Uni-Bürokratie Verloren in der Masse

Sinnlose Formulare, abwesende Dozenten, komplizierte Prüfungsordnungen: Felix Ehring hat an einer norddeutschen Massenuni studiert - und jahrelang unter der chaotischen Verwaltung gelitten. Die einzigen, die ihm wirklich halfen, waren die Sekretärinnen. Eine Abrechnung.


Es ist das Ende meines Studiums, aber feierlich ist die Stimmung nicht. Ich stehe in einem Büro-Interieur der siebziger Jahre. Man sieht solche Möbel wieder öfter im Fernsehen, etwa in Reportagen über die Schleyer-Entführung. Genauso sieht es an dieser Universität aus. Die Urkunde für meinen Studienabschluss bekomme ich in zweifacher Ausfertigung überreicht. Ein Versehen, erfahre ich: "Ihre Urkunde ist erst falsch gedruckt worden. Die richtige Version wurde jetzt gleich zweimal zugeschickt." Klar, ein Versehen. Hätte ich mir denken können.

Uni-Campus (in Hamburg): Den Widrigkeiten der Massenuni trotzen
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Uni-Campus (in Hamburg): Den Widrigkeiten der Massenuni trotzen

Rund fünf Jahre hat mein Studium an einer norddeutschen "Massenuniversität" gedauert. Masse statt Klasse. Damals, als das Millennium noch jung war, hatte ich mir mit einem juristischen Winkelzug einen Studienplatz ergaunert. Hier wollte ich studieren, aber die Uni fand mich um den Abinotenwert 0,2 zu schlecht. Also besorgte ich mir beim Asta ein Widerspruchsformular und trat ein zweites Mal an die Bildungspforte.

Meine Motivation war nicht etwa der exzellente Ruf dieser Hochschule. Worte wie "Exzellenz" waren noch gar nicht bis in den Sprachschatz der deutschen Bildungspolitik vorgedrungen, Bologna war irgendeine Stadt in Italien. Mein Grund war ein anderer: Wie so viele wollte ich nicht in die Provinz und errang mit dem Widerspruch einen ersten Sieg im bürokratischen Mehrkampf. Den kommenden Widrigkeiten der Massenuni müsste ich eben trotzen. Diesen Preis war ich zu zahlen bereit. Und ich zahlte ihn, in Raten.

Warten ist die oberste Maxime

Die größte Hürde einer Universität ist ihr bürokratischer Apparat. Irgendwann fällt man auf die Nase, soviel ist sicher. Von den sieben Kommilitonen, die ich in der Orientierungseinheit kennen lernte, habe ich bald niemanden mehr auf dem Campus gesehen. Es werden kaum alle ihr Studium abgebrochen haben, weil sie das Fach zu schwierig fanden. Bestimmt hatten einige einfach genug vom ewigen Chaos, das man so schnell so normal findet. In der Masse verloren wir uns aus den Augen. Wo seid ihr, frühe Gefährten?

Ich machte mich ebenfalls rar. Bücher ausleihen, Hausarbeiten schreiben - geschenkt, das ging fast nebenbei, zwischen zwei Grillabenden im Park und zwei Fernreisen. Aber wer zählt die Stunden, die ich auf dem Flur der Studienberatung verbrachte, als ich mein Nebenfach wechseln wollte? Ebenso unvergessen sind die Sprechstunden bei Dozenten. Viel zu oft stand ich zur Sprechstundenzeit vor einer verschlossenen Bürotür.

An der Bürotür kann man die Dozenten unterscheiden: Der Gleichgültige ist einfach nicht da. Der Fürsorgliche teilt durch einen Zettel mit, dass die Sprechstunde leider ausfallen muss, wegen Krankheit, wegen einer Dienstreise, Gremiumssitzung, Nebenfachprüfung. Wer braucht Gründe, wenn er Professor ist?

Falls der Dozent seiner Pflicht doch nachkam, wartete ich in der Hoffnung auf eine kurze Audienz. Ich saß in dunklen Fluren so lange auf schmutzigen Fußböden herum, dass ich Angst bekam, der Asbest könnte langsam in mein Hinterteil diffundieren. In diesen Stunden erinnerte ich mich an die Begrüßungsworte des Dekans, die Universität müsse mehr vermitteln als das nackte Wissen ihrer Disziplinen. Das tat sie: Sie lehrte mich, geduldig zu sein, genügsam, gleichmütig.

Im Krebsgang durch die Institutionen

Immerhin: Es gibt Sekretärinnen, die sich wirklich rührend kümmern. Ohne sie, das weiß ich als Ex-Student einer Massenuni, würde nichts funktionieren. Dozenten würden in verwohnten Büros unter Ordnern und Fachliteratur begraben und vergessen. Studenten würden verzagen, weil sie die Prüfungsordnungen nicht verstünden.

Wenn aber selbst eine Sekretärin ratlos ist, dann wird es ungemütlich. Ich bekam das zu spüren, als ich mich für meine Abschlussprüfung anmeldete. Dafür absolvierte ich einen Marathon - mit Unterschriften von sechs Prüfern sowie zwei weiteren schriftliche Zusagen für die Begutachtung meiner Magisterarbeit. Das alles musste zusätzlich in den einzelnen Fachbereichen abgestempelt werden. Warum? Darum. Zu einem Dokument gehört eben auch ein Stempel.

