Handyverbot an der Uni "Smartphones zerstören die Lernatmosphäre"

Rechtshistoriker Milos Vec verbietet in seinen Vorlesungen Smartphones und Laptops. Mit seiner No-Screen-Policy versucht er, die Aufmerksamkeit seiner Studenten zurückzugewinnen. Klappt das?

Studentin mit Smartphone
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Studentin mit Smartphone

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Vec, Sie haben im Hörsaal eine No-Screen-Policiy eingeführt. Ihre Studenten dürfen also während Ihrer Vorlesung weder auf ihre Smartphones noch Laptops schauen. Warum?

Milos Vec: Meine Studenten sollen mir und einander wieder zuhören. Es ist frustrierend, wenn ich ihnen zum Beispiel erzähle, wie Vasco Núñez de Balboa 1513 den Pazifik entdeckte, mit gezücktem Schwert und Schild durch die Brandung watete, um alle Länder und Inseln zwischen Arktis und Antarktis zum Besitz der spanischen Krone zu erklären - und dann tippt dabei jemand auf seinem Smartphone herum. Das zerstört die Lernatmosphäre. Diese faszinierende Geschichte steht für das Okkupationsrecht im neuzeitlichen Völkerrecht. Sie zeigt auf, warum wir auch heute noch Probleme mit Ungleichheit und Eurozentrismus haben.

Zur Person
  • Barbara Mair
    Milos Vec, Jahrgang 1966, ist Professor für europäische Rechts- und Verfassungsgeschichte an der Universität Wien und Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM).

SPIEGEL ONLINE: Macht Sie das wütend?

Vec: Wütend ist das falsche Wort. Ich kann das Verhalten ja verstehen, ich weiß aus eigener Erfahrung, wie abhängig man von Smartphones werden kann. Aber es lenkt mich extrem ab, wenn Studenten in der Vorlesung Nachrichten lesen oder schreiben. Meine eigene Leistungsfähigkeit wird untergraben, wenn ich sehe, dass sich jemand mit seinem Handy beschäftigt. Ich kriege meine Sätze nicht mehr richtig zu Ende, verliere den roten Faden und vergesse, was man noch aus einer Geschichte ableiten kann oder welche wichtigen Ausnahmen es noch zu einer Rechtsregel gibt. Außerdem erzähle ich ihnen vom verheerenden Passivrauchen-Effekt des Smartphones.

SPIEGEL ONLINE: Und der wäre?

Vec: Selbst die Studenten, die ihr Smartphone in ihren Taschen lassen, werden von denjenigen abgelenkt, die Nachrichten lesen. Manche müssen um sechs Uhr morgens aufstehen, um pünktlich in meiner Vorlesung zu sitzen - die sind doch nicht gekommen, um sich ablenken zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Studenten auf Ihre Ansage?

Vec: Fast alle packen tatsächlich ihr Smartphone weg und klappen den Laptop zu.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie denn auch aufmerksamer?

Vec: Ja, sie gucken plötzlich neugieriger, wacher, offener und interessierter nach vorne. Sie sind präsenter, konzentrierter. Und sie sind eher bereit, mitzumachen, denn ich gestalte meine Vorlesungen interaktiv. Und sie strahlen ein Gefühl von Erlösung und Entlastung aus, weil sie nicht mehr in dem Stress sind, ständig Nachrichten überprüfen zu müssen.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie mit Studenten, die sich nicht an Ihre No-Screen-Policy halten?

Vec: Ich spreche sie direkt an und sage ihnen, dass sie gerade wenig mitbekommen. Dann erkläre ich ihnen noch mal, dass es in der Rechtsgeschichte sowie in den Rechtswissenschaften generell auf Exaktheit ankommt - auch ich muss mich extrem konzentrieren, und das kann ich nicht, wenn die Studenten unkonzentriert sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie nicht probiert, Smartphones in Ihren Unterricht mit einzubinden?

Vec: Ich wollte das sogar mal machen. Es gibt ein Programm fürs Smartphone, mit dem man interaktiv Wissen abfragen kann. Ich wollte meine Studenten zum Beispiel fragen, wie viele Gesetze es wohl im Heiligen Römischen Reich gab. Das ist eine Frage, mit der man sie überraschen kann, denn zwischen 1500 und 1800 waren es zwischen sechs und zehn Millionen. Mit dieser Software könnte ich auch überprüfen, wie viel Wissen hängengeblieben ist.

SPIEGEL ONLINE: Aber Sie haben es nicht ausprobiert?

Vec: Nein, denn ich habe mir überlegt, welche empirischen Effekte das auf die Mediennutzung im Hörsaal hätte: Würde ich so eine Software einsetzen, hätten die Studenten das Smartphone ja immer in Reichweite und bekommen mit, wenn sie Nachrichten erhalten. Das würde den Lerneffekt untergraben.

SPIEGEL ONLINE: Viele Bildungsforscher sprechen sich dafür aus, Smartphones im Unterricht zu verwenden.

Vec: Ein Bertelsmann-Vertreter sagte neulich sogar, zu einem guten Unterricht gehöre das Handy. So etwas lässt sich für mich nicht anders als ökonomisch und durch völlige Weltfremdheit erklären.

SPIEGEL ONLINE: Aber das Handy auszuschalten, ist doch auch weltfremd.

