Refugee Law Clinic Jurastudentin Pauline berät Flüchtlinge zum Asylrecht

Jurastudentin Pauline Lehmann engagiert sich in der Refugee Law Clinic. Geflüchtete bekommen dort Hilfe bei Fragen zum Asylrecht. Hier erzählt Pauline, was sie bei ihrer Arbeit glücklich macht - und was sie belastet.

Datenbogen der Hamburger Refugee Law Clinic
Refugee Law Clinic/Universität Hamburg

Datenbogen der Hamburger Refugee Law Clinic

Aufgezeichnet von Julia Nolte


Zur Person
  • Refugee Law Clinic
    Pauline Lehmann, 22, studiert Jura im 7. Semester an der Universität Hamburg.

"Bei der Refugee Law Clinic machen auch Studierende mit, die selber Fluchterfahrung haben oder Eltern haben, die nach Deutschland geflohen sind. Ich persönlich hatte aber vorher keinen Kontakt mit dem Asylrecht.

Ab 2015 habe ich begonnen, mich für Menschenrechte zu interessieren, als die Flüchtlingsschutzkrise so stark im Gespräch war. Da habe ich gerade Abi gemacht, und als ich dann mit dem Jurastudium anfing, hat mir das die Möglichkeit eröffnet, mich auf diese Weise für die Rechte von Menschen einzusetzen.

Ich habe mich bei der Refugee Law Clinic für die einjährige Ausbildung im Asylrecht beworben und arbeite jetzt immer mittwochs drei Stunden lang in der studentischen Rechtsberatung für Geflüchtete. Die Ausbildung besteht aus einem Seminar, einer Übung, Vorträgen und einem Wochenendseminar, und einmal die Woche gehen wir mit schwierigen Fällen zur Supervision bei einem Rechtsanwalt. Das ist wie eine Fortbildung.

Familienzusammenführung geht mir besonders nahe

Es gibt uns in mehr als 30 Städten in Deutschland, allein in Hamburg beraten wir an vier Standorten. Ich bin hier im Team auf dem Campus, wo wir kostenlos einen Raum nutzen dürfen. Einer aus unserem Team spricht Farsi, und wir haben Dolmetschende für Arabisch und Farsi, aber die meisten Geflüchteten sprechen schon gut Deutsch oder Englisch, oder sie bringen jemanden mit, der Deutsch kann. Sie fragen: Wie bekomme ich Asyl? Worauf muss ich bei der Anhörung achten? Meine Mutter ist in der Türkei, in Syrien, Frankreich - wie hole ich sie nach Deutschland?

Familienzusammenführung ist ein Thema, das mir besonders nahegeht. Wenn ein Geflüchteter zum Beispiel kurz vor der Antragstellung volljährig geworden ist und die Eltern und Geschwister deswegen nicht nachgeholt werden können, ist das traurig.

Wir hören die Fluchtgeschichten an, überlegen, wie der Fall zu lösen ist, beraten, begleiten einige auch zur Anhörung vor den Behörden. Als gelungen empfinde ich die Beratung, wenn wir Klarheit darüber schaffen konnten, was als nächstes zu unternehmen ist. Es gibt aber auch Fälle, da können wir nicht weiterhelfen, das ist dann schwer auszuhalten.

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Am Anfang war ich etwas angespannt bei der Beratung, weil man so viel Verantwortung trägt. Ich will keine falschen Hoffnungen wecken und auch keine falschen Informationen geben. Es ist aber nie stressig, auch nicht, wenn an einem Tag mal mehr als neun Ratsuchende kommen.

Die Leute sind sehr freundlich. Sie stammen hauptsächlich aus Syrien, Afghanistan, Iran und Irak. Sie wissen, dass wir noch studieren und ehrenamtlich arbeiten, und sind, glaube ich, froh, nicht allein mit ihren Fragen dazustehen. Es ist aber auch kein Kaffeeklatsch. Alle sind unsicher, sonst wären sie nicht bei der Refugee Law Clinic. Sie wissen nicht, wie es für sie weitergeht, daher schwingt eine große Ernsthaftigkeit mit.

Regelmäßige psychologische Supervision

Man nimmt aus der Beratung einerseits viel mit nach Hause, an Gedanken, aber auch an Arbeit. Ich muss dann abends noch E-Mails schreiben oder etwas im Gesetz nachlesen. Andererseits beraten wir ja nicht täglich, und das Studium muss trotzdem weitergehen. Ich finde, man lernt, das voneinander zu trennen. Wir gehen auch regelmäßig zur psychologischen Supervision.

Am stärksten beeindruckt hat mich, was ich auf der griechischen Insel Lesbos miterlebt habe. Ich war dort vier Wochen als Praktikantin bei einer Nichtregierungsorganisation. Europäische Asylrechtsanwälte beraten ehrenamtlich in einem Container mitten im Flüchtlingscamp Moria. Wenn man raustritt, steht einen Meter davor schon ein Zelt und rechts und links vom Container genauso. Die Menschen leben dicht an dicht. 9000 sind es aktuell auf der Insel, obwohl das Camp nur für 3000 Bewohner ausgelegt ist.

Man liest das und sieht Bilder, aber man kann es sich nicht vorstellen! Wenn man einen Monat lang jeden Tag dort ist, lernt man Leute kennen. Ein junger Syrer hat uns häufig Tee im Container vorbeigebracht, der war im Alter meines Bruders. Auf Facebook hat er jetzt gepostet, dass er in Heidelberg gelandet ist.

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Viele andere schaffen das nicht. Sie sagen bei der Anhörung zum Beispiel nur, dass sie hart arbeiten wollen, aber nicht, dass sie in ihrer Heimat verfolgt wurden. Oder sie sprechen aus Scham nicht über die Fluchtgründe und werden abgewiesen.

Jeder braucht ein Dach über dem Kopf und Essen, das leuchtet sofort ein. Aber zu einer menschlichen Behandlung gehört auch Rechtsberatung: dass man die Leute über ihre Rechte informiert, sie auf dem Laufenden hält und nicht in irgendeinem Camp schmoren lässt. Diese Unsicherheit muss schwer zu ertragen sein."

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