Uni-Proteste in Frankreich Kein Diplom für renitente Studenten

Seit Monaten rumort es an Frankreichs Unis, Studenten und Professoren begehren gegen Hochschulreformen auf. Jetzt will der Bildungsminister militanten Boykotteuren die Abschlüsse verweigern: Es werde keinen "Doktor in Blockade" geben, so Xavier Darcos.


Der Geist der Rebellion an Frankreichs Universitäten war bislang nicht klein zu kriegen. Seit Monaten schon legen Studenten immer wieder Uni-Veranstaltungen lahm, auch Professoren und Assistenten gingen auf die Straße gegen die Reformen von Bildungsminister Xavier Darcos und Hochschulministerin Valérie Pécresse. Seit 15 Wochen versammeln sich täglich Reformgegner auf dem Pariser Rathausvorplatz und wandern schweigend im Kreis.

Immer noch ist der Lehrbetrieb an vielen Universitäten gestört, zahlreiche Institute bleiben blockiert, an einigen Universitäten bleiben die Studenten komplett zu Hause. Jetzt greift die französische Regierung zu härteren Bandagen: Angesichts der anhaltenden Proteste will sie militanten Studenten die Abschlüsse verweigern.

"Wir werden denjenigen, die dafür verantwortlich sind, dass die Universitäten nicht funktionieren, keine Diplome geben", sagte Bildungsminister Xavier Darcos am Montag dem Radiosender RTL. Die andauernden Blockaden schadeten vor allem den schwächsten Studenten wie denjenigen, die sich ihr Studium selbst finanzierten.

Professoren drohen mit Notenboykott

"Nehmt euch in Acht", warnte Darcos die militanten Demonstranten. Die öffentliche Meinung ändere sich, die Studenten unterstützten die Blockaden nicht mehr. Es werde weder einen "Doktor in Blockade" noch einen "Master in Petition" geben.

Nun drohen auch Professoren: Sie kündigten einen Notenboykott und einen Boykott der Teilnahme an Abitur-Kommissionen an und wollen allen Studenten dieselbe Note erteilen, berichtet das Online-Magazin "Telepolis". Damit wollen sie erzwingen, dass das umstrittene Regierungsdekret zur Arbeitszeit der Hochschullehrer - Ende April verabschiedet - zurückgenommen wird.

Die französische Regierung scheiterte bislang mit dem Versuch, die Proteste schlicht auszusitzen. Doch die Reformgegner sind ebenfalls weit von ihren Ziele entfernt. Zudem haben Studenten jetzt mit den Folgen der anhaltenden Proteste zu kämpfen: Zehntausende müssen wegen der Unterrichtsausfälle Nachholstunden absolvieren und mit einer Verschiebung von Prüfungen rechnen. Partneruniversitäten in den USA stornieren bereits ihre Austauschprogramme und erkennen das Auslandssemester in Frankreich wegen fehlender Leistungsnachweise nicht an, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung".

Die Protestbewegung ging von Dozenten aus, weitete sich dann aber auf die Studenten aus. Sie richtete sich gegen das "Gesetz über die Autonomie an Universitäten", das kurz nach der Wahl Präsident Sarkozys 2007 beschlossen wurde. Demnach sollen alle 85 Universitäten bis 2012 ihre Finanzmittel, Räumlichkeiten und Lehrpersonal selbst verwalten. "Die Universität ist kein Unternehmen, Bildung ist keine Ware", lautet das Credo der Demonstranten. Zusätzlich sieht das neue Gesetz vor, die Arbeit der Hochschullehrer durch die Universitätspräsidenten evaluieren zu lassen. Die Reformgegner befürchten auch den Abbau von Stellen.

Neuen Zulauf erhalten die Proteste, seitdem Bildungsminister Darcos angekündigt hat, das Referendarsjahr für angehende Lehrer streichen zu wollen und stattdessen Lehramtsstudenten länger an die Universitäten zu schicken. Anschließend sollen sie nach einer Aufnahmeprüfung ohne pädagogische Vorbereitung in die Klassenzimmer entlassen werden.

cpa;dpa



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