Uni-Flitzer Stressabbau in Unterwäsche

Kaum ist die letzte Klausur vorbei, feiern Studenten der University of California mit viel nackter Haut: Beim "Undie Run" flitzen 10.000 Teilnehmer in Shorts, Höschen und BH über den Campus. Nun hat die Uni das Ritual verboten - doch die Studenten hängen an ihrem Spaßlauf.

Von Gregor Waschinski, Los Angeles


Jason, 21, kann sich noch genau an seinen ersten "Undie Run" erinnern, er trug nichts als Boxershorts und ließ sich einfach treiben in dem Meer von halbnackten Körpern. "So ein unglaublicher Rausch", schwärmt der Politikstudent an der University of California in Los Angeles (UCLA).

Mittlerweile ist er ein "Undie Run"-Veteran, neun Mal zog er bereits aus Freude über das Ende der Klausuren weitgehend blank. "Es hat etwas Befreiendes, in Unterhosen über das Unigelände zu laufen", sagt Jason. Dass die Universitätsleitung das exhibitionistische Ritual jetzt verboten hat, will er nicht akzeptieren.

Dreimal pro Jahr haben sich die Studenten an der UCLA bisher zum "Undie Run" versammelt, zum Abschluss jedes Trimesters. Wer auf der gut eine Meile langen Strecke als erster ankommt, ist nebensächlich. Wichtig ist nur der Dresscode: Zugelassen sind Schlüpfer, Nachthemden, String-Tangas, Feinripp-Retros oder verwandte Textilien aus der Unterwäsche-Abteilung. "Damit drücken wir unsere Erleichterung nach zehn Wochen Lernstress aus", erklärt Jason den sonderbaren Brauch.

10.000 Halbnackte stürmen durch die Straßen

Beim ersten "Undie Run" 2002 joggte gerade mal ein Dutzend Studenten in minimalistischer Kluft über das Unigelände. Ihre spontane Aktion machte mächtig Eindruck auf die Kommilitonen: Immer mehr Studenten entkleideten sich in den folgenden Jahren und schlossen sich den Läufern der ersten Stunde an. Allerdings lockte die Aussicht auf nackte Haut auch zunehmend Partygäste von außerhalb. Als jüngst im Juni gut 10.000 Läufer mitmachten, trat die Universität auf die Bremse.

YouTube: Undie Run 2009

"Was als Tradition von Studenten begann, ist zu einem Umsonst-Ereignis geworden, das eine Menge Leute ohne Verbindung zur UCLA anlockt", begründete Dekan Robert Naples das Verbot in einer offiziellen Erklärung. Die ungeladenen Gäste hätten "wenig Rücksicht für das Wohlergehen der Studenten und der Anwohner gezeigt". Aus Sicherheitsgründen habe die Universitätsleitung keine andere Wahl gehabt, als den "Undie Run" abzublasen.

"Wir hatten 15 Krankenwagen-Einsätze, vier Studenten mussten ins Krankenhaus", sagt UCLA-Sprecherin Elizabeth Boatright-Simon. Sie berichtet von Schlägereien und beschädigten Autos beim Rennen im Juni; unter Vandalismus gelitten hätten in der Vergangenheit auch die Bibliothek und ein Springbrunnen. Zudem seien die Kosten für den Einsatz von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei, die Jahr für Jahr die Uni bezahlen musste, stark gestiegen.

Jeder zweite Läufer ist kein Student

Das Verbot kam für Jason überraschend, der als gewählter Studentenvertreter in engem Kontakt mit der Uni-Leitung steht. "Das ist schon frustrierend. Vor kurzem haben wir noch mit der Universität zusammengesessen und über den 'Undie Run' diskutiert." Allerdings räumt er ein, das die zunehmende Zahl von Campus-Fremden beim "Undie Run" ein Problem sei: "Wir schätzen, dass bis zur Hälfte der 10.000 Läufer nicht auf die UCLA gehen."

Jason und sein Mitstreiter Addison Huddy versuchen nun zu retten, was zu retten ist. "Unser Ziel ist, das Rennen wieder mehr auf die Studenten zuzuschneiden", sagt Jason. Addison schlägt vor, den Unterwäsche-Lauf zu einer offiziellen Uni-Veranstaltung zu machen, um unliebsame Gäste fernzuhalten. Die teuren Polizei- und Sanitätereinsätze sollten künftig mit Sponsorengeld bezahlt werden. "Wir werden der Universität einen Plan vorlegen", sagt Addison. "Ich bin zuversichtlich, dass wir den 'Undie Run' erhalten können."

Der Widerstand der Studenten gegen die Entscheidung der Universitäts-Oberen formiert sich unterdessen auch im Internet. Die Facebook-Gruppe "Save Undie Run" hat bereits mehr als 2600 Mitglieder, jeden Tag kommen Hunderte dazu. "Wenn sie das für immer absagen, dann gibt es Krawalle", prophezeit eine Brittany im Forum. Andere Studenten rufen dort zum zivilen Ungehorsam auf: "Wieso muss die Uni das überhaupt erlauben? Wenn einige hundert Leute einfach auftauchen, wird die Polizei nicht das geringste dagegen machen können", schreibt Diego. Ein Student mit Namen Jon wirft der Unileitung gar "unamerikanisches Verhalten" vor.

Die UCLA macht ihren Studenten aber wenig Hoffnung, dass sie am Ende des Herbst-Trimesters im Dezember die Tradition fortsetzen können. "Wir haben immer wieder versucht, zusammen mit den Studentenvertretern und dem Sicherheitsdienst der Universität eine Lösung zu finden", sagt Sprecherin Boatright-Simon. Der "Undie Run" sei außer Kontrolle geraten. "Unsere Entscheidung ist definitiv."

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