Uni-Werbung Ost Pausengong für Gang und Dong

Trist und grau finden West-Abiturienten Deutschlands Osten und wollen partout nicht nach drüben gehen. Werber haben die ironische Kampagne "Studieren in Fernost" erfunden. Und was sagen Ost-Rektoren? Sie nörgeln lautstark: Für ihren Geschmack sind die Filme viel zu grell und klamaukig.

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"Saublöd" findet Franz Häuser, Rektor der Uni Leipzig, den Spot im Internet, der seit kurzem für die Hochschule wirbt. In einem sonderbaren Filmchen fahren zwei Chinesen, Gang und Dong, in Vampirkostümen vor Häusers Uni. Sie tragen frackähnliche Jacken, Vampirzähne und auf die Augenlider aufgeklebte Zombieaugen. "Heute besuchen wir Deutschlands zweitälteste Universität", flimmert es in Schwarz-Weiß über den Schirm. Krisselige Optik, Stummfilmmusik, eingeblendete Texttafeln.

"Eure Magnifizenz, herzlichen Glückwunsch zum 600. Geburtstag", sagt Dong. Und der Leipziger Rektor Häuser sagt artig "Vielen Dank", als wäre er es, der 600 Jahre alt wird. Dann hebt er an zur Lobpreisung der weltoffenen, modernen Leipziger Universität "im Konzert der deutschen und europäischen - ja vielleicht auch der Welthochschulen".

Kein Zweifel, es prallen zwei Welten aufeinander - hier die betont schrägen Besucher, dort ein betont seriöser älterer Herr in staatstragendem Gestus. Man kann das für albern halten. Oder für lustig, besonders weil Häuser mit seiner dicken güldenen Amtskette und der gedehnten Sprechweise tatsächlich wirkt, als wäre er schon seit mehreren Jahrhunderten im Amt.

Im Osten studieren? Nö, lieber nicht

Viel lieber hätte er über Betreuungsverhältnisse, Forschungsprojekte, Internationalität und Wohnheimplätze geredet, sagte Häuser SPIEGEL ONLINE über den fertigen Film - aber das meiste von dem, worüber er gesprochen habe, hätten die "hochprofessionellen Macher" des Films weggeschnitten.

Vielleicht war es besser so. Die aufwendige Werbekampagne "Studieren in Fernost" ist eine fast verzweifelte Gemeinschaftsaktion der fünf ostdeutschen Bundesländer, um ihre Studentenzahlen zu steigern. Dafür brauchen sie Zuzug aus dem Westen. Und darum haben sie die "Hochschulinitiative Neue Bundesländer" gegründet.

Die fand in einer Umfrage heraus: 20 Jahre nach dem Mauerfall können sich lediglich fünf Prozent der westdeutschen Jugendlichen vorstellen, in einem ostdeutschen Bundesland zu studieren - Berlin immer ausgenommen, dort kennt man solche Sorgen nicht. "Arm", "grau", "trist" erscheint den jungen Wessis der Osten, ergab die Befragung. Kurzum: eine rundum spaßfreie Zone.

Zehn Millionen für den großen Trommelwirbel

Das soll sich jetzt ändern. Denn seit Jahren schon mühen sich die fünf Länder jeweils auf eigene Faust, für ihre Hochschulen zu trommeln. Sie haben gute Argumente zur Hand: Von Massen-Unis sind die meisten Hochschulen weit entfernt, bieten eine weit bessere Betreuung und oft auch Ausstattung, als es in Westdeutschland üblich ist. Die Mieten sind durchweg niedrig, allgemeine Studiengebühren gibt es keine. Und dennoch - die West-Abiturienten zeigten sich gegen die Lockmittel weitgehend resistent.

Wenn es so wie bisher nicht geht, dann muss es anders gehen, dachten sich die Werber der edlen Berliner Agentur Scholz&Friends. Ihr Kalkül ist klar: Man muss in erster Linie Aufmerksamkeit wecken und auf die Kraft des Web setzen. Man muss die Vorbehalte bei Jugendlichen brechen, indem man Deutschlands Osten vom Grau-Image befreit und als bunt und vielfältig inszeniert - ex oriente lux.