Vec: Ich bitte die Studierenden ja nicht, es den ganzen Tag auszuschalten, sondern nur, es mal 90 Minuten lang während der Vorlesung wegzulegen. Vielleicht macht es Sinn, solche Tools in anderen Fächern, etwa in den Naturwissenschaften anzuwenden. Ich will mich ja auch nicht per se gegen sie aussprechen. Doch ich glaube, die Nachteile sind größer. Studenten sind aufmerksamer ohne Smartphones. Räume an der Uni, in denen sie keinen Empfang hätten, würden bestimmt auch stark nachgefragt werden. Dort könnten sie ungestört lesen und arbeiten. Man muss sich ja schon zwingen, mal hundert Seiten am Stück zu lesen, ohne auf sein Smartphone zu gucken.

SPIEGEL ONLINE: Wo ist Ihr Handy, wenn Sie eine Vorlesung halten?

Vec: Seit der No-Screen-Policy lasse ich mein Handy im Büro, wenn ich Vorlesungen halte. Ich wollte es nicht mehr sehen. Allein schon, wenn ich wusste, dass es in meiner Jackentasche ist, habe ich weniger mitbekommen und fühlte mich auch irgendwie unglücklicher. Es bringt mir viel mehr, aufmerksamer zu sein als ständig erreichbar.

Im Video: Digitale Abstinenz im Selbstversuch

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herkurius 10.09.2018
1.
Werter Herr Vec, 80 Prozent der Menschen (und das sind die, die allein von Ihnen wahrgenommen werden) lernen auditiv, 20 Prozent durch Lesen. Zudem wurde ich vor gar nicht langer Zeit an einer Uni-Klinik als extrem hochbegabt diagnostiziert. Jetzt ist mir klar, warum ich mich vor knapp 50 Jahren an der Technischen Hochschule Aachen in den Vorlesungen zu Tode langweilte. Versuchen Sie heute mal, einen Computer mit einem 2400-bps-Modem zu betreiben, wo das in zehn Minuten hereinträufelt, was sie in einer Sekunde auf dem Bildschirm auf einmal sehen - und zwar mit dem Bewusstsein, was drin steht. Vielleicht suchen ein paar der Studenten, von deren Verhalten Sie so genervt sind (eine Unverschämtheit ist es schon, wenn einer spricht und der andere chattet oder sonstwas auf dem Handy treibt, zugegeben), einfach einen Ausweg aus der unerträglichen Redundanz. Vielleicht tun sie sogar was Produktives - ich habe früher schon mal Vorträge mitstenografiert, heute würde ich meine Notizen auf einem Notebook mitschreiben und mir möglichst gleich per Outline-Programm strukturieren. Zehnfingerblind tippen geht ungefähr dreimal so schnell wie von Hand mitschreiben. (Steno geht _noch_ dreimal so schnell. Wenn man's denn hinterher auch garantiert wieder lesen könnte ...).
neucriro 10.09.2018
2. Sehr nachahmenswert
Warum soll unterricht modern sein, wenn man dafür ein Smartphone benutzen muss? Ich kann alles nur unterstützen, was er sagt. Ich selbst unterrichte Mathe, Physik und Informatik. Natürlich benutzen wir die Dinger, z.B. um mal Zeitlupenaufnahmen im Physikunterricht zu machen, aber das ist dann ganz konkret zu einem Thema und 1 von 20 Stunden. Man hat immer den Eindruck, nur weil es die Dinger jetzt gibt, muss man lauter Anwendungen im Unterricht erfinden, unabhängig, ob der Unterricht vorher schon gut war oder nicht...
karlsiegfried 10.09.2018
3. Na klar, somuss das sein
Nicht mehr lange hin und alle laufen mit einem Chip im Ohrlappen rum. Das ersetzt den Ausweis, die Scheckkkarte, die Kreditkarte, den Führerschein und , und, und bis hin zum Smartphone. Auch das eigene Gehirn wird dabei ersetzt. Wirklich eine tolle Welt.
DerQQ 10.09.2018
4. Störsender!
Man sollte Störsender einbauen, die der Prof/Lehrer an und ausstellen kann. In unserer heutigen Gesellschaft werden wir ständig abgelenkt und das kann man mit einem einfachen Störsender minimieren. Anstelle von einem kleinen Gerät, stopfen wir unsere Kinder aber lieber mit schweren Medikamenten zu, weil sie ADHS (Aufmerksamkeitsproblem) haben. Und wenn jetzt jemand kommt mit dem Einspruch, dass ja etwas schlimmes zu Hause passieren könnte und man sein Kind erreichen muss. Früher ging es auch ganz normal mit einem Festnetz-Telefonat zur Schule.
TS_Alien 10.09.2018
5.
Im Unterricht muss man mitdenken. Wer sich ablenkt, der bekommt nicht viel mit. Die Mitschrift genügt nicht, denn nicht alles wird aufgeschrieben, nicht alles kann aufgeschrieben werden. Der Hype um digitale Bildung oder digitale Medien kostet viel Geld (Geräte, Professuren, Studien, ...). Der Nutzen ist zweifelhaft. Manches ist sogar schädlich. Wer sich z.B. keinen Funktionsgraph vorstellen kann oder Probleme mit dem dreidimensionalen Denken hat, wird das durch Plotprogramme auch nicht lernen. Es ist auch ein Thema, bei dem sich mancher profilieren will.
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