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10. September 2018, 09:46 Uhr

Handyverbot an der Uni

"Smartphones zerstören die Lernatmosphäre"

Ein Interview von

Rechtshistoriker Milos Vec verbietet in seinen Vorlesungen Smartphones und Laptops. Mit seiner No-Screen-Policy versucht er, die Aufmerksamkeit seiner Studenten zurückzugewinnen. Klappt das?

SPIEGEL ONLINE: Herr Vec, Sie haben im Hörsaal eine No-Screen-Policiy eingeführt. Ihre Studenten dürfen also während Ihrer Vorlesung weder auf ihre Smartphones noch Laptops schauen. Warum?

Milos Vec: Meine Studenten sollen mir und einander wieder zuhören. Es ist frustrierend, wenn ich ihnen zum Beispiel erzähle, wie Vasco Núñez de Balboa 1513 den Pazifik entdeckte, mit gezücktem Schwert und Schild durch die Brandung watete, um alle Länder und Inseln zwischen Arktis und Antarktis zum Besitz der spanischen Krone zu erklären - und dann tippt dabei jemand auf seinem Smartphone herum. Das zerstört die Lernatmosphäre. Diese faszinierende Geschichte steht für das Okkupationsrecht im neuzeitlichen Völkerrecht. Sie zeigt auf, warum wir auch heute noch Probleme mit Ungleichheit und Eurozentrismus haben.

SPIEGEL ONLINE: Macht Sie das wütend?

Vec: Wütend ist das falsche Wort. Ich kann das Verhalten ja verstehen, ich weiß aus eigener Erfahrung, wie abhängig man von Smartphones werden kann. Aber es lenkt mich extrem ab, wenn Studenten in der Vorlesung Nachrichten lesen oder schreiben. Meine eigene Leistungsfähigkeit wird untergraben, wenn ich sehe, dass sich jemand mit seinem Handy beschäftigt. Ich kriege meine Sätze nicht mehr richtig zu Ende, verliere den roten Faden und vergesse, was man noch aus einer Geschichte ableiten kann oder welche wichtigen Ausnahmen es noch zu einer Rechtsregel gibt. Außerdem erzähle ich ihnen vom verheerenden Passivrauchen-Effekt des Smartphones.

SPIEGEL ONLINE: Und der wäre?

Vec: Selbst die Studenten, die ihr Smartphone in ihren Taschen lassen, werden von denjenigen abgelenkt, die Nachrichten lesen. Manche müssen um sechs Uhr morgens aufstehen, um pünktlich in meiner Vorlesung zu sitzen - die sind doch nicht gekommen, um sich ablenken zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Studenten auf Ihre Ansage?

Vec: Fast alle packen tatsächlich ihr Smartphone weg und klappen den Laptop zu.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie denn auch aufmerksamer?

Vec: Ja, sie gucken plötzlich neugieriger, wacher, offener und interessierter nach vorne. Sie sind präsenter, konzentrierter. Und sie sind eher bereit, mitzumachen, denn ich gestalte meine Vorlesungen interaktiv. Und sie strahlen ein Gefühl von Erlösung und Entlastung aus, weil sie nicht mehr in dem Stress sind, ständig Nachrichten überprüfen zu müssen.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie mit Studenten, die sich nicht an Ihre No-Screen-Policy halten?

Vec: Ich spreche sie direkt an und sage ihnen, dass sie gerade wenig mitbekommen. Dann erkläre ich ihnen noch mal, dass es in der Rechtsgeschichte sowie in den Rechtswissenschaften generell auf Exaktheit ankommt - auch ich muss mich extrem konzentrieren, und das kann ich nicht, wenn die Studenten unkonzentriert sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie nicht probiert, Smartphones in Ihren Unterricht mit einzubinden?

Vec: Ich wollte das sogar mal machen. Es gibt ein Programm fürs Smartphone, mit dem man interaktiv Wissen abfragen kann. Ich wollte meine Studenten zum Beispiel fragen, wie viele Gesetze es wohl im Heiligen Römischen Reich gab. Das ist eine Frage, mit der man sie überraschen kann, denn zwischen 1500 und 1800 waren es zwischen sechs und zehn Millionen. Mit dieser Software könnte ich auch überprüfen, wie viel Wissen hängengeblieben ist.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie haben es nicht ausprobiert?

Vec: Nein, denn ich habe mir überlegt, welche empirischen Effekte das auf die Mediennutzung im Hörsaal hätte: Würde ich so eine Software einsetzen, hätten die Studenten das Smartphone ja immer in Reichweite und bekommen mit, wenn sie Nachrichten erhalten. Das würde den Lerneffekt untergraben.

SPIEGEL ONLINE: Viele Bildungsforscher sprechen sich dafür aus, Smartphones im Unterricht zu verwenden.

Vec: Ein Bertelsmann-Vertreter sagte neulich sogar, zu einem guten Unterricht gehöre das Handy. So etwas lässt sich für mich nicht anders als ökonomisch und durch völlige Weltfremdheit erklären.

SPIEGEL ONLINE: Aber das Handy auszuschalten, ist doch auch weltfremd.

Vec: Ich bitte die Studierenden ja nicht, es den ganzen Tag auszuschalten, sondern nur, es mal 90 Minuten lang während der Vorlesung wegzulegen. Vielleicht macht es Sinn, solche Tools in anderen Fächern, etwa in den Naturwissenschaften anzuwenden. Ich will mich ja auch nicht per se gegen sie aussprechen. Doch ich glaube, die Nachteile sind größer. Studenten sind aufmerksamer ohne Smartphones. Räume an der Uni, in denen sie keinen Empfang hätten, würden bestimmt auch stark nachgefragt werden. Dort könnten sie ungestört lesen und arbeiten. Man muss sich ja schon zwingen, mal hundert Seiten am Stück zu lesen, ohne auf sein Smartphone zu gucken.

SPIEGEL ONLINE: Wo ist Ihr Handy, wenn Sie eine Vorlesung halten?

Vec: Seit der No-Screen-Policy lasse ich mein Handy im Büro, wenn ich Vorlesungen halte. Ich wollte es nicht mehr sehen. Allein schon, wenn ich wusste, dass es in meiner Jackentasche ist, habe ich weniger mitbekommen und fühlte mich auch irgendwie unglücklicher. Es bringt mir viel mehr, aufmerksamer zu sein als ständig erreichbar.

Im Video: Digitale Abstinenz im Selbstversuch

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