Plagiate Uni Münster entzieht acht Medizinern den Doktortitel

Plagiatsjäger hatten die Uni Münster auf kopierte Texte in Doktorarbeiten hingewiesen, nun zieht die Hochschule Konsequenzen: In acht Fällen werden die Doktortitel entzogen, 14 Mediziner erhalten eine Rüge.

Medizinstudent mit einer Übungspuppe (Archivbild)
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Medizinstudent mit einer Übungspuppe (Archivbild)


Knapp drei Jahre hat die Untersuchungskommission geprüft, jetzt steht fest: Acht Medizinern, die seit 2005 an der Universität Münster promoviert wurden, soll ihr Doktortitel entzogen werden - wegen Abschreibens. 14 weitere ehemalige Doktoranden der Uni erhalten eine Rüge für Mängel bei der wissenschaftlichen Arbeit.

Zudem wurde bereits im Herbst 2015 ein Professor der Uni Münster wegen "schweren wissenschaftlichen Fehlverhaltens" bestraft. Er soll in seiner Funktion als Doktorvater mindestens zwei Wissenschaftler betreut haben, denen die Titel aberkannt worden sind. Dem Professor wurden daraufhin alle Finanz- und Personalmittel bis auf die Grundausstattung gestrichen, er unterrichtet noch an der Uni, darf aber keine Doktorarbeiten mehr betreuen.

Die Internetplattform VroniPlag hatte die Westfälische Wilhelms-Universität Münster vor knapp drei Jahren mit einer auffälligen Häufung von Verdachtsfällen konfrontiert. Jetzt sei die Aufarbeitung der Plagiatsfälle an der medizinischen Fakultät abgeschlossen, sagte ein Uni-Sprecher. Bislang sind jedoch nur drei der untersuchten Fälle rechtskräftig. Fünf der Betroffenen klagen am Verwaltungsgericht Münster gegen den Entzug ihrer Titel.

Bei den anderen Fällen sollen die Dissertationen, die in den Bibliotheken ausliegen, mit einem Stempel gekennzeichnet werden, wonach der Titel für diese Arbeit entzogen wurde. "Es wird auch konkret überprüft, ob die Mediziner ihre Titel zum Beispiel am Praxisschild noch nutzen", so die Uni Münster. Ein hartes Vorgehen gegen Plagiate liege im Interesse der gesamten Wissenschaft und der ehrlichen Promovierenden, sagte Rektor Johannes Wessels.

An der Uni mit rund 44.000 Studenten werden in jedem Jahr rund 770 Doktorarbeiten geschrieben, davon ungefähr 200 im Fach Medizin. Warum gerade an der Uni Münster vergleichsweise viele Plagiatsfälle aufgetaucht sind, kann sich die Hochschule nicht erklären. Wie an vielen anderen medizinischen Fakultäten wurde die Promotionsordnung in jüngster Zeit allerdings deutlich nachgebessert.

Der Fachbereich in Münster hat nun beispielsweise die Beratung der Doktoranden intensiviert und eine neue Promotionsordnung verabschiedet, in der sich die Doktoranden und Doktorväter zu einer intensiven Zusammenarbeit verpflichten. Zudem müssen Dissertationen auch digital abgegeben werden, damit die Uni die Arbeiten besser auf kopierte Stellen untersuchen kann. Außerdem sei die Hochschule ständig auf der Suche nach besserer Software, um die eingereichten Arbeiten auf Plagiate abklopfen zu können, heißt es.

Nach einer Reihe von Titelentzügen bei Prominenten wie den Politikern Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU, Uni Bayreuth) im Jahr 2011 und Annette Schavan (CDU, Uni Düsseldorf) 2013 hatte VroniPlag die Uni Münster im Mai 2014 mit 23 Fällen aus der Medizin konfrontiert. Bereits im Mai 2013 entzog die Uni Münster zwei Juristen die Titel. Auch an der Berliner Charité waren die Plagiatsjäger fündig geworden.

