SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

29. März 2012, 22:44 Uhr

Plagiatsaffäre

Ungarns Präsident verliert Doktortitel

Der ungarische Präsident ist seinen Doktortitel los: Pal Schmitts Dissertation entspreche nicht den wissenschaftlichen und ethischen Kriterien, hieß es in der Begründung der Semmelweis-Universität. Der Politiker hatte 197 der insgesamt 215 Seiten seiner Arbeit von zwei anderen Autoren kopiert.

Budapest - Dem ungarischen Staatspräsidenten Pal Schmitt ist wegen erwiesener Plagiatsvorwürfe der Doktortitel aberkannt worden. Diese Entscheidung traf der Senat der Budapester Semmelweis-Universität für Medizinwissenschaften am Donnerstag. Schmitts Dissertation aus dem Jahr 1992 entspreche "nicht den Kriterien einer nach wissenschaftlichen Methoden verfertigten Arbeit", sagte Rektor Tivadar Tulassay am Abend. 33 Mitglieder des Gremiums hatten für die Aberkennung gestimmt, nur vier waren gegen die Maßnahme.

Schmitt war am Donnerstagabend auf der Rückreise von einem Besuch in Südkorea und für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen. Sein Rücktritt erscheint nun nicht mehr ausgeschlossen. Wissenschaftler, die der Regierungspartei Fidesz (Bund Junger Demokraten) nahe stehen, forderten den Rücktritt des Staatspräsidenten. Die dem rechts-konservativen Ministerpräsidenten Viktor Orbán nahestehende Tageszeitung "Magyar Nemzet" stieß in ihrer Donnerstag-Ausgabe in dasselbe Horn. "Herr Präsident, überlegen Sie sich's noch mal!" übertitelte sie den entsprechenden redaktionellen Leitartikel. Das Blatt legte Schmitt nahe, den Rücktritt zu erklären.

Die Plagiatsvorwürfe gegen das Staatsoberhaupt waren zu Jahresbeginn von Online-Journalisten des Wochenmagazins "HVG" erhoben worden. Sie hatten die entsprechenden Quellenwerke ausfindig gemacht und das Plagiat durch Textvergleiche identifiziert. Schmitt soll demnach 197 von 215 Seiten seiner Arbeit abgeschrieben haben. Als Grundlage dienten die französische Fassung einer Monographie des bulgarischen Sportwissenschaftlers Nikolaj Georgijew und eine Studie des Hamburger Soziologen Klaus Heinemann.

Eine Untersuchungskommission der Semmelweis-Universität war am Dienstag nach zweimonatigen Recherchen zu praktisch derselben Schlussfolgerung gelangt.

Das Komitee hatte zudem gerügt, die inzwischen in der Semmelweis-Universität aufgegangene damalige Sportuniversität habe das "ungewöhnliche Ausmaß" der abgeschriebenen Passagen nicht bemerkt.

Schmitts Schicksal liegt in Orbáns Händen

Das weitere Schicksal des schwer bedrängten Staatsoberhauptes liegt nun nach Ansicht von Beobachtern in Orbáns Händen. Der Regierungschef hatte Schmitt, der schon im Kommunismus hoher Sportfunktionär war, im Sommer 2010 gegen Widerstände in Teilen des Fidesz für das Staatspräsidenten-Amt vorgeschlagen. Bei der Wahl im Parlament setzte sich die Parteidisziplin durch: Schmitt erhielt im ersten Wahlgang die geschlossene Zustimmung der Fidesz-Fraktion und damit die erforderliche Zweidrittelmehrheit.

In den darauffolgenden 20 Monaten unterzeichnete Schmitt ohne Widerrede mehr als 360 von der Fidesz-Mehrheit verabschiedete Gesetze. Nach Ansicht von Kritikern trug ein Gutteil davon - darunter das auch international umstrittene Mediengesetz - dazu bei, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Ungarn abzubauen. Orbán äußerte sich nach Bekanntwerden des Gutachtens zunächst nicht zu der Affäre.

Zuletzt hatten Plagiate deutscher Politiker für Aufsehen gesorgt: 2011 wurde bekannt, dass der damalige Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) seine Doktorarbeit abgeschrieben hat, er trat zurück und verlor später seinen Doktortitel. Danach untersuchten die Plagiatsjäger der PlattformVroniPlag weitere Doktorarbeiten. Das Ergebnis: Der FDP-Bundestagsabgeordnete Bijan Djir-Sarai hat keinen Doktortitel mehr, ebensowenig der FDP-Europaabgeordnete Jorgo Chatzimarkakis und seine Kollegin Silvana Koch-Mehrin, wogegen sie inzwischen vor dem Karlsruher Verwaltungsgericht klagt. Veronica Saß, Tochter des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, klagt ebenfalls gegen den Entzug des Doktortitels. Ihr Bruder Dominic Stoiber, CSU-Lokalpolitiker und Sohn des vormaligen Regierungschefs, steht inzwischen auch unter Plagiatsverdacht. Derzeit untersucht die Universität Innsbruck seine Doktorarbeit.

lgr/dpa/dapd

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH