Studie zum Uni-Stress Wer studiert, wird therapiert

Sie klagen über Stress, Leistungsdruck, Zukunftsangst: Viele fühlen sich an der Uni überfordert, wie eine neue Studie zeigt. Um mit Nervosität und Panik fertig zu werden, nimmt jeder Zehnte sogar Psychopharmaka. Und: Studenten gehen viel eher zum Therapeuten als Mittzwanziger, die schon arbeiten.

Erschöpft: Vom Uni-Leben fühlen sich viele Studenten überfordert
Corbis

Erschöpft: Vom Uni-Leben fühlen sich viele Studenten überfordert


Stress und seine gesundheitlichen Folgen werden zu einem immer größeren Problem für Studenten. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) unter 1000 Studenten in Nordrhein-Westfalen kommt zu erschreckenden Ergebnissen: 75 Prozent der Befragten fühlen sich nervös und unruhig, 23 Prozent haben Phasen tiefster Verzweiflung, und 15 Prozent leiden unter Panikattacken.

Als Folge greift jeder zehnte der Befragten zu Psychopharmaka. Für die vergangenen vier Jahre errechnete die Krankenkasse einen Anstieg von 55 Prozent. Noch eher als zu Tabletten greifen Studenten zur Stressbewältigung verstärkt zu Alkohol (15 Prozent) und Zigaretten (18 Prozent). 86 Prozent versuchen es zumindest auch mit Sport, wie die Krankenkasse mitteilte. Einige nehmen auch die Hilfe eines Psychotherapeuten in Anspruch: In NRW haben Krankenkassen zufolge im Jahr 2009 etwa zwei Prozent der Studenten und fast sieben Prozent der Studentinnen einen Therapeuten aufgesucht - eine jeweils etwa doppelt so hohe Quote wie bei gleichaltrigen Angestellten und Arbeitern.

Ursachen für den Griff zu Medikamenten und Rauschmitteln sind der Umfrage zufolge vor allem Prüfungsstress und Zeitdruck - mehr als die Hälfte der Studenten leidet darunter. Jeden Vierten bis jeden Dritten plagen Überforderung, Zukunftsangst und Geldsorgen. Der Druck geht der Umfrage zufolge zurück auf verschärfte Studienbedingungen: Mehr als die Hälfte der Befragten klagt über kürzere Studienzeiten und weniger Freiräume.

Die Ergebnisse werden von anderen Untersuchungen gestützt. So ergab eine Studie an der TU Chemnitz mit psychologischen Beratern von Studentenwerken aus 14 Bundesländern, dass bei 83 Prozent der Studenten eine Tendenz zur Überlastung und psychischen Erschöpfung vorliege. Obwohl die meisten Berater den Begriff Burnout angesichts unterschiedlicher Erschöpfungserscheinungen zurückhaltend verwenden, sahen 61 Prozent von ihnen vor allem in den vergangenen fünf Jahren "einen deutlichen Anstieg von Burnout im engeren Sinne". Als Ursache hätten die Fachleute vor allem die Umstellung auf das Bachelor-Master-Studium benannt. Problematisch seien die erhöhte Arbeitsdichte und der Mangel an Freiräumen, verbunden mit dem gesamtgesellschaftlich steigenden Leistungs- und Konkurrenzdruck.

Eine andere Studie der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) stellte vor nicht allzu langer Zeit fest, dass etwa jeder 20. Student sich mit verschreibungspflichtigen Medikamenten aufputscht, jeder zehnte nimmt Mittel zur Leistungssteigerung. Die allermeisten haben demnach vom Pharma-Turbo nur gehört.

otr/dpa



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