Uni-Seminar in Philadelphia Verschwende deine Zeit

Das Internet macht klüger - das glaubt der amerikanische Dichter Kenneth Goldsmith und bietet deshalb an einer US-Elite-Uni ein besonderes Seminar an: "Zeit im Internet verschwenden".

Von Saskia Ibrom

Dichter und Dozent Kenneth Goldsmith
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Dichter und Dozent Kenneth Goldsmith


Chatten, rumklicken, stundenlang auf Bildschirme starren - und dafür auch noch Creditpoints bekommen? Was sich für viele Studenten anhört wie die Belohnung ihres schlechten Gewissens, wird an der renommierten Pennsylvania University in Philadelphia bald Wirklichkeit: Ab nächstem Jahr kann man an der Ivy-League-Uni den Kurs "Wasting time on the Internet" (Zeit im Internet verschwenden) belegen.

Jeden Mittwoch sollen die Studenten drei Stunden lang im Netz rumsurfen und rumklicken - alles, nur nicht produktiv sein. Nicht einmal miteinander reden dürfen die Teilnehmer, sie sollen sich laut Kursbeschreibung nur über Chats und soziale Medien austauschen: "Ablenkung, Multi-Tasking und zielloses Sichtreibenlassen sind Pflicht", steht dort.

Der Dozent des Kurses ist der amerikanische Dichter, Radiomoderator und Gründer des Online-Archivs UbuWeb Kenneth Goldsmith. Er hat bereits Erfahrung mit ungewöhnlichen Unterrichtsmethoden: In der Vergangenheit ließ er seine Studenten im Seminar "Uncreative Writing" stundenlang abschreiben, kein einziger Satz durfte neu erdacht werden.

Ablenkung ist die neue Konzentration

Aber das Ganze hat einen tieferen Sinn: Am Ende des Seminars im Zeitverschwenden sollen Goldsmiths Studenten aus der erzwungenen Ablenkung heraus in der Lage sein, sich besser zu konzentrieren. Der Künstler verkündet, natürlich im Internet: "Ablenkung ist die neue Konzentration."

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Goldsmith hofft, dass seine Studenten darüber nachdenken, ob ihre Zeit im Internet tatsächlich "verschwendete Zeit" darstellt - oder ob das ziellose Herumsurfen nicht doch einen Nutzen hat. Zur Ergänzung werden kritische Texte von Betty Friedan, John Cage, Henri Lefebvre und anderen gelesen.

Im Gespräch mit dem amerikanischen Nachrichtenmagazin "Newsweek" erklärt Goldsmith, er sei genervt davon, überall lesen zu müssen, dass uns das Internet dümmer mache. Er glaubt das Gegenteil: Das Internet mache klüger, und zwar auf eine Weise, "die wir vielleicht noch nicht begreifen können". Auf Twitter schreibt er: "Ja, Tweeten ist richtiges Schreiben."

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Wertschätzung des Internets

Aus dieser Frustration heraus sei die Idee für den Kurs entstanden, denn Goldsmith ist davon überzeugt, dass wir entgegen aller kulturellen Endzeit-Szenarien mehr schreiben und lesen als jemals zuvor - nur eben im Internet, dem nicht die gleiche Wertschätzung wie der Literatur oder der Kunst entgegengebracht wird. Goldsmith findet: "Das Internet ist das großartigste Gedicht, das jemals geschrieben wurde."

Seiner Wertschätzung gegenüber dem weltweiten Netz hat Goldsmith schon in der Vergangenheit Ausdruck verliehen, im wahrsten Sinne des Wortes: Im Jahr 2013 versuchte er im Rahmen des Kunstprojekts "Printing Out The Internet" das gesamte Internet auszudrucken. Er widmete das Projekt dem verstorbenen Netzaktivisten Aaron Swartz, der angeklagt war, 4,8 Millionen wissenschaftliche Artikel aus der digitalen Bibliothek JSTOR illegal heruntergeladen zu haben und noch vor Prozessbeginn Suizid beging.

Auf Twitter wurde Goldsmith von einem User vorgeworfen, dass er die renommierte Privatuniversität mit seinem Zeitverschwendungs-Kurs öffentlich blamiere - dabei gibt es an US-amerikanischen Universitäten immer mal wieder ungewöhnliche Seminare, die sich etwa dem Werdegang von US-Rapper Jay-Zoder der Soziologie der Miley Cyruswidmen.

