Uni Köln Neonazi-Alarm im Asta

Trotz seiner bräunlichen Vergangenheit ist Thomas Hartenfels, 25, ins Kölner Studentenparlament gewählt worden. Seine linken Gegner nennen ihn einen "Nazi", der Geschichtsstudent und CDU-Jungfunktionär spricht von "Jugendsünden" und hat bereits seine Parteiämter niedergelegt.

Von Britta Mersch und


45.563 wahlberechtigte Studenten, 8380 abgegebene Stimmen, 581 für die Liste "Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) & Freunde". Damit ist der RCDS fünftstärkste Fraktion im frischgewählten Kölner Studentenparlament (StuPa). Eigentlich ein gutes Ergebnis für die CDU-nahe Studentenorganisation, wären da nicht die 51 Stimmen für Thomas Hartenfels. Er studiert in Köln Geschichte und Deutsch auf Lehramt, kam auf der RCDS-Liste auf den dritten Platz und ist damit gewähltes StuPa-Mitglied. Dabei hätte der RCDS Hartenfels am liebsten noch kurzfristig von der Liste gestrichen, als Gerüchte über die Nazi-Vergangenheit des Kandidaten die Runde machten.

Demo der "Deutschen Liga für Volk und Heimat" in Köln-Kalk (4. September 1999): Thomas Hartenfels (links) Arm in Arm mit Axel Reitz
r-press

Demo der "Deutschen Liga für Volk und Heimat" in Köln-Kalk (4. September 1999): Thomas Hartenfels (links) Arm in Arm mit Axel Reitz

Bereits zwei Wochen vor der StuPa-Wahl war an der Uni Stimmung gegen Hartenfels gemacht worden. "Neonazi im AStA!" hieß es in einer Kampagne, in der die Alternative Liste ihn an den Pranger stellte. Auf Plakaten und Flugblättern streute sie Belege für die "Nazikarriere" des CDU-Nachwuchspolitikers. Gezeigt wurden Fotos, auf denen Hartenfels 1999 bei Neonazi-Demonstrationen zu sehen ist, unter anderem Arm in Arm mit Axel Reitz, der als Jugendlicher die "Kameradschaft Köln" anführte. Heute ist Reitz 22, bewundert Saddam Hussein, nennt sich "Gauleiter" des "Kampfbundes Deutscher Sozialisten" und Adolf Hitler "unseren Führer". Im September wurde Reitz wegen Volksverhetzung zu 21 Monaten Haft verurteilt und soll wegen eines früheren Delikts noch ein weiteres Jahr absitzen.

Die Alternative Liste verbreitete außerdem Hinweise auf die Teilnahme von Hartenfels an weiteren Neonazi-Aufmärschen in Köln und Düsseldorf sowie auf seine Artikel in der neurechten Wochenzeitung "Junge Freiheit" - alles zwischen den Jahren 1999 und 2003. Außerdem habe er eine Solidaritätserklärung für den ehemaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Hohmann, der im Oktober 2003 mit einer antisemitischen Rede Aufsehen erregt hatte, unterzeichnet und seine Unterschrift nur auf Druck innerhalb der CDU wieder zurückgezogen.

"Mit diesem Kapitel endgültig abgeschlossen"

Thomas Hartenfels hatte in der CDU und der Jungen Union mehrere Ämter und Funktionen angehäuft, unter anderem als Ratsherr in Rösrath. Zum Zeitpunkt der Kampagne war er schon ein halbes Jahr an der Uni aktiv - als Projektleiter im Öffentlichkeitsreferat des Kölner Asta und als Mitglied im RCDS. Beide reagierten bestürzt und verwundert auf die Veröffentlichungen: "Thomas hat sich weder durch rechte Äußerungen, noch durch rechtslastige politische Aktionen, noch durch Artikel in diese Richtung verdächtigt gemacht", heißt es in einer Asta-Stellungnahme, "er hat eher liberale Ansichten auf den Asta-Versammlungen vertreten."

Trotzdem kam es zum Bruch mit dem Asta. Hartenfels wurde beurlaubt, seinem Ausschluss aus dem Asta kam er mit einem Rücktritt zuvor. Die Kölner Querelen erinnern zunächst an die Scharmützel an der Uni Trier, wo der  NPD-Aktivist Safet Babic erst im Asta mitmischte und dann ins Studentenparlament gewählt wurde . Anders als Babic hat sich aber Hartenfels vom Rechtsextremismus losgesagt: "Ich habe mit Parolen und Attitüden des Neo-Nazitums vollständig gebrochen und distanziere mich heute aufs Schärfste davon", heißt es in einer von ihm verfassten Erklärung. Außerdem betont Hartenfels, dass er "nie an gewalttätigen Auseinandersetzungen beteiligt" gewesen sei und "zu keinem Zeitpunkt Mitglied einer rechtsradikalen Organisation".

