Uni-Aktion gegen Prokrastination Gute Nacht, Aufschieberitis!

Das Ende der Semsterferien naht und damit die Abgabe von Hausarbeiten: beste Voraussetzungen für Schreibblockaden. Um Studenten im Kampf gegen Aufschieberitis zu helfen, lud die Europa-Uni in Frankfurt zum kollektiven Aufraffen in einer betreuten Nachtschicht - Schreibtischyoga inklusive.

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Anne Haeming

Niniane hat aufgegeben. Sie hat zwei Stühle zusammengeschoben und sich kurzerhand langgelegt. Der Laptop auf dem Tisch ist noch aufgeklappt, doch der Bildschirm ist dunkel.

Es ist früher Morgen. Die Studentin hat mehrere Stunden konzentrierter Arbeit hinter sich, sie war Teil eines Experiments. Durchmachen stand auf dem Programm. Das Schreibzentrum der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder hatte erstmals zur "Langen Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten" eingeladen. Noch sind Semesterferien, aber nicht mehr lange. Die Seminararbeiten müssen fertig werden.

"Wenn Studenten erst auf den letzten Drücker anfangen zu schreiben, werden die Hausarbeiten in der Regel auch nicht gut", sagt Katrin Girgensohn, die Leiterin des Schreibzentrums. Aber wer sich jetzt aufraffe, der könne es noch schaffen, sie ist da zuversichtlich. Das Zentrum ist seit drei Jahren eine Anlaufstation für alle Studenten, die mit ihrer Hausarbeit nicht weiterkommen, die geplagt sind von der "Angst vor dem leeren Bildschirm", so die Schlagzeile auf einem Zeitungsausriss an der Wand.

Flucht vor der heimeligen Ablenkung

Girgensohn hat mit dem Angebot, gemeinsam durchzumachen, ins Schwarze getroffen. Fast zwei Dutzend Studierender hat sich für die Nacht einquartiert, die meisten sind extra aus Berlin angereist. So auch Signe. "Normalerweise arbeite ich lieber tagsüber", sagt sie. Seit anderthalb Jahren studiert die 25-jährige Dänin Kulturwissenschaften in Frankfurt.

Signe sitzt an einer Hausarbeit über Danzig, der Schnellhefter neben ihrem lilafarbenen Laptop quillt über, einen Stapel Theoriebücher hat sie auch mitgebracht. Bis Ferienende will sie fertig sein. "Da ich mit dem Schreiben nicht vorankam, habe ich mir gesagt: Vielleicht musst Du mal etwas Neues ausprobieren." Zuhause kann sie sowieso nicht arbeiten. "Zu viel Ablenkung", sagt Signe. "Man surft im Internet, kocht Tee, macht sich etwas zu essen, quatscht mit den Mitbewohnern", das übliche Prokrastinieren eben.

Überhaupt ist dies eine der Hauptattraktionen: Es gibt kein W-Lan. Andere Leute schauen jetzt die Spätnachrichten, um dann ins Bett zu gehen, hier herrscht die surrende Ruhe konzentrierten Arbeitens. Die Tastaturen klappern, mal lauter, mal leiser, dazu das Ticken der Wanduhr. Und noch rauscht draußen alle paar Minuten eine Straßenbahn vorbei.

Hawaiiketten und Narzissen sollen die grauen Zellen in Wallung bringen

Ebenfalls nicht zu unterschätzen: das Schreibumfeld. Das Schreibzentrum ist in einer ehemaligen Kaserne untergebracht. In dem Raum mit Klassenzimmercharme sollen Hawaiiketten und ein Strauß blühender Narzissen für produktive Stimmung sorgen. Und dann sind da noch die Duftkerzen. In Wellen schwappt Vanillearoma durch den Raum, Gerüche, heißt es, wirken anregend. Den Rest erledigt das Licht. Die Leuchtstoffröhren strahlen so grell von der Decke, dass hier so schnell keiner schlafen kann.

Das hat auch Niniane gemerkt. "Wenn alle um einen herum arbeiten, ist man motivierter als zu Hause", stellt die 21-Jährige fest. Doch Motivationsmangel ist nur ein Symptom für chronische Aufschieberitis. "Das Aufschieben steht immer für etwas anderes", sagt Girgensohn. "Etwa für Überforderung oder einen Hang zu Perfektionismus." Und das schlechte Gewissen, immer noch nicht angefangen zu haben, macht alles nur noch schlimmer.

In der "Langen Nacht" will die 38-Jährige auch handfeste Tipps gegen Gehirnchaos vermitteln. Etwa mit der "Zielwand", einer überdimensionalen Schießscheibe, in die jeder einen Zettel pinnen sollte: "Jürgen: Durchschreiben bis 0:45h", steht da nun, oder "Nora: 10 Seiten Rohfassung". Jürgen hat es nicht geschafft. Er könne nachts nicht arbeiten, erkannte er - und ging vor Mitternacht. Aber es hat ihm trotzdem etwas gebracht, er brauchte Rat für seine Arbeit über "Ausländerkriminalität in der DDR", überall Tabellen und Statistiken. "Sollen die in den Fließtext oder in den Anhang?", fragte er eine der Tutorinnen. "Wie verweise ich darauf?"

Wenn Pausen in Stress ausarten

"Die Studenten sollen lernen, eigenständig zu arbeiten", sagt Girgensohn. "Meine Tutoren und ich bieten nur Hilfe zur Selbsthilfe." Und die ist derzeit gefragter denn je: "Der Druck hat sich eindeutig erhöht, seit die Bachelorstudiengänge eingeführt wurden." Jetzt seien es noch mehr Hausarbeiten.

Das Gegenmittel der Schreibexperten: strukturierte Zeitpläne. Und die Pausen, raten sie, solle man gleich mit eintragen. Wie das aussehen kann, zeigt der minutengenaue Plan für die Nacht: "Schreibtischyoga", "Kleiner Nachtspaziergang", "Konzentrationsspiel", "Sonnenbegrüßung" steht da. Was für ein Streß. Aber alle machen mit.

Nach dem Gang um den Block schlüpfen ein paar in ihre Jogginghosen, eine hat ihre Hausschuhe mitgebracht, andere laufen gleich in Socken herum oder hüllen sich in Wolldecken. Das Ganze erinnert an eine Pyjama-Party. Hier eine Dose Red Bull, da eine Tüte Bonbons, dort kreist eine Weißweinflasche. Eine hat sogar eine Tupperdose voll Sushi dabei, genüsslich stippt sie sie ins Schraubglas mit der Sojasauce.

Am Morgen wird per Yoga die Sonne begrüßt

Es ist kurz nach drei Uhr morgens als die Putzfrau ihren Wagen über den Gang schiebt. Straßenbahnen fahren längst keine mehr. Einige der Schreiber fangen an zu gähnen. Im Raum nebenan röchelt die Kaffeemaschine, der Wasserkocher für Tee ist im Dauereinsatz, die Schokokekse schwinden dahin. Eine Stunde später liegen die ersten zusammengekrümmt in der Sofaecke und schlafen doch. Wer nicht eingenickt ist, starrt stumm sinnierend ins Leere oder kommt nur satzweise voran.

Als um halb sechs die Dämmerung den Himmel bläulich färbt, werden alle zum Yoga nach draußen in die Morgenkälte gescheucht, "die Sonne begrüßen". Dann ist es taghell. Ein letztes Mal raffen sich alle auf, lesen, brüten, besprechen sich. Oder gehen nach Hause, wie Signe und ihre Freundin.

Am Ende sind noch zwei Handvoll übrig. Mit Sekt stoßen sie darauf an, dass sie es geschafft haben. Sie sind vorangekommen mit ihren Hausarbeiten, Bachelorarbeiten, Diplomarbeiten, wenigstens ein bisschen. Eine Nacht lang haben sie die Aufschieberitis erfolgreich bekämpft, den Schlaf haben sie sich verdient. Oder wie es die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach formulierte: "Es schreibt keiner wie ein Gott, der nicht gelitten hat wie ein Hund".



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