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Goldsmith nahm die Kritik locker und teilte den Tweet. Denn er weiß: Auch das gehört zum Internet, dem größten Gedicht aller Zeiten.



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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
mainemainung 03.11.2014
1. Sehr erfrischend...
surfen im Internet kann durchaus eine Alternative zum Abhängen und Gedanken schweifen lassen sein. Beides fördert meiner Erfahrung nach die Kreativität und Konzentrationsfähigkeit.
warum-du-so? 03.11.2014
2. ...
So ziemlich alles, was man tut ist verschwendete Zeit - schlussendlich stirbt man und, wenn man nicht gerade Einstein oder Hawking war, hat man für die meisten nicht mal existiert... Ich denke, solange man selbst für sich das macht, was man will, ist das OK. Wofür anderen was zeigen, was beweisen müssen, was erklären müssen.. Zeit ist wie Treibstoff- zum Verballern da...
palla-manfred 03.11.2014
3. Einfach göttlich...
dieses Internet mit seinen Möglichkeiten - besonders für wissbegierige "Zeit-Millionäre" und "Aufgeklärte". Chapeau für Google-Earth und StreetView, um die "Welt" in Augenschein zu nehmen; EarthWindMap - um globales Klimageschehen etc. quasi live zu studieren; Also: Wer das Internet nicht kennt, die "WELT" verpennt !!!
aberratio-ictus 03.11.2014
4. Dieses Seminar...
...mag mit seinen Behauptungen im Kern sicherlich etwas Wahres tragen. Dass das Internet "schlauer" machen könne sei einmal dahingestellt, geht es hier doch um die Steigerung der Konzentrationsleistung und nicht des IQ. Aber solche reißerischen Titel vermarkten sich natürlich wesentlich besser. Jedoch ist hier höchst fraglich ob es für eine solche verbesserte Konzentration wirklich erforderlich ist die Zeit mit "Nichtstun" im Internet zu verbringen. Die These ist nicht neu: Gezielte Entspannung kann sich positiv auf darauffolgende Anspannungen auswirken. Allerdings könnte man die Zeit auch mit einem Mittagsschlaf verbringen (Stichwort Power-Napping). Dies könnte ähnlich gut für spätere Konzentration sein. Und selbst wenn man nicht viel auf den klassischen Mittagsschlaf gibt: Die genannte Zeit für vergleichbar geistig anspruchslose Aufgaben zu nutzen - etwa für den Haushalt oder für einen Spaziergang - könnte ebenfalls als "erzwungene Ablenkung" für anschließend bessere Konzentration sorgen. Von daher wirkt der Vorschlag des Seminars, diese Zeit ausgerechnet im Internet zu verschwenden, nicht sonderlich gut durchdacht. Da fehlt Herrn Goldsmith der nötige Weitblick, den er hier zu Gunsten einer weiteren reißerischen These bezüglich des Internetkonsums bereitwillig opfert.
albert schulz 06.11.2014
5. Ein wahrer Jammer
Es gibt kaum etwas Dümmeres als das Internet, von einigen wenigen Informationsquellen abgesehen. Für Leute, die so gar nichts können, ist das Netz der reinste Goldesel. Es gibt aus-reichend viele Idioten, die sich durch das Internet klüger machen zu können vermeinen. Das ist natürlich grober Unfug. Dort herrschen die gleichen Verhältnisse wie in jeder Feld- Wald- und Wiesenpostille. Es gibt allerdings eine ganze Menge von dem Zeug. Man kann sich also aussuchen, von wem man beschissen werden will. Die Methoden sind aber immer ähnlich. Man kann das Internet benutzen, um die Zeit totzuschlagen, das war es. Man sollte aber mög-lichst wenig dabei denken. P.S.: Wieder Probleme mit geeigneten Beiträgen, Sysopine ? Die Menschen sind einfach nicht gerecht. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem SPON jubilierend zu neuen Wel-ten aufbricht, modern, aufgeschlossen, aufklärerisch, besonnen und edelmütig. Kauft Euch doch ein paar Professoren oder Dichter. Die sind unglaublich billig und können mit jedem Staubsaugerverkäufer konkurrieren, was die Selbstachtung angeht.
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