Uni-Aufnahmetest in Südkorea Der Tag, der über den Rest des Lebens entscheidet

Wer in Korea erfolgreich sein will, musste am Donnerstag ganz stark sein: Die landesweite Uni-Aufnahmeprüfung bestimmt über die Hochschule, den Job, die Chancen auf dem Heiratsmarkt - und versetzt eine ganze Nation in den Ausnahmezustand.

Schüler beim großen Uni-Aufnahmetest in Südkorea: Die Kinder lernen jahrelang für diese eine Prüfung
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Schüler beim großen Uni-Aufnahmetest in Südkorea: Die Kinder lernen jahrelang für diese eine Prüfung

Aus Seoul berichtet Fabian Kretschmer


Mit heulenden Sirenen bremst der Rettungswagen vor der Doksan-Oberschule in Seoul, heraus springt ein junges Mädchen in kariertem Rock, Collegejacke und Schulrucksack. Zwei Polizisten weisen ihr mit roten Leuchtstäben den Weg zum überfüllten Schuleingang.

An diesem Donnerstagmorgen will keiner der 630.000 Schüler in Südkorea zu spät kommen. Es ist der Tag des jährlichen Uni-Eingangstests, der wichtigsten Prüfung in ihrem Leben: Von diesem Ergebnis hängt alles ab: das spätere soziale Ansehen, die Berufs- und auch die Heiratschancen.

Damit die achtstündigen Tests in der Hauptstadt Seoul reibungslos ablaufen, hat die Stadtregierung 8000 Bereitschaftspolizisten und Hunderte Rettungswagen abgestellt, um die Schüler notfalls zur Schule zu eskortieren. Die meisten Büros öffnen eine Stunde später, damit die Angestellten die U-Bahnen und Busse nicht verstopfen. Und wenn am Nachmittag das Hörverständnis der Schüler getestet wird, dürfen Flugzeuge weder landen noch abheben. Ihr Lärm könnte die Prüflinge ablenken.

"Suneung" wird der Uni-Eingangstest genannt, und er ist so wichtig, weil er darüber entscheidet, wer an einer der drei Top-Unis des Landes genommen wird. Die restlichen 98 Prozent müssen sehen, wo sie auf dem Arbeitsmarkt bleiben.

"Nur wer es auf eine gute Uni schafft, hat Aussicht auf eine Stelle bei den großen Firmen", sagt Ryu Jun-ho. Der 17-Jährige hat in der Regel bis 22 Uhr Nachhilfeunterricht, und sitzt danach noch bis weit nach Mitternacht an seinen Hausaufgaben. Ryu Jun-hos Eltern zahlen jeden Monat umgerechnet 1300 Euro für Privatunterricht, um ihrem Sohn einen Vorteil im Wettkampf um die besten Uni-Plätze zu verschaffen, und das bereits seit der ersten Klasse.

"Wir hassen Schule"

Gnadenlose Konkurrenz bildete jahrzehntelang den Motor für den koreanischen Wirtschaftsaufschwung, und nirgendwo zeigt sich das deutlicher als beim Bildungssystem. Noch vor 60 Jahren waren große Teile der koreanischen Bevölkerung Analphabeten, heute besuchen über 80 Prozent eines Jahrgangs eine Universität, und auf den Pisa-Ranglisten landen die koreanischen Schüler immer weit oben.

Gleichzeitig führt Südkorea auch eine andere, traurige Statistik an: In keinem anderen OECD-Land der Welt nehmen sich mehr Teenager das Leben. Viele Pädagogen im Land machen vor allem den extremen schulischen Stress dafür verantwortlich. Erst im April begingen zwei 16-Jährige in der Stadt Daejeon Selbstmord. In ihrem Abschiedsbrief hinterließen sie eine klare Botschaft: "Wir hassen Schule."

Und dennoch verstopft jeden Abend um viertel vor zehn ein immer länger werdender Autokorso die Seitenstraßen des Nobelbezirks Gangnam, dem Nachhilfe-Mekka. Am Lenker warten ungeduldige Mütter hinter getönten Scheiben. Um Punkt zehn fluten Hunderte Schüler aus den Hauseingängen, die mit leuchtenden Neonschildern bedeckt sind. Nirgendwo auf der Welt wird mehr für Privatunterricht ausgegeben als in Südkorea.