Dazu reichte ich sämtliche Scheine ein, die Sprachnachweise, auch mein Abiturzeugnis. Natürlich hätte ich das Studium ohne Abizeugnis gar nicht beginnen können, wäre ohne nachgewiesene Fremdsprachenkenntnisse nicht fürs Hauptstudium zugelassen worden. Vorzeigen, Unterschreiben, Abstempeln - das dauert. Und meinen Marsch durch die Institutionen machte ich im Juli und August. Schlimmer Fehler: Kein Dozent hält sich dann an der Universität auf. Im September aber auch nicht. Erst im Oktober findet man sich langsam wieder ein.

Professor auf Reisen, Klausur perdu

Ehrlicherweise sei gesagt: Es war ja nicht alles schlecht. Natürlich gibt es Dozenten, die sich auch um ihre Studenten kümmern und nicht nur um die nächste Veröffentlichung. Es gibt fachkundige Verwalter und Bibliothekare. Und da ich noch das Privileg eines kostenlosen Studiums hatte, übte ich mich manches Mal in Demut.

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Hat schon jemand errechnet, welcher volkswirtschaftliche Schaden dadurch entsteht, dass sinnlose Formulare, Stempel, Unterschriften die Studienzeit in die Länge ziehen? Bei aller berechtigten Kritik an Bachelor und Master: Die neuen Abschlüsse können die Struktur des Studiums und damit die Studiendauer nur verbessern. Feste Korrekturfristen für Klausuren und Hausarbeiten sind ein Segen!

Dennoch beherbergen die Universitäten weiter Insassen, die sich der Sicherheit ihrer Stellung allzu bewusst sind. Ihr Verhalten ist zahlenden Studenten unter erhöhten Leistungsdruck nicht zuzumuten. Und selbst gutwillige Sachbearbeiter bleiben offensichtlich Einzelkämpfer. Dozenten kommunizieren kaum mit der Verwaltung, sehen sie als notwendiges Übel. Die Folgen baden die Studenten aus.

Nachdem ich schließlich die letzte Klausur geschrieben hatte, sollte mir möglichst schnell das Zeugnis ausgestellt werden. Es dauerte zwei Monate - die Klausur wie das dazugehörige Gutachten waren spurlos verschwunden. Mysteriös. Man gab die Schuld der Hauspost, kontrollierte mehrmals sämtliche Ablagen und Postfächer, Sekretärinnen ließen Schränke und Schreibtische abrücken. Dann kehrte der verantwortliche Professor von einer längeren Auslandsreise zurück. Einen Tag später tauchten die Dokumente plötzlich wieder auf.

In den Wochen davor tröstete mich die Sekretärin rührend: Es sei nicht gar so schlimm, wenn die Klausur verschwunden sei. Denn sie kopiere alle Klausuren, bevor sie diese zur Korrektur an die Dozenten weiterleite. Das habe sich bewährt.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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fucus-wakame 08.04.2009
1. Praktische Erfahrung
Danke für diesen ausführlichen Bericht. Wieder einmal wird klar, daß am deutschen Bildungsunwesen etwas faul ist. Lehrer? Leerer!
ekel 08.04.2009
2. Bachelor auch nicht besser!
Kenn ich. Ich wechsle jetzt an die Fachhochschule, da funktionierts. Eine Kritik hab ich: Bei Bachelor und Master ist das auch nicht anders, man hat nur NOCH weniger Zeit, um die ganzen Sachen zu organisieren. Ansonsten kann ich dem Artikel nur zustimmen.
Osis, 08.04.2009
3. Überall...
TU Dortmund das gleiche Lied. Da werden auch schonmal Stempel gefordert, die keiner ausgeben will, oder hat... Oder Formulare werden nur als kopie ausgegeben, die anderso als Original verlangt werden. Woraufhin ich erst ziemlich laut werden mußte, damit die Dame mit der anderen telefoniert. Um das problem dann nach 15 Min Diskussion, mit Rausschmissandrohung in nichtmal 10 Sekunden zu erledigen. Aber das hab ich hinter mir. Trotz Chaos.
Newspeak, 08.04.2009
4. ...
Ich war nur Student auf einer mittelgroßen Uni. Aber es stimmt. Fähige Sekretärinnen an den Fachbereichen und andere Uni-Mitarbeiter halten den Laden am Laufen. Die übergeordnete Univerwaltung macht meistens nur Ärger. Vieles an der Uni-Bürokratie ist einfach nur eine fortwährende Beleidigung der eigenen Intelligenz. Ich kann Studenten sehr gut verstehen, die davon ziemlich früh genug haben, kann aber auch mit Professoren mitfühlen, die sich dem ebenfalls so weit es geht entziehen. Wäre Bildung wirklich Bundessache und die Univerwaltung nicht ein Ausdruck parteipolitischen Postengeschachers und stattdessen mehr von fachkompetenten Personen besetzt wäre es vielleicht besser. Aber wir leben ja in der "Bildungsrepublik" Deutschland, wie die Kanzlerin nicht aufhört zu versichern, wenn sie nicht gerade ähnlich fundamentale Weisheiten von sich gibt, wie "Der Aufschwung kommt bei den Menschen an!", oder "Die Spareinlagen sind sicher!"...
Tiuri 08.04.2009
5. Fh...
1.) Guter Artikel, kann teilweise zustimmen. :) 2.) Es mag ja sein, dass FH's besser organisiert sind, aber "Geschichte, Politik und Volkskunde" kann man an keiner FH so studieren (und das hat auch seinen Grund ;)
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