Dubiose Krankschreibungen Fast alle Studenten mit Attest von "Doc Holiday" durchgefallen

Bei einem Test an der Uni Hohenheim verließen 48 Studenten den Hörsaal und legten zweifelhafte Atteste desselben Arztes vor. Die Folge: Die meisten sind durchgefallen, manche trifft es noch härter.

Universität Hohenheim
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"Wer die Prüfung jetzt beginnt, erklärt sich dadurch prüfungsfähig." Eine Klausur im Fach Finanzwissenschaften an der Stuttgarter Uni Hohenheim startete mit dieser Belehrung der etwa 200 Teilnehmer durch die Aufsicht - doch nach und nach brachen 48 Studenten die einstündige Prüfung ab und legten anschließend Atteste desselben Arztes für vermeintliche Erkrankungen vor.

Der Mediziner ist in Studentenkreisen als "Doc Holiday" bekannt und stellte allen 48 Prüflingen eine von zwei Diagnosen aus: Kopfschmerzen in Kombination mit Sehstörungen oder Übelkeit und Erbrechen.

Normalerweise verzeichne die Uni ein oder zwei Prüfungsabbrecher pro Klausur, sagt Uni-Sprecher Florian Klebs. Dass ein Viertel der Klausurteilnehmer abbreche, sei ein "völliges Novum". Von den Abbrechern forderte die Uni deshalb Stellungnahmen. Diese seien wenig überzeugend gewesen.

Die Konsequenzen stehen für einige schon fest: Die Uni hat entschieden, 33 der 37 fristgerecht eingereichten Prüfungsrücktritte nicht anzuerkennen. Für drei der betroffenen Studenten bedeutet das die endgültige Exmatrikulation aus dem Studiengang. Für sie war es der dritte und letzte Prüfungsversuch. Vier Abbrecher können noch darauf hoffen, dass sie doch noch als prüfungsunfähig eingestuft werden. Bei elf anderen wird das Attest nicht anerkannt, weil sie es erst einen Tag später, und damit nicht fristgerecht, abgegeben haben.

Ärzteschaft will Fall prüfen

Der Arzt mit dem vielsagenden Spitznamen "Doc Holiday" hatte zwischen dem 22. und 25. Mai insgesamt 140 Studenten der Uni Hohenheim mit einem Attest ausgestattet. Die Uni will ihn nach eigenen Angaben nicht juristisch belangen, er muss aber dennoch Konsequenzen fürchten: Die Ärzteschaft will den Fall durch ihre Rechtskommission überprüfen lassen.

Dafür müsse die Universität allerdings die Bezirksärztekammer Nordwürttemberg anrufen, sagte der Vorsitzende der Stuttgarter Ärzteschaft Markus Klett. Die Vielzahl der Atteste sowie die gleichlautenden Gründe für die vermeintliche Prüfungsunfähigkeit durch einen einzigen Arzt befremde ihn, doch gelte für diesen zunächst die Unschuldsvermutung.

Die Kommission der Ärzteschaft kann Sanktionen erlassen: Sie reichen von einer Rüge über Geldstrafen bis zum Verlust der Approbation. Stelle sich heraus, dass es sich um Gefälligkeitsatteste handele, schade das dem ganzen Berufsstand, so Klett.

Ein Fall von kollektiver Prüfungsangst?

Aber was trieb die Studenten dazu, in der laufenden Klausur das Weite zu suchen? Prüfungsangst könne dahinter stecken, meint Uni-Sprecher Klebs. Auch der Studierendenberater des Heidelberger Studierendenwerks, Volker Kreß, hält dies für möglich. Jahr für Jahr steigen bei ihm die Beratungen wegen Prüfungsangst: "Die Sensibilität gegenüber diesem Thema hat unter den Studierenden zugenommen, sie suchen sich früher Hilfe, und psychische Belastungen können offener thematisiert werden als noch vor 20 Jahren."

Nach Erkenntnissen der Arbeitsgruppe Hochschulforschung der Universität Konstanz ist die "gefühlte Belastung aufgrund angeblich überzogener Leistungsanforderungen" an Universitäten seit Beginn des Jahrtausends stark gestiegen. Nach der jüngsten Erhebung der Forscher kennt etwa die Hälfte der Studenten (Stand Wintersemester 2015/16) Prüfungsangst. Die Forscher machen die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge für die Ängste der Studenten mitverantwortlich. Es gebe vor allem mehr Prüfungen.

Doch Stress ist aus Sicht der Uni Hohenheim kein Grund für den Rücktritt von einer Prüfung. Nur Krankheitssymptome, die spontan während der Prüfung auftreten, wie etwa ein Anfall von Brechdurchfall, seien als Gründe für einen Abbruch einer Klausur möglich. "Symptome, die durch Nervosität und Prüfungsangst hervorgerufen wurden, sind ausdrücklich keine zulässigen Gründe", betont die Universität.

Die Studenten, die - trotz möglicher Ängste - in Hohenheim die Prüfung beendeten, haben einen Vorteil. Nachdem es Beschwerden wegen des Lärms der Prüfungsabbrecher gab, dürfen die Verbliebenen die Prüfung wiederholen - allerdings ohne Kenntnis ihrer Note in der bereits abgelegten Klausur. Hans-Peter Burghof, Inhaber des Lehrstuhls für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistungen, will die Störung der Konzentration der Verbliebenen bei der Bewertung ihrer Klausuren berücksichtigen. Die Universität räumt den 154 ordnungsgemäßen Teilnehmern deshalb jetzt die Möglichkeit ein, die Prüfung zu wiederholen.

lie/dpa

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