"Seitdem ich eingeschult wurde, war mein ganzes Leben auf diesen einen Tag ausgerichtet", erinnert sich ein Schüler. Die Fragen für die alles entscheidende Prüfung werden jedes Jahr von mehr als 400 Pädagogen konzipiert - an einem abgelegenen Ort und unter Polizeischutz. Bereits am Morgen nach der Prüfung prangen sie dann auf allen großen Zeitungen des Landes.

Vor der Doksan-Oberschule warten am Nachmittag Dutzende Mütter, um ihre Kinder nach der Prüfung in Empfang zu nehmen. "Ich hoffe, dass es diesmal besser wird", sagt Kim Su-in, dessen Tochter heute bereits zum zweiten Mal zum Suneung angetreten ist: "Ich habe zumindest alles getan, was in meiner Macht steht. Jeden Tag habe ich zu Gott gebetet."

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insgesamt 59 Beiträge
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Sibylle1969 12.11.2015
1.
Da lobt man sich das deutsche Bildungssystem, das auch ausreichend berufliche Chancen bietet, wenn man eine Berufsausbildung gemacht oder man einer Feld-Wald- und Wiesen-Hochschule studiert hat. Die Bildungssysteme in Asien beruhen stark auf Drill und Leistungsdruck, ob die Kinder da eine glückliche Kindheit haben, ist fraglich.
remax 12.11.2015
2. Die harte Arbeit und das hohe Niveau..
zahlen sich aus. Hab selber vor paar Jahren einen Chemievorkurs für angehende Mediziner geleitet, um die fehlenden schulischen Vorkenntnisse aufzuholen. Im Hörsaal waren 250 Studienanfänger, unter denen 20 aus Singapur und Südkorea. Bei ben Übungsaufgaben waren die letztgenannten total unterfordert während die Einheimischen zum Teil ein faktisches Nullwissen hatten.
wastl300 12.11.2015
3. Ein krankes System
keine Kindheit, hohe Selbstmordrate, frühe Selektierung filtern nicht die Besten oder für den Beruf geeignesten. Da fragt man sich, warum sind in den Ländern nicht die Besten und Kreativsten zu Hause?
koka_banana 12.11.2015
4. Das Wissen besteht aus sturem
Auswendiglernen. Die Tests sind Multiple Choice Fragen, die garantieren zwar Chancengleichheit aber fördern auch kein aktives Wissen. Ist wie das Medizinstudium, da muss man nicht intelligent für sein. Da wird keine Kreativität gefördert. Sieht man ja auch an den Innovationen, die aus Ostasien kommen. Nicht viel. Wieviele Nobelpreisträger kommen aus Ostasien? Die noch so schlauen Nationaluniversitätsabsolventen, ob sie denn aus Seoul oder Tokio stammen, sind nicht zwingend intelligenter, wissender und kreativer. Krankes System, das auf die konfuzianischen Aufstiegschancen aufbaut. Für die armen Kinder kein schönes Leben, schon in der Grundschule, müssen die während der FERIENZEIT zur Schule gehen. ABSURD!!!
jskor 12.11.2015
5. Wer sagt, dass sie es nicht sind?
Zitat von wastl300keine Kindheit, hohe Selbstmordrate, frühe Selektierung filtern nicht die Besten oder für den Beruf geeignesten. Da fragt man sich, warum sind in den Ländern nicht die Besten und Kreativsten zu Hause?
Wer sagt, dass in Südkorea nicht (unter anderem, kann man natürlich nicht nur auf ein einzelnes Land runterbrechen) die Besten zuhause sind? Nach dem Korea-Krieg war das land bitterarm, ärmer als heute z.B. die Phillipinen. Das ging so weit, dass Bergarbeiter und Krankenschwestern unter anderem nach Deutschland entsendet wurden, um zuhause die Familien ernähren zu können. Die sind übrigens im Gegensatz zu vielen anderen Nationen zu 99% danach wieder nach Hause gegangen. Heute hat sich Südkorea binnen weniger Jahre (20-30) hinsichtlich Technologie, Lebendsstandard und Einkommen auf einen Höchstplatz in der Welt bewegt. Dazu gehört nicht nur der Erfolg der Elektronikgiganten wie Samsung und LG, sondern auch die Automobilindustrie mit Hyundai und Kia rollt den Weltmarkt mit durchgehend zweistelligen Wachstumszahlen kräftig auf. In ein paar Jahren ist das pro Kopf-Einkommen höher als in Deutschland (Netto, aufgrund der viel niedrigeren Steuern dort, ist es das bereits heute). Natürlich hat das einen hohen Preis, der sich durch Wettbewerb, extremes Lernen durch die ganze Kindheit hinweg und Angst vor Versagen ausdrückt.
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