Uni Witten/Herdecke Staatsanwalt nimmt ehemalige Chefs ins Visier

Strafverfolger in Witten/Herdecke: Weil die älteste Privatuni Deutschlands wegen ihrer chaotischen Leitung in die Krise rutschte, ermittelt nun der Staatsanwalt gegen die ehemaligen Chefs. Betrug, lautet der Vorwurf. Die künftige Finanzierung durch das Land bleibt dennoch gesichert.


Bekommen die ehmaligen Chefs von Deutschlands ältester Privatuni Ärger mit der Justiz? Im Finanzstreit zwischen der Privatuniversität Witten/Herdecke und dem Land Nordrhein-Westfalen hat die Staatsanwaltschaft Bochum nun ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Namentlich soll es gegen den ehemaligen Präsidenten der Uni Birger P. Priddat gerichtet sein, berichten die Dortmunder "Ruhr Nachrichten". Priddat ist derzeit Professor für Volkswirtschaftslehre an der Uni.

Es solle geprüft werden, ob die Hochschule in Verhandlungen mit dem Land falsche Angaben über ihre Finanzkraft gemacht habe, sagte Oberstaatsanwalt Bernd Bienioßek am Montag und bestätigte damit einen Bericht der "Ruhr Nachrichten".

Strafrechtlich steht der Vorwurf des Betruges im Raum. Der Ausgang der Ermittlungen gegen die ehemaligen Verantwortlichen der Hochschule sei aber völlig offen, betonte Bienioßek.

Im Dezember hatte Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) mitgeteilt, dass die Privat-Uni für das Jahr 2008 auf 4,5 Millionen Euro Landeszuschuss verzichten muss - und die Uni damit in eine existentielle Krise gestürzt. Weitere drei Millionen Euro für das Jahr 2007 fordert das Land zurück. Aus Pinkwarts Ministerium hieß es damals, man entziehe der Uni dieses Geld "schweren Herzens", aber die Geschäftsführung arbeite "nicht mehr Ordnungsgemäß", so ein Sprecher Pinkwarts damals zu SPIEGEL ONLINE.

Ex-Präsident im Interview
Universität Witten/Herdecke
Im Zuge der Krise trat Birger Priddat als Präsident der Privatuni Witten/ Herdecke zurück. Gegen die Uni-Leitung äußerte das NRW-Wissenschaftsministerium harte Vorwürfe. Auf SPIEGEL ONLINE spricht Priddat über die Geldnot, den Neuanfang und kontert: "Das Land hat deutlichen Anteil an der Krise." mehr...
Kurz nach Ausbruch der Krise im Dezember war Präsident Birger P. Priddat von seinem Amt zuruckgetreten - wies aber im Interview mit SPIEGEL ONLINE die alleinige Schuld an der Krise von sich. Wenige Tage nach Priddat warf auch sein Vize Maxim Nohuroudi das Handtuch.

Minister Pinkwart hatte außerdem im Januar angekündigt, die Unterlagen über die unsauberen Geschäftsführung in Witten/Herdecke an die Staatsanwaltschaft zu übergeben. Das soll laut "Ruhr Nachrichten" Ende des Monats geschehen sein. "Nach Durchsicht der Akten sind weitere Fragen zu klären. Das können wir nur durch die Ermittlungen näher prüfen", sagte Oberstaatsanwalt Bienioßek der Zeitung.

Ebenfalls im Januar hatten die Landesregierung und neue private Förderer, darunter die SRH Holding, die Düsseldorfer Unternehmerfamilie Droege, die Darmstädter Software AG und eine spendenfreudige Initiative ehemaliger Wittener Studenten, in einer nächtlichen Marathonsitzung ein Finanzierungskonzept für die vor dem Aus stehende Universität verabredet.

Wenn die in dem Konzept vereinbarten Voraussetzungen erfüllt sind, will das Land die Zuwendungen von jeweils 4,5 Millionen Euro für das Jahr 2009 und 2010 leisten. Die einbehaltenen Mittel aus dem Vorjahr, 4,5 Millionen Euro, wird das Land der Uni in zwei Teilen zu je 2,25 Millionen Euro in diesem und im kommenden Jahr nachträglich überweisen.

An diesen Zusagen sollen auch die Nachforschungen der Staatsanwaltschaft nichts ändern, heißt es aus Pinkwarts Ministerium. Ein Sprecher wollte das Ermittlungsverfahren nicht kommentieren, die im Januar erzielte Vereinbarung würde weiter verfolgt.