Scholz&Friends gestaltete den Werbespot über die Uni Leipzig, wie die ganze Kampagne, gemeinsam mit der Webagentur Aperto. Zehn Millionen Euro kostet der große Trommelwirbel und läuft seit April exklusiv im Internet in einer Kooperation mit dem sozialen Netzwerk SchülerVZ. Kürzlich hat "Studieren in Fernost" für seinen modernen, interaktiven Web-Auftritt den Online-Publikumspreis der Branchenzeitschrift "w&v" gewonnen.

Bitte keine Fans der Spaßgesellschaft

Die Ost-Hochschulen sind nicht der Auftraggeber, sie selbst zahlen für die Kampagne keinen Cent. Die Kosten tragen die Länder zusammen mit dem Bundesbildungsministerium. Trotzdem rumort es unter den Rektoren wegen des Programms, das ihnen mehr Studenten bescheren soll. Zu schrill, zu bunt, zu doof, schallt es aus den Leitungsetagen der Hochschulen von der Ostsee bis nach Sachsen.

Einer der Kritiker fordert einen Pausengong für Gang und Dong, die als Campus-Scouts nach und nach an allen 44 Unis und Fachhochschulen und Unis Filme drehen. Auf meinem Campus, stellte Micha Teuscher, Rektor der Hochschule Neubrandenburg klar, wird nicht herumgealbert: "Ich werde mich dagegen wehren, dass so etwas bei uns gedreht wird", sagte Teuscher der Wochenzeitung "Die Zeit". Und: "Wir wollen nicht die Fans der Spaßgesellschaft anziehen", so der ernste Leiter der kleinen Fachhochschule mit gut 2200 Studenten.

"Es gibt eine Diskrepanz zwischen der bunten Aufmachung und der noch unzureichenden Vermittlung an Inhalten", schimpfte auch Sabine Kunst, Präsidentin der Uni Potsdam, in der "Zeit". Leipzigs Rektor Häuser stört "das Bild, das die Macher vom Niveau der Schüler haben". Allerdings räumt Häuser ganz pragmatisch auch ein: "Ich kann nicht einschätzen, ob man das so machen muss." Und: "Wenn es bei den jungen Leuten ankommt, soll es mir recht sein", sagte er SPIEGEL ONLINE.

"Wir sind ja nicht die Zielgruppe"

Tatsächlich scheint die Kampagne recht erfolgreich zu rollen. So erscheint die Werbeeinblendung mit Fragen wie "Studieren am Strand? Gang & Dong nehmen dich mit" zum Beispiel direkt im persönlichen Profil von SchülerVZ. Das Angebot "Studieren in Fernost" haben in bereits knapp 28.000 Nutzer in ihrem Profil hinzugefügt und sich als Fans eingetragen. 80.000 Nutzer haben laut Scholz&Friends das Wahlprogramm für ostdeutsche Studienorte mit Gang und Dong durchgespielt und sich eine ostdeutsche Wunschhochschule anzeigen lassen. Das ist nicht wenig. Besonders die Uni Leipzig schnitt gut ab, für über 3000 Teilnehmer ist sie nach dem Testverfahren "die Wunschhochschule".

Zu viel Klamauk, zu wenig Inhalte, das ist aus Sicht der Kritiker das Hauptärgernis. Sachliche Informationen über die Hochschulen bietet die Kampagne indes schon - ein, zwei Klicks weiter. Und bei den Inhalten setze die Arbeit der Unis und FHs an, wenn erst einmal das Interesse der Schüler geweckt sei, hält Ulrich Vetter, Sprecher der Universität Rostock, den Kritikern entgegen. Vor zwei Wochen traf er sich mit Leitern der anderen Marketingabteilungen nordostdeuscher Hochschulen. Als "durchaus positiv" beschreibt Vetter ihren einhelligen Tenor.