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Dreistes Dr.-med.-Plagiat: "Dankbar für die Leistung von Vroniplag"

Kritiker behaupten schon seit Langem, dass der Doktor in der Medizin nur ein wissenschaftlich fragwürdiger "Türschild-Titel" sei, um die Karrierechancen als Arzt zu verbessern. Der Verdacht liegt nahe, denn: In keinem anderen Fach schließen mehr Absolventen mit dem Doktorgrad ab.

Zudem seien Doktorarbeiten in der Medizin sogar laut Hochschulrektorenkonferenz meist "studienbegleitende Doktorarbeiten, die nicht dem Standard der Arbeiten in anderen wissenschaftlichen Fächern entsprechen".

Die Prüfer
Wer prüft eine verdächtige Doktorarbeit?
Das unterscheidet sich von Hochschule zu Hochschule. Im Fall von Annette Schavan war es der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät, bei Karl-Theodor zu Guttenberg die Prüfungskommission der Juristischen Fakultät, die damals eigens um zwei externe Experten erweitert wurde. Mit Ursula von der Leyens Doktorarbeit hat sich die Ethikkommission der Medizinischen Hochschule Hannover beschäftigt.
Wer sitzt in der Kommission, die von der Leyens Arbeit geprüft hat?
Das Gremium setzt sich aus zehn Lehrenden der Hochschule zusammen, plus einem Fachanwalt für Medizinrecht. Im Vorfeld hatten Kritiker die Unbefangenheit der Kommission infrage gestellt: Von der Leyen kenne den Vorsitzenden der Kommission aus dem Ehemaligenverein der Hochschule. Außerdem ist ihr Ehemann Professor und Geschäftsführer einer privaten Firma, die Arzneimittelstudien in Kooperation mit der Hochschule abwickelt. Die Unileitung hat alle Vorwürfe der Einflussnahme zurückgewiesen. Der Mann der Ministerin sei als "externes Mitglied des Lehrkörpers" nicht in die Gremienarbeit eingebunden.
Welche Befugnisse hat die Kommission?
Hochschulkommissionen sind keine Gerichte, sie dürfen nicht über Betrug im strafrechtlichen Sinne urteilen, wohl aber Anzeige erstatten. Ihre Aufgabe ist vielmehr, angesichts von Fehlern und nachweislich abgeschriebenen Stellen in Doktorarbeiten eine Empfehlung darüber abzugeben, ob der Doktortitel entzogen werden sollte oder nicht.
Wer entscheidet darüber, ob Ursula von der Leyen ihren Doktortitel behalten darf?
Der Senat der Medizinischen Hochschule Hannover wird auf Grundlage der Empfehlung der Ethikkommission darüber beraten und entscheiden, ob Ursula von der Leyen ihren Doktortitel weiterhin führen darf oder ob er entzogen wird. Der Senat ist das höchste akademische Gremium der Hochschule. Er wird alle zwei Jahre neu gewählt. Momentan setzt er sich aus sieben Professoren, zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern, zwei Studenten und zwei Mitarbeitern im technischen Dienst und im Verwaltungsdienst zusammen.
Welche Rolle spielt VroniPlag Wiki?
VroniPlag Wiki ist eine Internetplattform, auf der sich Plagiatsjäger austauschen. Sie überprüfen Doktorarbeiten, die unter Plagiatsverdacht stehen, indem sie die Texte Seite für Seite auswerten. Alle Fundstücke werden transparent dokumentiert. So hat VroniPlag Wiki schon mehrere offizielle Untersuchungen angestoßen. Kritisiert wird das Portal, weil die Plagiatsjäger mehrheitlich anonym bleiben. Sie haben inzwischen gut 150 Arbeiten überprüft, die wenigsten von Politikern.

Und anders als in den Geistes- und Sozialwissenschaften gibt es in der Medizin "gehäuft Forschung in Gruppen". So formuliert es der Berliner Juraprofessor Gerhard Dannemann, der als Plagiatsjäger bei der Plattform VroniPlag Wiki mitarbeitet: "Da werden junge Studenten, die noch keinen Abschluss haben, angeleitet von einem Promovierten, der noch nicht habilitiert ist und mit derselben Forschung auf demselben Gebiet seine weitere Qualifikation erreichen will." Das mache eine objektive Betreuung und Begutachtung der Arbeit sehr schwer.

