Uni Regensburg nach Papst-Rede Baff über den Proteststurm

Damit hatten die Studenten und Lehrkräfte der katholisch-theologischen Fakultät in Regensburg nicht gerechnet: Die Vorlesung, die ihr Honorarprofessor Ratzinger am Dienstag hielt, sorgt für wütende Proteste in vielen muslimischen Ländern. Die Akademiker sind verblüfft und verstört.

Von Andreas Kohler


Ein riesiger, grauer Zweckbau am Stadtrand von Regensburg, typisch siebziger Jahre Bildungsbetonburg: Hier im Auditorium Maximum, wo der Papst früher als Professor Dogmatik und Dogmengeschichte lehrte, als er noch Joseph Ratzinger hieß, referierte er über Glaube und Vernunft und über die Rolle des Islam in diesem Diskurs.

Papst Benedikt XVI. im Auditorium Maximum der Regensburger Uni: Publikum überfordert?
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Papst Benedikt XVI. im Auditorium Maximum der Regensburger Uni: Publikum überfordert?

1500 Zuhörer folgten den Ausführungen des Papstes, die Stimmung sei wohlwollend gewesen, berichten Teilnehmer. Am Ende gab es stehende Ovationen. Und dann, quasi mit Zeitzünder, das: In der islamischen Welt brach zwei Tage nach dem Vortrag ein Proteststurm los, wegen einer Formulierung, die kaum jemand während der Vorlesung selbst als problematisch erachtete.

Christoph Dohmen ist Dekan der katholisch-theologischen Fakultät, die Abteilung, in der Papst Benedikt heute noch Honorarprofessor ist. Die heftigen Reaktionen auf die Papstrede haben ihn überrascht. Wenn die islamische Welt den Vortrag als Abwertung einschätzt, dann verwundere ihn das sehr, sagt er. Zumal er aus der Rede auch herausgehört habe, dass der Papst die Christen ebenfalls kritisch beleuchtet. Außerdem seien die Medien nach der Vorlesung zu wenig darauf eingegangen, dass der Papst als Professor an seiner Uni gesprochen hat: "In dieser Position als Wissenschaftler muss die Rede als akademischer Diskussionsbeitrag verstanden werden."

"Spezielles theologisches Problem auf höchstem Niveau"

Der Papst sei herzlich aufgenommen worden. Allerdings habe auch er sich bei der Vorlesung Gedanken gemacht, dass da Verkürzungen zustande kommen könnten, räumt Dohmen ein. Das Publikum sei sehr gemischt gewesen und möglicherweise in der Situation auch überfordert durch den sehr dichten und komplizierten Vortrag. "Hier wurde ein sehr spezielles theologisches Problem auf höchstem Niveau erörtert", so Dohmens Einschätzung. "Mein Eindruck ist - auch nach dem zu urteilen, was ich über ihn weiß - dass er wünschen würde, man betrachte das als Anstoß zur Diskussion." Eine Debatte direkt nach der Veranstaltung sei aber nicht mehr möglich gewesen.

Auch die studentische Sprecherin Magdalena Scherl war bei der Papst-Vorlesung dabei: Bei der Veranstaltung habe es eine "super Stimmung" gegeben: "Viele im Publikum waren ganz offensichtlich von dem Moment ergriffen und haben deswegen vielleicht auch nicht so auf die Rede geachtet", schätzt Scherl. Sie hätten sicher erst aus der Zeitung mitbekommen, dass da etwas Diskussionswürdiges gesagt worden sei.

Einmal sei sie selbst während der Rede stutzig geworden und habe sich gefragt: "Warum thematisiert er das jetzt so?" Sie habe darauf gewartet, "dass der Papst die Kurve kriegt und die umstrittenen Aussagen noch stärker relativiert", indem er zum Beispiel Probleme auf der christlichen Seite entgegensetzt. Nun sagt sie: "Ich stimme Kritikern zu, die sagen, dass das zu ambivalent rüberkam."

"Man ist sehr hellhörig"

Dabei habe der Papst ihrer Ansicht nach ausdrücklich eher die westliche Welt kritisiert und betont, dass der Dialog der Kulturen wichtig sei. Überrascht ist Scherl von den heftigen Reaktionen nicht: "Die Schwelle ist bei diesen Themen momentan sehr niedrig, man ist sehr hellhörig." Möglicherweise habe der Papst einkalkuliert, dass diese Debatte jetzt hochkommt. Sie glaubt nicht, dass er von den Protesten überrascht ist.

Jörg Wiesner, Vizekanzler der Uni, hatte die Veranstaltung am Dienstagabend mitorganisiert. Die heftigen Reaktionen von Muslimen versteht er überhaupt nicht: "Der Papst hat in seiner Rede etwas ganz anderes sagen wollen und auch gesagt als das, was man in Teilen der islamischen Welt verstanden hat." Christen, so interpretiert Wiesner den Papst, sollten Glaube und Vernunft in Einklang bringen. Nur so seien sie überhaupt zum Dialog mit dem Islam fähig. Die Rede sei also ein Appell gewesen, so Wiesner.

Keine Kampfansage an den Islam

Die feindseligen Reaktionen hält Wiesner für völlig abwegig. Manche erschienen ihm fast wie ein bewusstes Missverständnis. Er kenne Papst Benedikt schon lange persönlich und schätze ihn als bescheidene, menschlich anrührende Person. Gleichzeitig sei der Papst sicher scharfzüngig und argumentiere scharf, aber sicherlich nicht im Sinne einer Kampfansage an den Islam.

Die Atmosphäre bei der Papst-Visite hat Wiesner als eine Mischung aus "gespannter Aufmerksamkeit und einer gewissen Leichtigkeit" erlebt. Der Papst sei eher als Theologe wahrgenommen worden, der als Honorarprofessor seiner Uni einer Einladung gefolgt ist. Es habe stehende Ovationen geben.

Auch für Tobias Weismantel, Mitarbeiter der katholisch-theologischen Fakultät sind die Reaktionen, vieler Muslime überraschend: "Wer in der Vorlesung gewesen ist, der hat es sicher nicht so empfunden, dass es da eine Verletzung gegeben hat". Der Papst habe sich klar gegen Gewalt ausgesprochen - eine Botschaft, für die dieser Papst schon immer stehe. Problematisch, urteilt Weismantel, seien die Aussagen des Papstes nur, wen man sie aus dem Zusammenhang reiße: "Bei diesen Themen gibt es momentan eine große Sensibilität."

An der umstrittenen Stelle des Vortrags hat Weismantel keine spezifischen Reaktionen im Publikum festgestellt. dass es in Regensburg selbst Konflikte geben könnte, glaubt er nicht. In der Stadt sei der interkulturelle Dialog immer groß geschrieben worden. Das sei wichtig und auch im Sinne des Papstes: "Wir müssen vernünftig miteinander reden."

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