Anders als viele Uni-Chefs in den neuen Ländern glaubt er an die erwünschte Wirkung. Vetter erzählt, er habe seinen Kindern im Teenageralter die Werbung mit Gang und Dong gezeigt - denen habe es gut gefallen. "Wir sind ja nicht die Zielgruppe", sagt der 50-Jährige. Ziel der Kampagne sei eben, dass Schülern im Westen Unis auffallen, von denen viele gar nicht wüssten, dass es sie gibt. "Die Kampagne soll uns die Schüler zutreiben", sagt Vetter. Und versucht sich selbst in einem griffigen Werbespruch: "Die Türe aufmachen, dass müssen wir dann schon selber."

Forum - Studium im Osten - Was spricht dafür?
insgesamt 245 Beiträge
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Seite 1
silenced 31.07.2009
1.
Zitat von sysop"Arm" und "grau" finden westdeutsche Schüler den Osten Deutschlands. Darum haben Unis und FHs in den neuen Ländern Werbung bitter nötig. Mit einer zehn Millionen Euro teuren Kampagne versuchen Politik und Werber Interessenten an die ostdeutschen Unis zu locken. Was spricht für ein Studium im Osten?
Niedrige Mieten, sehr niedrige Lebenshaltungskosten, geringe Kosten für Sprit und öffentliche Verkehrsmittel, Strom ist so preiswert wie nirgends, Lebensmittel kosten fast gar nichts, die Menschen sind freundlicher, das Gras ist grüner uswuswusw. Irgendeinen Grund muß es doch geben für die Lohn-, Sold- und Rentenunterschiede zwischen Ost und West, das muß als Student doch der Himmel sein, im "preiswerten" Osten studieren zu können. Oder etwa nicht?
heinrichv. 31.07.2009
2.
Jeder standort hat seine Vor-und Nachteile. Ich selbst habe in Halle/Saale Jura studiert und würde dies, obwohl ich gebürtig aus der gegend kommen, nicht wieder tun. Dies ist aber allein dem Umstand geschuldet, dass die Examensnoten niedriger und Durchfallquoten teilweise exorbitant höher sind als in den westlichen Bundesländern. Zu den Gründen will ich mich hier nicht auslassen - mit der (Aus)-Bildung hat das jedoch weniger zu tun. Seit 3 Jahren lebe und arbeite ich jetzt in Leipzig...und wer diese Stadt (oder Dresden, Jena,...)als arm und grau bezeichnen will, hat definitiv noch keinen Schritt über die Stadtgrenze getan.
Nachgedacht, 31.07.2009
3. "Arm" und "grau"
Zitat von sysop"Arm" und "grau" finden westdeutsche Schüler den Osten Deutschlands. Darum haben Unis und FHs in den neuen Ländern Werbung bitter nötig. Mit einer zehn Millionen Euro teuren Kampagne versuchen Politik und Werber Interessenten an die ostdeutschen Unis zu locken. Was spricht für ein Studium im Osten?
Zehn Millionen für die Tonne - der Clip ist grottenschlecht gemacht. Peinlich schlecht!
QuixX, 31.07.2009
4. Ausgedünnt.
Zitat von sysop"Arm" und "grau" finden westdeutsche Schüler den Osten Deutschlands. Darum haben Unis und FHs in den neuen Ländern Werbung bitter nötig. Mit einer zehn Millionen Euro teuren Kampagne versuchen Politik und Werber Interessenten an die ostdeutschen Unis zu locken. Was spricht für ein Studium im Osten?
Alles, was wirtschaftlich interessant ist, hat spätestens 1989 die Beine in die Hand genommen und ist in den Westen gegangen. Dem Rest traut man halt nur eine ordentliche 1. Mai-Kundgebung zu, aber ein Ranklotzen aus dem blechpausenverwöhnten Restbastand traut niemand aus dem Westen ihnen zu. Wie wär's mit einer Lösung der Nah-Ost-Problemes? Wir überlassen ihnen die FNL?
Rainer Daeschler, 31.07.2009
5.
Warum stehen die Namen der beiden Chinesen Gang und Dong unter den Symbolen in Magenta und Blau (rechts neben dem grünen "Studieren") in Japanisch als "gan" und "don", zumal in dieser Sprache "ng" als Silbenschluss gar nicht möglich ist? http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-44860-6.html#backToArticle=639249 Ist das Pfusch in der Grafik-Abteilung, oder ist da noch ein Preisrätsel geplant?
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