Uni Leipzig Millionen-Entschädigung für gescheiterten Professor

Ein verhinderter Professor der Uni Leipzig hat vor Gericht Recht bekommen. Weil er eine Stelle nicht bekam, soll er mit viel Geld entschädigt werden. Gegen die Rektorin gibt es schwere Vorwürfe.

Augusteum der Universität Leipzig am Augustusplatz
imago/Rainer Weisflog

Augusteum der Universität Leipzig am Augustusplatz


Shahram Azizi Ghanbari hatte sich 2012 als Professor an der Universität Leipzig beworben. Die Berufungskommission hielt ihn für den am besten geeigneten Kandidaten. Trotzdem entschied sich die Rektorin der Universität, Beate Schücking, für eine andere Bewerberin. Zu Unrecht, urteilten die Richter am Landgericht Leipzig nun. Sie sprachen dem Wissenschaftler Schadensersatz in Millionenhöhe zu.

Der Freistaat Sachsen muss Ghanbari nun bis 2029 Geld zahlen - als Ausgleich dafür, dass er jetzt eine schlechter dotierte Stelle innehat. "Es geht um Forderungen von etwa 1,1 Millionen Euro. Hinzu kommen noch Pensionsansprüche", sagte Ghanbaris Anwalt Robert Uhlemann dem SPIEGEL.

So viel hätte Ghanbari bis zu seiner Pensionierung verdient, wenn er die Stelle im Oktober 2012 angetreten hätte. Das aktuelle Gehalt des Wissenschaftlers wird jedoch angerechnet, sodass der Freistaat nur die Differenz zum Professorengehalt zahlen muss.

Der verhinderte Professor

Der Streit währt schon lange. Die Stelle eines Professors für "Kompetenzentwicklung und lebenslanges Lernen" wurde bereits 2009 ausgeschrieben. In einer ersten Runde fand sich kein passender Kandidat, sodass die Stelle 2012 neu ausgeschrieben wurde. In der zweiten Runde gab es fünf Bewerber, darunter auch der Kläger. Er war zu dem Zeitpunkt Dozent am Internationalen Hochschulinstitut in Zittau.

Die Berufungskommission war sich einig: Sie hielt Ghanbari für den am besten geeigneten Kandidaten und für fachlich kompetenter als die zweitplatzierte Konkurrentin. Der Fakultätsrat stimmte dem Berufungsvorschlag zu.

Vorwürfe wegen angeblicher sexueller Nötigung

Rektorin Schücking wollte jedoch die Zweitplatzierte zur Professorin machen. Diese habe mehr praktische Erfahrung, und der Frauenförderung würde so entsprochen, lautete die Begründung. Schücking ist seit 2011 im Amt und war im vergangenen Februar nach langem Streit als Rektorin wiedergewählt worden.

Gegen Ghanbari tauchten im Zuge des Bewerbungsverfahrens Gerüchte über sexuelle Nötigung auf. Nachforschungen der Uni Leipzig ergaben jedoch: Die Behauptungen seien völlig gegenstandslos. Trotzdem hielt Schücking an ihrer Wunschkandidatin fest. Die trat die Stelle allerdings nicht an.

Doch auch danach wurde Ghanbari entgegen den Empfehlungen nicht zum Professor ernannt. Die Universität wollte die Stelle stattdessen neu ausschreiben. Der Fall zog sich hin. Der verhinderte Professor klagte vor dem Verwaltungsgericht in Bautzen und verlor in zwei Instanzen.

"Das Urteil ist für mich unverständlich"

Für die Universität Leipzig ist das aktuelle Urteil des Landgerichts Leipzig deshalb eine Überraschung. Denn entgegen dem bisherigen Urteil kommen die Richter zu dem Schluss, die Rektorin habe ihre Amtspflichten verletzt, indem sie der Zweiplatzierten den Vorzug gab. Außerdem sei zu vermuten, Schücking habe die Gerüchte über sexuelle Belästigung selbst in die Welt gesetzt, damit Ghanbari nicht mehr als Professor infrage komme.