VroniPlag Wiki hat in mehr als 90 medizinischen Dissertationen Plagiate dokumentiert. Bei einzelnen Arbeiten seien alle Seiten plagiiert, sagt Dannemann. "Da werden Plagiate von Plagiaten von Plagiaten eingereicht. Und die Ursprungsarbeit ist die Habilitationsschrift des jeweiligen Betreuers, der nicht gemerkt haben will, dass von ihm abgeschrieben wurde." So etwas gebe es in keinem anderen Fach. "In der Medizin gibt es Bereiche, in denen jede Qualitätskontrolle ausgeschaltet zu sein scheint."

lgr/dpa

insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
allessuper 27.02.2017
1. warum Häufung in Münster?
das ist wie Masern. Das gibt sich schnell weiter. Und dann gibt es da ein Angebot an Helfern, das spricht sich herum usw. Sorry, wir möchten doch gern Namen.
dr.u. 27.02.2017
2. Wozu sollen/müssen praktizierende Ärzte einen Dr. Titel haben?
Wann hört diese unsägliche Dr.-Hofierung bloß endlich auf. Der Dr. ist ein akademischer Grad, der "nur" belegt, dass die betreffende Person eine wissenschaftliche Arbeit erstellt hat. Diese muss noch nicht einmal etwas mit der späteren beruflichen Tätigkeit zu tun haben. Warum sollte ein praktizierender Mediziner einen Dr. haben? Er wird dadurch nicht empathischer, ein besserer Dignostiker, "handwerklich" besser, und auch nicht im Umgang mit Patienten besser! Auch gehört der Dr. aus dem Namensrecht gestrichen. Das nimmt den Reiz ihn nur als "Protz"Namenszusatz zu machen und nimmt damit auch den Plagiatsdruck.
torflut 27.02.2017
3. Dr.
Nur in der Medizin scheint eine Existenz ohne Promotion als zweitklassig oder minderwertig zu gelten. Kein Mensch käme auf die Idee einem diplomierten Mathematiker seine Reputation abzusprechen. Hier sollte ein Kulturwandel angeschoben werden. Noch dazu darf bezweifelt werden welchen wissenschaftlichen Wert diese Flut von medizinischen Doktorarbeiten hat!
Alice D. 27.02.2017
4. wen wunderts...
der Doktor für Mediziner ist doch seit jeher eher als Scherz zu betrachten. ich komme aus dem Ingenieurswissenschaften, und wenn ich sehe wie Kommilitonen eine Masterarbeit mit 120 Seiten einreichen, in denen ein Jahr praktische Arbeit steckt, wogegen ein bekannter Medizinstudent seine Doktorarbeit (70 Seiten, 3 monatige Datenauswertung ohne Praxis) als festen Bestandteil des Studiums gleich mitschreibt bevor er schon sein Staatsexamen hat, so habe ich eh keinen großen akademischen Respekt vor dem Dr.med. mehr. da verwundert es noch weniger, dass solche Arbeiten vor Plagiaten nur so wimmeln. Schließlich geht es ja wirklich meist nur um den Titel und nicht um die Arbeit oder den Forschungsbeitrag hierbei. Dies führt leider zu einer allgemeinen Erwertung akademischer Titel. Und ein Arzt, welcher plagiiert hat, sollte allgemein auf seine Leistungen hin überprüft werden, ich weiß aus eigener Erfahrung wie weit verbreitet systematischer Leistungsbetrug in den Hochschulen ist, und er betrügt hat hierein bereits eine Vorgeschichte. Und welcher Patient möchte sich denn von einem Hochstapler behandeln lassen? Hier müssen auch betroffene Patienten aufgeklärt werden, gerade auch zum Schutze seriöser Ärzte!
Morpheus Nudge 27.02.2017
5.
Früher(tm) hatte Otto Normal ja noch nicht diese computerbasierten Möglichkeiten der Schwarm-Recherche. Wer weiß schon, wieviele Betroffene es künftig noch geben wird... m.E. Grund genug, neben "Dr. h. c." auch den "Dr. ex" einzuführen als "Quasi-Doktortitel". "Dr. ex med. Mustermann" klingt doch gleich viel akademischer als "Herr Mustermann" :-)
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