Uni in Südafrika Aus den Slums in die Chefetage

Gestern schliefen sie noch in einer Wellblechhütte im Township, heute sitzen sie im Hörsaal: An der Cida City-Universität in Johannesburg können schwarze Studenten aus armen Familien fast kostenlos BWL studieren - und die Wirtschaft reißt sich um die Absolventen.

Von Corinna Arndt, Johannesburg


Die Studenten in der lichtdurchfluteten Mensa der Cida City-Universität tragen polierte Schuhe und frisch gebügelte Hemden. Soeben haben sie die letzte Klausur des Semesters geschafft, überall sieht man entspannte Gesichter. Vor der Tür tobt der Verkehr durch die berüchtigte Johannesburger Innenstadt, die seit Jahren für Kriminalität steht, für urbanen Verfall und eine düstere Zukunft. Der Kontrast zwischen draußen und drinnen könnte größer nicht sein.

Die Studenten haben einiges gemeinsam: Sie haben ihr Abitur mit Auszeichnung hingelegt, sind so arm, dass sie sich ein Studium an einer südafrikanischen Uni eigentlich nie leisten könnten - und sehen dennoch einer glänzenden Zukunft entgegen. An der Cida-Hochschule für Betriebswirtschaft ist das Studium praktisch kostenlos.

Davon profitiert auch der schlaksige Lucky Mdontsela aus einer Slumsiedlung bei Johannesburg. Bei einer landesweiten Arbeitslosenrate von rund 40 Prozent fand er nach der Schule vier Jahre lang keinen Job, dann klappte es mit der Cida-Bewerbung. "Als ich hier ankam, habe ich mich dafür geschämt, dass ich in einer Wellblechhütte aufgewachsen bin, mit neun Leuten in der Familie", sagt Mdontsela, "ich habe auf dem Boden geschlafen." Heute schwingt Stolz in seiner Stimme mit, wenn er vom Elternhaus erzählt - schließlich entscheide er nun selbst über seine Zukunft.

Vom Tellerwäscher zum Finanzexperten

Die hat der 23-Jährige sich bereits ausgemalt: In drei Jahren will er mit dem BWL-Abschluss in der Tasche als Bilanzbuchhalter bei einer großen Firma anheuern und sich danach als Unternehmer selbstständig machen. Ähnlich große Pläne hat seine Kommilitonin Babalwa Damoyi. Die rastabezopfte junge Frau strotzt nur so vor Selbstbewusstsein. Ihr Ziel im Leben? "Extrem erfolgreich sein!" Am liebsten in der Kommunikationsbranche, aber auch an Logistik und Management hat sie Interesse. "Außerdem möchte ich irgendwann mein eigenes Ferienhaus haben und eine Kette von Schönheitssalons", sagt sie - und wischt mit einer Handbewegung alle Zweifel beiseite.

Doch zunächst heißt es Büffeln. Täglich verbringen Lucky, Babalwa und ihre rund 1500 Kommilitonen acht Stunden in Lehrveranstaltungen. Die Vorlesungen sind so vollgestopft, dass der Vortrag des Dozenten per Fernsehschirm in die hinteren Reihen übertragen wird. Abends wird zu Hause weitergelernt, gegen den Stress hilft regelmäßiges Meditieren. Alle wissen: Cida-Absolventen haben beste Chancen auf Südafrikas Arbeitsmarkt, denn es mangelt chronisch an schwarzen Finanzexperten.

Dafür studieren sie nicht nur Tag und Nacht, sondern managen nebenbei die gesamte Uni selbst - zum Beispiel als Tellerwäscher in der Mensa im achten Stock. Seit vor einigen Jahren Studenten in der Vorlesung vor Hunger ohnmächtig wurden, gibt es jeden Tag kostenloses Mittagessen. So stellen sich die angehenden Führungskräfte selbst in die Küche: Wer nicht gerade kocht, fegt den Hörsaal, schrubbt Treppen, bepflanzt den Dachgarten, sortiert Akten im Sekretariat oder kümmert sich um die Öffentlichkeitsarbeit der Uni.

Zehnmal so viele Bewerber wie Plätze

Die Eigeninitiative der Studenten spart viel Geld. Ein Cida-Studium kostet 240 Euro Studiengebühren im Jahr, an anderen Unis des Landes sind es 20-mal so viel. Für den Rest kommen Unternehmen auf. Die Liste der Spender liest sich wie das Who's who der südafrikanischen Telekommunikations- und Finanzbranche. Selbst Virgin-Gründer Richard Branson zückte den Geldbeutel, und am Kap aktive deutsche Firmen wie DaimlerChrysler, T-Systems oder der Textilunternehmer Claas Daun spenden Sachgüter und Millionenbeträge.

Am Ende profitiert neben der Uni auch die Industrie, denn ohne schwarze Führungskräfte im Management kommen Firmen in Südafrika kaum noch an lukrative Regierungsaufträge heran. Der Nachwuchs aber ist heiß umkämpft - und glücklich der, der sich jedes Jahr die besten Cida-Absolventen herauspicken darf. Hunderte haben den Sprung in die Businesswelt bereits geschafft. "Kein Wunder", meint einer der Dozenten stolz - so forsche, kreative und wissbegierige Studenten habe er noch nie gehabt.

Kein Zweifel: Die erste quasi-kostenlose Universität südlich der Sahara ist ein Erfolgsmodell. 70 bis 90 Prozent aller Studienanfänger schaffen ihr Examen, nur jeder zehnte Bewerber erhält einen Studienplatz. Was in Johannesburg so gut funktioniere, das habe auch eine Zukunft in anderen Städten des Landes und im Rest Afrikas, behauptet Taddy Blecher. Der Cida-Gründer und Geschäftsführer wäre vor zwölf Jahren fast nach Amerika emigriert - und hat sich heute ganz der Zukunft Afrikas verschrieben.

"Mir war nie klar, dass ich ein Vorbild sein kann"

"Viele Leute haben den Kontinent doch aufgegeben", sagt Blecher. Man habe Mitleid mit den Afrikanern, schicke ihnen Medizin und Essen, und Bob Geldof veranstalte ein großes Konzert. Nachhaltig sei das alles nicht. Sein Ansatz ist anders: "Wir können Afrika nur helfen, wenn wir an die Afrikaner glauben und in die Menschen hier investieren", so der Preisträger des "Global Leader of Tomorrow Award" beim Weltwirtschaftsforum in New York. "Die Probleme in Südafrika sind doch offensichtlich: Kriminalität, Armut und ein riesiger Graben zwischen Arm und Reich. Für diese Probleme brauchen wir innovative Lösungen."

Eine der Cida-Innovationen ist es, die Studenten regelmäßig in den Semesterferien zurück in ihre Heimatdörfer zu schicken, damit sie ihr Wissen dort weitergeben können. Für Lucky Mdontsela gehört es zu den Highlights seines Studiums, mit Schülern seiner früheren Schule über den Umgang mit Computern, Geld oder Aids zu sprechen. "Jeder von uns ist Mentor für mindestens 30 Schüler. Mir war nie klar, dass ich ein Vorbild für andere sein kann. So ein Vorbild, das ist etwas, das ich als Schüler nie hatte."

Cida-Chef Blecher schätzt, dass die über 2000 Alumni im kommenden Jahr gemeinsam umgerechnet rund 14 Millionen Euro verdienen werden. Ein Großteil davon, soviel ist sicher, fließt direkt zurück in die ärmsten Dörfer und Townships Südafrikas - ein Hoffnungsschimmer für ein Land, in dem sich wirtschaftliche Umverteilung normalerweise auf politische Statements am Kabinettstisch beschränkt.



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