Er räumt aber die Teilnahme an "verschiedenen Demonstrationen und Kundgebungen mit rechtem Gedankengut" ein, "angetrieben durch ein jugendliches Aufbegehren und Provozieren gegenüber Elternhaus, Schule und Gesellschaft." Hartenfels schreibt: "Ich bereue mein damaliges Handeln und würde diesen Teil gern aus meiner Vergangenheit streichen. Mit diesem Kapitel meines Lebens habe ich definitiv und endgültig abgeschlossen!"

Er spricht von "jugendlichen Politexperimenten" und beteuert auch in einer weiteren persönlichen Erklärung seinen Wandel zur demokratischen Grundüberzeugung. "Bei den viele Jahre zurückliegenden Vorgängen handelt es sich um - aus meiner heutigen Sicht - schwer entschuldbare Jugendsünden, die ich aber als biografisch ansehe und nicht leugne." Sein politisches Engagement in der CDU in den letzten Jahren werde ausgeblendet und gehe in einer "Verleumdungskampagne" unter, sagte er am Sonntag im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE - "ich werde als Neonazi im christdemokratischen Schafspelz dargestellt".

"Es war ein längerer Reifeprozess"

Indes lassen die Schatten seiner Vergangenheit Hartenfels nicht los. Auch seine einstigen Weggefährten melden sich zu Wort. "Hätte er geschwiegen, hätten wir es auch", schrieb der "Kampfbund Deutscher Sozialisten" Ende November im Internet. Und dann kommt es knüppeldick: Hitlers "Mein Kampf" habe Hartenfels für ein "wegweisendes Buch" gehalten, an zahlreichen "Kameradschaftsabenden unter der Leitung von Kamerad Axel Reitz" teilgenommen, das Geburtshaus von Goebbels besucht und den Aufbau einer eigenen Kameradschaft geplant. Und etliche Briefe an Thomas Brehl (Kampfbund-Mitgründer und Neonazi aus dem Dunstkreis von Michael Kühnen) teils mit "Heil Deutschland" oder auch mit "Heil und Sieg!" unterzeichnet. Brehl selbst raunt finster: "Die Briefe habe ich mittlerweile meinem Rechtsanwalt übergeben, sollte an meinen Worten gezweifelt werden, lege ich sie der Öffentlichkeit vor..."

Hartenfels leugnet diese Briefe nicht: "Ich habe damals den Kontakt zu diesen rechtsextremen Kreisen gesucht und mich in ihnen bewegt", bestätigt er. Seit dem Jahr 2000 gebe es aber keinen Kontakt mehr: "Diese Leute sind sehr rigoros, was Aussteigertendenzen angeht. Ich habe mich vollständig zurückgezogen", sagte er SPIEGEL ONLINE, "es war ein längerer Reifeprozess, heute richte ich mich gegen jede Art von Extremismus."

Wie glaubwürdig ist die öffentliche Reue von Hartenfels? Die Alternative Liste an der Uni kauft ihm die politische Läuterung zum aufrechten Demokraten nicht ab. Bei einer Sitzung des Studentenparlaments habe Hartenfels eine wenig überzeugende Rede gehalten: "keine Spur von inhaltlicher Distanzierung von Nazi-Gedankengut, kein klarer Bruch mit Nazi-Organisationen oder -Medien". Hartenfels dagegen betont: "Die Basis meines heutigen politischen Engagements bildet das Grundgesetz."

Rückzug aus der Studentenpolitik

Als Kreisvorsitzender der Jungen Union im Bergischen Land, als Stadtverordneter seiner Heimatstadt Rösrath und als RCDS-Mitglied ist Thomas Hartenfels Anfang Dezember zurückgetreten: "Ich wollte meiner Partei durch meine Vergangenheit keinen Schaden zufügen, es tut mir leid, dass ich meine Parteifreunde da mit reingezogen habe."

An der Uni hat er durch die StuPa-Wahlen abermals ein politisches Amt bekommen. "Mit seinem dritten Listenplatz wird er automatisch zur konstituierenden Sitzung des Studierendenparlaments am 11. Januar eingeladen", sagt Wahlleiter Jürgen Neubauer. Daran ändere auch der Rückzug aus dem RCDS nichts: "Das Mandat ist an die Person gebunden." Thomas Hartenfels will das Mandat jedoch nicht annehmen und hat gegenüber dem RCDS bereits seinen Verzicht erklärt, wie auch die Kölner Vorsitzende Julika Barthel, 22, bestätigt. "Mit dem Thema Politik habe ich abgeschlossen", so Hartenfels, "ich habe mich gern für studentische Belange eingesetzt, aber da sehe ich zurzeit keine Grundlage mehr."

Stattdessen kann er sich vorstellen, künftig in der Rechtsextremismus-Prävention aktiv zu werden. Zu zwei Stiftungen habe er bereits Kontakt aufgenommen: "Wenn ich schon so unrühmlich bekannt geworden bin, möchte ich wenigstens meine Erfahrungen zur Verfügung stellen, vielleicht in einem Aussteigerprogramm."

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