Schücking weist die Vorwürfe entschieden zurück. "Ich habe das Gerücht in Bezug auf die sexuelle Nötigung nicht in die Welt gesetzt", sagte sie in einer Stellungnahme. Das Urteil sei aus ihrer Sicht unverständlich - vor allem weil der Kläger vor dem Verwaltungsgericht in erster und zweiter Instanz verloren habe. Außerdem habe sich die Ausrichtung des Instituts verändert. Deshalb komme Ghanbari nicht als Professor für diese Stelle infrage.

Es wird erwartet, dass der Freistaat Sachsen gegen das aktuelle Urteil in Berufung gehen wird.

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insgesamt 74 Beiträge
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darkmattenergy 30.05.2017
1. In wievielen Fällen wir wohl bereits ebenfalls mit der zweiten Wahl vorlieb nehmen mussten und müssen?
Weil die tatsächliche Qualifikation längst nicht mehr als entscheidendes Bevorzugungsmerkmal gilt?
CouscousGauthier 30.05.2017
2. Sumpf
Berufungsverfahren an deutschen Unis sind auf allen Ebenen intransparent und deswegen oft im Ergebnis fragwürdig. Hier wurde in einem konkreten Fall der Ablauf in Frage gestellt und offensichtliches Fehlverhalten der Rektorin aufgedeckt. Ich frage mich allerdings folgendes: Der formale Ablauf einer Berufung sieht ein mehrstufiges Verfahren vor, das eben u.a. auch eine Entscheidung des Rektors bzw. der Rektorin beinhaltet. Natürlich muss diese Entscheidung "ermessensfehlerfrei" sein, aber wenn der Rektor gar keine Entscheidungsmacht mehr hat sondern nur noch das Votum der vorgelagerten Instanzen abnicken darf, stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit des Verfahrens. Das gleiche Spiel geht dann auf der Ebene des Ministeriums weiter. Insofern würde mich interessieren, ob die Richter in diesem Fall der Rektorin zwar eine eigene Entscheidungsgewalt zugestanden hätten, diese aber wegen offenkundiger Fehler (oder mangelnder Begründung o.ä.) nicht akzeptieren wollten.
mcbarby 30.05.2017
3.
Nach Allem, was ich hin und wieder aus Studentenkreisen ("Studenten" ist für mich die logische Mehrzahl für "Student -in" und umfasst eindeutig immer beide Geschlechter) höre, ist die Uni Leipzig wohl ein absolutes Negativbeispiel, was den harmonischen Umgang der Geschlechter miteinander betrifft. Alles Männliche ist per se schlecht und im Genderwahn muss alles feminisiert werden. Ich hoffe, der Herr Professor bekommt auch in letzter Instanz Recht. Möge der Freistaat sich das Geld doch von der Rektorin zurückholen.
waynekennste 30.05.2017
4. frauenförderung
das darf kein argument sein um weniger geeignetes personal auszuwählen. auch wenn der gesamte fall scheinbar schwer zu durchblicken ist und die sexistische haltung gegen0ber männern nicht der einzige denkwürdige punkt zu sein scheint, so ist zumindest das argument der bevorzugung nach geschlecht ohne Berücksichtigung der Qualifikation schon ausreichend um diesem Urteil zuzustimmen. die universitäten scheinen moralapostel an höchster stelle sitzen zu haben. eine gefährliche Entwicklung. insofern Glückwunsch an den herren der vermutlich lieber seiner arbeit nachgegangen wäre anstatt sich ewig durch alle Instanzen zu klagen. mfg
suane 30.05.2017
5. bekannter Irrsinn
Ich habe mir erlaubt, diesen Artikel meinen Kollegen mit dem Kommentar "Uni Marburg ist überall" zukommen zu lassen. Evtl. ist dieser Fall einer von den vielen, bei dem Stellen absichtlich unbesetzt bleiben, um zu kaschieren, dass ein Fachbereich nicht einmal die Mittel hat alle Professuren zu besetzten. Evtl. aber auch nur ein Beispiel für Sexismus gegenüber einem Mann. Wie auch immer, herzlichen Glückwunsch an den verhinderten Professor zu diesem gerechten Urteil. Ich hoffe es macht Schule.
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