode. Gewerkschafter und Bürgerrechtsaktivisten tragen sie, kritische Intellektuelle und oppositionelle Politiker. Vor allem aber Lehrer.

Der neue Modetrend ist eine humorvoll-sarkastische Antwort auf die Arroganz ungarischer Bildungspolitiker. "Es bringt mich zur Weißglut, wenn ich diese unrasierte, ungekämmte und Karohemd tragende Lehrerschaft herumstolzieren sehe", hatte István Klinghammer, bis 2014 oberster Hochschulpolitiker des Landes, im Februar gesagt. Der Satz sorgte landesweit für Empörung - und machte das Karohemd zu einem Symbol der Lehrerrevolte.

Seit Jahresanfang erlebt Ungarn den größten Pädagogenprotest der letzten Jahre: Immer wieder versammeln sich Zehntausende, um gegen Bürokratie und Zentralismus im Bildungswesen, gegen überfrachtete Lehrpläne und schlecht ausgestattete Schulen zu demonstrieren. Auch am Dienstag, den 15. März, dem ungarischen Nationalfeiertag, gingen sie wieder auf die Straße.

Eine Institution beaufsichtigt 120.000 Lehrer

In der ungarischen Lehrerschaft gärt es wegen der Bildungsreformen schon lange. Die Regierung hat die kommunale Zuständigkeit für Schulen und die meisten eigenständigen Möglichkeiten von Schulen zur Ausgestaltung des Unterrichts abgeschafft, von der Wahlfreiheit bei Lehrbüchern bis hin zur Beschaffung von Unterrichtsmaterial.

Im Herbst 2012 wurde eine Mega-Institution namens "Klebelsberg-Zentrum" gegründet, benannt nach einem ungarischen Bildungspolitiker der Zwischenkriegszeit. Sie beaufsichtigt alle staatlichen Schulen und die rund 120.000 Lehrer im Land, erstellt den zentralen Lehrplan und ist für sämtliche Personalfragen und Anschaffungen an Schulen zuständig. Ein "bürokratisches Monstrum" nennen es viele Pädagogen.

Zugleich mussten alle Lehrer zwangsweise dem von der Regierung kontrollierten "Nationalen Pädagogenkorps" beitreten. Die Pflichtunterrichtsstunden für Lehrer wurden von 22 auf 26 erhöht, ihre Lehrpläne mit immer neuen Inhalten vollgestopft. Unter dem Etikett der Qualitätskontrolle des Unterrichts bekamen sie zusätzlich viele zeitraubende und bürokratische Pflichten aufgebürdet. Um eine bessere Bezahlung geht es bei den Protesten nur am Rande. Die Löhne der Pädagogen hat die Orbán-Regierung in den letzten Jahren deutlich erhöht.

"Den Kindern freies Denken beizubringen, ist unmöglich"

Ähnlich überheblich wie Klinghammer reagierten in den letzten Wochen auch andere Politiker aus dem Lager der rechtsnational-konservativen Regierung. Sie wurden von der Lehrerrevolte offenbar völlig überrascht.

Ministerpräsident Orbán soll auf einer internen Fraktionssitzung "äußere Kräfte" für den Protest verantwortlich gemacht haben, ein regierungsnahes News-Portal behauptete, die Pädagogen seien vom Börsenmilliardär George Soros und seinen Aktivisten gesteuert und aufgehetzt worden. Nur Ungarns Superminister für Humanressourcen, dem auch das Staatssekretariat für Bildung untersteht, gab zu: "Wir sind bei der Bildungsreform ein bisschen über das Ziel hinausgeschossen."

In den Augen der protestierenden Lehrer ist das eine zynische Untertreibung. "Die Bildungsreformen der letzten Jahre führen zurück in realsozialistische Zeiten statt ins 21. Jahrhundert", sagt István Pukli, Schuldirektor eines Budapester Gymnasiums und einer der Köpfe der Protestbewegung. Sein Kollege und Mitstreiter Olivér Pilz, Gymnasiallehrer im ostungarischen Miskolc, sagt, das ungarische Bildungswesen werde von einer überbürokratisierten, zentralisierten Struktur erdrückt. "Den Kindern damit freies Denken beizubringen ist unmöglich."

Pilz und seine Kollegen hatten bereits im Oktober letzten Jahres einen langen, verzweifelten Bittbrief an einen Schulinspektor und das Staatssekretariat für Bildung geschrieben. Als nach drei Monaten keine Antwort kam, veröffentlichten sie den Brief und erhielten binnen weniger Tage Zustimmung von Tausenden Lehrern aus dem ganzen Land - der Beginn der Protestbewegung.

Breite Unterstützung in der Bevölkerung

Die Orbán-Regierung hat inzwischen erkannt, wie gefährlich ihr diese Bewegung werden könnte: In Meinungsumfragen stehen mehr als drei Viertel der Bevölkerung hinter dem Pädagogenprotest, darunter auch eine Mehrheit der Wähler aus dem Regierungslager. Rund 50.000 Eltern ließen am letzten Februartag ihre Kinder aus Protest zu Hause.

Die ungarische Regierung machte deshalb bereits einige Zugeständnisse: Die Staatssekretärin für Bildung, Judit Bertalan Czunyi, musste zurücktreten. Schuldirektoren sollen eine spezielle Bankkarte bekommen, mit der sie bis zu einer bestimmten Höhe eigenständig Reparaturen und Unterrichtsmaterial bezahlen können. Und ein Runder Tisch zu Bildungsfragen wurde eingerichtet - von dem allerdings Gespräche zu bestimmten Themen wie der grundlegenden Reformierung des "Klebelsberg-Zentrums" ausgeschlossen sind.

Zugleich geht die Regierung gegen die Köpfe der Protestbewegung vor. Gegen István Pukli läuft ein Disziplinarverfahren wegen der Teilnahme an Protestdemonstrationen, in regierungsnahen Medien wurde er beschuldigt, heimlich für die Opposition Politik zu machen. Eine Rede hielt er auf der Demo am Dienstag trotzdem. Im Karohemd.

Zusammengefasst: Seit Jahresanfang gehen in Ungarn immer wieder Lehrer auf die Straße, um gegen die Bildungspolitik der Regierung zu demonstrieren. Alle staatlichen Schulen im Land werden von einer Mega-Institution beaufsichtigt, es gibt einen zentralen Lehrplan und unterrichten darf nur, wer im von der Regierung kontrollierten "Nationalen Pädagogenkorps" ist. Auch am Dienstag, den 15. März, dem ungarischen Nationalfeiertag, protestierten die Lehrer wieder dagegen.

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