Uni-Aktkalender Wie Ausziehen zum akademischen Trendsport wurde

Rudelweise ziehen Studenten von Kiel bis München blank und posieren als Pin-ups - gern auch für einen guten Zweck. Der Trend zum akademischen Akt hat inzwischen fast ein Dutzend Hochschulen erfasst. Manche Fotos sind eine Augenweide, andere eher zum Gruseln.

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Penelope Cruz hat es getan. Gisele Bündchen auch. Kate Moss sowieso. Sie räkeln sich für Pirelli in lasziven Posen. Der Kalender, 1964 erstmals erschienen, ist ein Klassiker der Reifen-Erotik: Gisele zupft am Badehöschen, das am ölgesalbten Körper klebt. Kate lehnt verrucht in einem fahrenden Auto, eine Brust entblößt, die andere vom langen Blondhaar bedeckt.

Was so ein Pneu-Fabrikant kann, das können Studenten und Studentinnen schon lange. An mehreren deutschen Hochschulen präsentieren sie inzwischen ihre akademisch gestählten Körper - mal in künstlerisch-ästhetischer Schwarzweißoptik, mal mit Weichzeichner-Kitsch, mal trostlos amateurhaft. Und durchweg splitterfasernackt.

Wer als erster auf die Idee kam, die Studentenhaut zu Markte zu tragen, lässt sich im Dunkel der Studi-Kalender-Historie nur schwer zweifelsfrei rekonstruieren. Heißester Anwärter auf den Erfinder-Titel ist ein Studenten-Trio aus dem beschaulichen Deggendorf: Marcel Eigner, Michael Henghuber und Gerhard Rothbauer juxten zunächst über einen Aktkalender. Dann machten sie ernst und überredeten 18 Fachhochschul-Kommilitonen, sich zu entblättern. Ihr erster "in.side"-Kalender erschien 2003 - seitdem gab es mehrere Neuauflagen.

Der Verkaufserfolg der bayerischen Fachhochschschüler befeuerte an etlichen anderen Hochschulen die Kopierlust, bisweilen gepaart mit Das-kann-man-besser-machen-Motivation. Leipzig, Paderborn und Kiel, Bremen, Bamberg, Clausthal und Magdeburg: Überall zogen Studenten nach und starteten eigene Nackedei-Projekte. Oft garnierten sie das mit hehren Zielen und verkauften ihre Kalender zum Beispiel als plakative Protestaktion gegen miese Studienbedingungen oder spendeten Erlöse für wohltätige Zwecke.

Parole: "Sport macht sexy"

Den Status des künstlerisch ambitionierten Klassikers unter den deutschen Uni-Kalendern können die "Semesterakte" für sich beanspruchen. Schon seit 2004 produziert das Fotografenpaar Sonja und Michael Inselmann den Kalender mit wechselnden Universitäten. Sie arbeiten vorwiegend mit Sportstudenten - deren Aktivstudium sorgt für knackigere Hintern als Büffeln beim Jura-Repetitor oder Reagenzglasschwenken im Chemielabor.

Den Anfang machte 2004 Bremen: Sportstudenten turnten nackt auf dem Seitpferd, legten sich auf den Schwebebalken oder schwangen die Keulen. Damit wollten sie gegen schlechte Studienbedingungen und drohende Gebühren protestieren und aus den Einnahmen eine kleine eigene Bibliothek finanzieren.

Weil's so schön war, starteten Bamberger Studenten einige Monate später eine ähnliche Aktion mit 28 entblößten Campus-Models. Motto: "Ausgezogen für eine bessere Bildung". Den Erlös ihres Kalenders wollten sie der darbenden Hochschule schenken, doch die lehnte ab - die Kommerzialisierung des nackten Körpers könne man nicht befürworten.

Mittlerweile laden selbst Abi-Jahrgänge zum Fotoshooting. So tauften Magdeburger Schüler ihren Kalender 2006 "Abilicious - Hochschulreife macht sexy!", und Abiturienten aus dem nordrhein-westfälischen Eitorf verhökerten ihren "Abikini - knapp, aber es passt" in örtlichen Läden und Tankstellen. Da hat man was Eigenes und muss nicht Papas Autorückscheibe mit nervigen Abi-06-Sprüchen verkleben.

Derweil setzten die Inselmann-Aktfotografen ihre Kalender nach dem Erfolg mit den Bremer Enthüllungen in Kiel und Berlin um - und nun auch mit der Deutschen Sporthochschule Köln. Das Konzept ist stets gleich: ein Wendekalender im Frühjahr, abwechselnd männliche und weibliche Studenten, anspruchsvolle Schwarzweißfotos. Momentan zeigt das Deutsche Sport- und Olympiamuseum die Bilder in der Ausstellung "Sport macht sexy". Und inzwischen versehen die Fotografen ihre Semesterakte mit dem Zusatz "Das Original", um sich von anderen Kalendern abzugrenzen.

Die Wohnheim-Nachbarin als Vamp

Denn über Geschmack lässt sich streiten. Das Bamberger Exemplar "aktstudien" etwa kopierte die strenge und schlichte Schwarzweißoptik plus ein wenig Adam-und-Eva-Kitsch, kommt aber an das Inselmann-Vorbild nicht heran. Der Münchner Studentinnenkalander "Metamorphosen" wartet immerhin mit einer Variation auf und "verwandelt zwölf angehende Akademikerinnen in atemberaubend erotische Models", so lautet die Eigenwerbung. Aus dem "Girl next door", klein und schwarzweiß im Bild, wird ein Vamp, großes und buntes Bild. Der Verlag nennt es sinnlich - die Fotos aber wirken eher sachte pornös. Das muss man mögen.

In einer ganz anderen als der Hochglanz-Liga spielt der Kalender der niedersächsischen Bonsai-Uni Clausthal. Er besticht durch, nun ja: puristischen Charme - die Fotos sind ganz und gar amateurhaft. Gemäß dem Motto "Studieren in Clausthal" fährt ein Student Schlitten, eine junge Frau liegt im Kerzenschein auf dem Boden einer Bibliothek, neben einem Stapel vergilbter Wälzer. Andere posieren im Schneidersitz vor einer Tafel voller Formeln oder kuscheln nackt mit Laborgeräten.

Eher bizarr wirkt das. Der Werbetext, man sehe die Modelle so, "wie Gott sie schuf", klingt da ein bisschen wie eine harzige Drohung. Auch im Clausthaler Studentenportal ist man geteilter Meinung, ob man die Bilder nicht doch professioneller hätte inszenieren sollen. Die Käufer im 15.000-Einwohner-Nest juckte es nicht weiter: Laut Asta waren die ersten beiden Auflagen des Kalenders sofort vergriffen. Und auch für die Hälfte der dritten gab es schon Bestellungen, bevor sie überhaupt gedruckt war. Die Organisatoren verstehen ihren Kalender als "Hommage an die TU Clausthal". Und einem guten Zweck dient er ja auch: Die Einnahmen gehen in voller Höhe an das Asta-eigene Kino.

Bleibt die Frage: Wer hat den Normalo-Nacktkalender nun wirklich erfunden? Die Urmütter dürften wohl elf englische Hausfrauen sein, die im stolzen Alter zwischen 45 und 60 Jahren unter anderem Marmelade einkochend nackt für einen Kalender posierten, um Geld für ein Krankenhaus zu sammeln.

Ihr Striptease wurde sogar verfilmt. "Kalender Girls" kam 2003 in die Kinos.

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