Uni-Publikationen Raus aus dem Elfenbeinturm

Ihre Namen erinnern an Vorbilder in Oxford und Cambridge, ihre Pläne sind eine kleine Revolution: Neue Univerlage machen wissenschaftliche Literatur im Internet verfügbar - kostenlos. Die Open-Access-Bewegung will das Preisdiktat der großen Fachverlage brechen.

Von


Der Andrew W. Mellon Foundaton ergeht es wie vielen wissenschaftlichen Vereinigungen: Zu Themen wie "Verbundkataloge am Scheideweg" (Union Catalogs at the Crossroads) arbeitet sie honorig, wissenschaftlich fundiert - und weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Ihre Tagungsbände erschienen bislang für teures Geld bei der altehrwürdigen Oxford University Press, mit fast 5000 Mitarbeitern der größte Universitätsverlag der Welt.

Buchstapel: Konkurrenz für Verlage
DPA

Buchstapel: Konkurrenz für Verlage

Doch damit ist nun Schluss: Ab sofort ist das Schicksal der Verbundkataloge online nachzulesen – bei der 2001 gegründeten Hamburg University Press (HUP). Der Kleinstverlag hat derzeit genau eine festangestellte Mitarbeiterin, die Verlagsleiterin Isabella Meinecke. Auf den Verlagswechsel der Fachgesellschaft ist sie ein wenig stolz. In der wissenschaftlichen Gemeinde spielt sich derzeit nämlich eine kleine Revolution ab: Unis und Forschungszirkel wollen Ergebnisse künftig verstärkt selbst veröffentlichen – umsonst, im Internet.

"Open Access" heißt die Bewegung, sie beruft sich auf die 2003 verabschiedete "Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen". 180 Organisationen haben das Dokument schon unterzeichnet. Derzeit fordern ein Gesetzentwurf in den USA und eine Studie der EU-Kommission, öffentlich geförderte Forschung für jeden kostenlos verfügbar zu machen. "Da ist ein ziemlich großer Stein ins Wasser geworfen worden", sagt Georg Botz, Open-Access-Experte der Max-Planck-Gesellschaft.

Die Uni-Bibliotheken sparen Geld

Die Rechnung der weit überwiegend aus Steuergeldern finanzierten Unis ist einleuchtend - schließlich bezahlen sie Wissenschaftler und deren Arbeit. Haben die Forscher aber etwas herausgefunden, gehen sie zu privaten Verlagen, um ihre Ergebnisse als Buch oder Zeitschriftenaufsatz zu veröffentlichen. Diese Publikationen müssen die Unis dann teuer für ihre Bibliotheken zurückkaufen. "Die Gewinnabschöpfung seitens der privaten Wissenschaftsverlage generiert sich somit überwiegend mit Mitteln der öffentlichen Hand", so die Klage in einer aktuellen Studie, die bei Mannheim University Press erschien.

Bei Verlagen wie der Hamburg University Press wird dagegen jede Neuerscheinung als kostenloses PDF-Dokument veröffentlicht. Auf diese Weise können die Unis viel Geld sparen. Denn teure Fachzeitschriften belasten das Budget enorm; allein in Hamburg gehen vom 2,7-Millionen-Etat für Neuerwerbungen knapp 1,2 Millionen in Abos. Ein Gegengewicht zu kommerziellen Verlagen sei sinnvoll, sagt Gabriele Berger, Leiterin der Staats- und Universitätsbibliothek, bei der die HUP seit Juli beheimatet ist: "Dieses Gegengewicht heißt Open Access und Univerlage."

Gedruckt wird nur noch auf Anfrage ("Print on Demand"). Trotzdem kosten auch Open-Access-Veröffentlichungen Geld. Bezahlen muss meist der Autor. Bis zu 2500 Euro werden etwa für Online-Fassung und 20 Druckexemplare eines 300-seitigen HUP-Bandes fällig. Auch Online-Arbeiten müssten schließlich sorgfältig lektoriert werden, sagt Isabella Meinecke. "Das muss man in der Open-Access-Bewegung noch realisieren."

Ohne Qualitätskontrollen geht es nicht

Für Korrekturen beschäftigt die HUP fünf freie Mitarbeiter. Kritiker bezweifeln, dass solche Mittel ausreichen. "Open Access wird sich nur durchsetzen, wenn strenge Qualitätsmaßstäbe eingehalten werden", sagt Georg Botz. Dazu gehöre etwa die Kontrolle durch andere Wissenschaftler (peer-review). Auch konzentrierten sich kleine Univerlage mit Dissertationen oder Tagungsbänden oft zu sehr auf die eigene Uni.

Für Unruhe bei den etablierten Anbietern sorgt die neu erwachsene Konkurrenz trotzdem. "Eine Aufgabenteilung, die sich über hunderte von Jahren bewährt hat", sieht Ursula Hampel vom Elsevier-Verlag in Gefahr. Elsevier, der weltweit größte Verleger wissenschaftlicher Zeitschriften, wurde in der Vergangenheit heftig für seine Preispolitik kritisiert und erlaubt Autoren inzwischen die "Selbstarchivierung" ihrer Aufsätze auf privaten oder Uni-Webseiten. Zum Teil können Wissenschaftler ihre Arbeiten außerdem gegen eine Gebühr von 3000 Euro über Elseviers Online-Portal verfügbar machen.

Auf Bestandssicherung legt auch die HUP Wert. "Den Stecker kann man heute getrost ziehen", widerspricht Gabriele Beger Befürchtungen, die mit viel wissenschaftlichem Herzblut erarbeitete Online-Literatur könnte plötzlich verschwinden. Durch Kopien und eine Kooperation mit der Deutschen Nationalbibliothek sei die Archivierung gesichert. Eine gemeinsame Plattform soll zusätzlich die Position der Univerlage stärken.

Open Access könnte schon viel weiter sein, sagt Georg Botz, "wenn alle Forscher das, was sie dürfen, auch tun würden". Viele Wissenschaftler betrachten die neuen Publikationsmöglichkeiten mit Skepsis und bevorzugen den traditionellen Weg über etablierte Verlage. So zogen drei Forscher ihre Beiträge aus einem HUP-Band über Stammzellforschung zurück – aus Sorge vor Plagiaten.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.