Anmerkung der Redaktion (26.11.2009): Die Staatsanwaltschaft Bochum hat das Ermittlungsverfahren gegen Birger Priddat nach § 170 Abs. 2 StPO mangels Tatverdacht zum 3. November 2009 eingestellt.

cht/dpa/ddp



Forum - Die Pleite von Witten/Herdecke - wäre sie ein Verlust?
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Seite 1
Als_Tom, 17.12.2008
1.
Zitat von sysopÜberraschend entzieht Nordrhein-Westfalen der Universität Witten/Herdecke den Landeszuschuss. Sie muss sogar bereits erhaltenes Geld zurückzahlen. Insgesamt geht es um 7,5 Millionen Euro - es könnte der Uni den Todesstoß versetzen. Ein Verlust für die Bildung in Deutschland?
Nein! Der deutsche Staat sollte darauf verzichten private Schulen, Internate und Universitäten zu unterstützen bzw. Besuche selbiger auch noch steurlich absetzbar zu machen. Wenn sich eine Gruppe von Leuten sich der Gesellschaft entziehen möchte, dann soll diese es aus der eigenen Tasche bezahlen. Vielmehr ist zu prüfen ob erworbene (gekaufte) Abschlüsse auf Privatschulen ec. überhaupt anerkannt werden sollten. Es stellt sich doch die Frage, ob dem Prüfling, der ein nicht geringes Barvermögen pro Semester zahlt, Sonderkonditionen zu Teil werden, die er auf einer staatlichen Einrichtung nicht bekommen hätte. Einfach gefragt: Hätte er dort bestanden? Abschlußquoten in der Nähe von 100 % lassen mich da doch zweifeln. Die liegt einfach daran das es einfach Menschen gibt die nicht für ein Studium geboren sind. VG, Als_Tom
Kojo T, 17.12.2008
2.
Kein Verlust - ein Gewinn. Elite ist nicht per Definition herstellbar, auch nicht unbedingt durch teure Experimente, sondern durch Leistung. Experimente wie auf Massenfächer konzentrierte Uni-Neugründungen fördern höchstens die Profilierung Einzelner. Zur Behebung von Engpässen in NC-Fächern wäre auch ein Ausbau bestehender Ressourcen zweckmäßiger. Eine gewisse Kontinuität, eine Leistungstradition, wäre förderlich. Eliteförderung könnte wesentlich stringenter und kostengünstiger an kleinen, klassischen Universitäten eingeführt und betrieben werden.
Baikal 17.12.2008
3.
Zitat von sysopÜberraschend entzieht Nordrhein-Westfalen der Universität Witten/Herdecke den Landeszuschuss. Sie muss sogar bereits erhaltenes Geld zurückzahlen. Insgesamt geht es um 7,5 Millionen Euro - es könnte der Uni den Todesstoß versetzen. Ein Verlust für die Bildung in Deutschland?
Ja, und das nicht nur der hervorragenden Medizinerausbildung wegen die mehr auf den Patienten konzentriert ist und nicht auf die zweifelhaften Forschungen der angeblichen Naturwissenschaft Medizin. Aber auch sonst im flachen Mainstream der Pinkwartschen Hochschulfreiheit, die in Wirklichkeit nichts ist als die Auslieferung der Bildung an die Verwertungsindustrie und an den Schwachsinn von credit points der Dünnbrettbohrer. Aber kein Wunder, Pinkwart ist schließlich BWLer, wenn auch nur an einer Fachhochschule: da kommt eben Neid auf und FDP ist ohnehin nichts für dicke Bretter.
trendy_randy 17.12.2008
4.
Zitat von BaikalJa, und das nicht nur der hervorragenden Medizinerausbildung wegen die mehr auf den Patienten konzentriert ist und nicht auf die zweifelhaften Forschungen der angeblichen Naturwissenschaft Medizin. Aber auch sonst im flachen Mainstream der Pinkwartschen Hochschulfreiheit, die in Wirklichkeit nichts ist als die Auslieferung der Bildung an die Verwertungsindustrie und an den Schwachsinn von credit points der Dünnbrettbohrer. Aber kein Wunder, Pinkwart ist schließlich BWLer, wenn auch nur an einer Fachhochschule: da kommt eben Neid auf und FDP ist ohnehin nichts für dicke Bretter.
Pinkwart hat schon so einige Dinger gucken lassen. Und jetzt solche Äußerungen als FDP-Mitglied. Gleichmacherei ist doch eher anderen vorbehalten - diese Partei stellt sich als liberal dar? Als Förderer des Individuums und der Individualität? Schade wär´s wenn die Hochschule dicht machen müsste - eine Schande wär´s, wenn die FDP der Sargnagel wäre!
Arthi, 17.12.2008
5.
Zitat von Als_TomNein! Der deutsche Staat sollte darauf verzichten private Schulen, Internate und Universitäten zu unterstützen bzw. Besuche selbiger auch noch steurlich absetzbar zu machen. Wenn sich eine Gruppe von Leuten sich der Gesellschaft entziehen möchte, dann soll diese es aus der eigenen Tasche bezahlen. Vielmehr ist zu prüfen ob erworbene (gekaufte) Abschlüsse auf Privatschulen ec. überhaupt anerkannt werden sollten. Es stellt sich doch die Frage, ob dem Prüfling, der ein nicht geringes Barvermögen pro Semester zahlt, Sonderkonditionen zu Teil werden, die er auf einer staatlichen Einrichtung nicht bekommen hätte. Einfach gefragt: Hätte er dort bestanden? Abschlußquoten in der Nähe von 100 % lassen mich da doch zweifeln. Die liegt einfach daran das es einfach Menschen gibt die nicht für ein Studium geboren sind. VG, Als_Tom
Die Private Schule muss auf die Einnahmen schauen. Würden viele dort scheitern oder schlechte Noten bekommen,würde der Ruf schlecht leiden. Dann bliebe der Nachschub und somit die Gelder aus. Die Abschlüsse müssten also irgendwie von staatlicher Seite überprüft werden.
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