Kartentricks als Uni-Sport Die Leute wollen "verzaubert" werden

Ist Zaubern Sport oder Schummelei? In Berlin trainieren Studenten ihre magischen Fähigkeiten offiziell im Hochschulsport. Jule Hoffmann ergatterte einen der begehrten Kursplätze, ihr Assistent zeigte sich wenig verzaubert.

Jule Hoffmann

"Folgende Zauberutensilien braucht ihr: ein 52er-Kartenspiel, ein Zwei-Euro-Stück, vier Streichholzschachteln, einen Filzstift der Marke 'Stabilo'." Die E-Mail nach erfolgter Anmeldung klingt verheißungsvoll.

Ich teste mich in diesem Wintersemester durch die Angebote des Berliner Uni-Sports, Kickern war der Auftakt, jetzt also: Zaubern. Meinen die das ernst? Ich stehe in einer riesigen Turnhalle mit großen Spiegeln.

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Mit mir warten schweigend einige Studenten in Turnschuhen auf den Kursbeginn, die sich dasselbe zu fragen scheinen wie ich: Ist das jetzt albern oder doch ganz witzig? Die Tür geht auf, und ein Mann in kariertem Hemd und Hose tritt ein. Kein Cape, kein Zauberstab. Boris Friese ist 49 Jahre alt, gelernter Erzieher, Vater eines dreijährigen Sohnes - und Zauberer.

Seit fünf Jahren gibt es den Zauberkurs im Hochschulsport, er ist immer ausgebucht. "Ich bin da schon seit drei Jahren hinterher und hab immer keinen Platz bekommen. Jetzt hab ich es endlich geschafft!", freut sich Elena, eine Physikstudentin neben mir.

Boris begrüßt uns und gibt erste Einweisungen. "Man muss jeden Zaubertrick genau studieren. Wer die Trickabfolge beherrscht, muss sich eine gute Methode überlegen, wie er den Trick vorführt. Also zum Beispiel eine Geschichte, die man dazu erzählt und die auch zur Ablenkung des Zuschauers dient. Wichtig sind auch Körpersprache und Mimik."

Boris' erster Trick versetzt sofort alle in Staunen: Eben noch hält er einen Stift fest in der linken Hand und den Zeigefinger der rechten an das andere Stiftende und - zack! - verschwindet der Stift vor unseren Augen, scheinbar ohne dass sich seine Hände bewegt haben. Wir sind begeistert.

Einfach dran glauben! Einfach?

"Einfache Fingerfertigkeit", kommentiert Boris lässig und zeigt, wie es geht: Durch eine minimale Bewegung des Mittelfingers lässt man den Stift zur Seite schnellen, sodass er am Arm anliegt und die Hand den Blick auf ihn verwehrt. Wenn man schnell genug ist, wird daraus eine optische Täuschung.

Der nächste Trick ist ideal für die Kneipentheke: Drei Bierdeckel werden durch einen Namen markiert. Der Zuschauer wird aufgefordert, sich auf einen der Bierdeckel zu konzentrieren. Der Zauberer merkt sich die drei Namen und prägt sich besonders gut ein, welcher Name in der Mitte liegt. Dann werden alle drei verdeckt, und während der Zauberer die Augen verschließt, vertauscht der Zuschauer die beiden anderen Bierdeckel, auf die er sich nicht konzentriert. Wichtig ist allerdings, dass ein glaubwürdiger Bezauberter wirklich zwei Deckel tauscht, die Karten nach dem Wechsel also nicht so liegen wie zuvor.

Dann mischt der Zauberer auf dem Tisch die verdeckten Bierdeckel, ohne den mittleren dabei aus den Augen zu verlieren. Diesen deckt er schließlich auf: Wenn es der gleiche ist wie zu Beginn, hat der Zuschauer die äußeren Deckel vertauscht und sich auf eben diesen konzentriert. Ist es ein anderer Deckel, kann sich der Zuschauer weder auf diesen noch den ehemals mittlere Bierdeckel konzentriert haben; also ist es der dritte. Logisch, oder?

Einige haben es schon aufgegeben, die Tricks wirklich verstehen zu wollen, und merken sich bloß die Schritte. Auch zwei Mathematikstudenten bekennen, sie hätten das "nicht gleich durchschaut".

Na dann. In Zweiergruppen üben wir den Stift- und den Kartentrick ein und schreiben brav die Schritte auf. Mit meinem Zaubertalent sieht es bisher recht bescheiden aus. Mein Übungspartner Frederik hat den Trick offenbar besser verstanden als ich und zeigt sich wenig verzaubert, während ich zu erraten versuche, welchen Bierdeckel er sich gemerkt hat.

Eine Grundvoraussetzung, wenn man zaubern will, lautet: "Du musst wirklich daran glauben, dass der Ball, den du verschwinden lässt, tatsächlich weg ist. Sonst ist kein Trick überzeugend. Auch wenn du weißt, er steckt in deiner linken Jackentasche. Du musst daran glauben, dass du zaubern kannst." Keine leichte Sache.

Der Deal: Einer schummelt, alle wollen beschummelt werden

Jeder neue Trick von Boris sorgt für Begeisterung. "Ich finde Zaubern richtig geil!", sagt Tobi, ein Wirtschaftsstudent. Er sagt, er stehe vor allem auf den Trick mit der Münze hinterm Ohr. "Fänd ich schön, wenn wir den heute noch machen. Damit würde ich dann ein bisschen angeben!" Spickzettel verschwinden und auftauchen lassen steht aber leider nicht auf Boris' Kursprogramm.

Paul und Phillip, zwei Lehramtsstudenten, wollen später ihren Schülern etwas vorzaubern. "Dann hat man die gleich auf seiner Seite." Die übrigen finden, ein bisschen Alltagszauberei könne nie schaden. Weiter geht es mit Streichholzschachtel- und Kartentricks.

Wenn Boris einen Trick erklärt, weiß man nie, ob er gerade zaubert oder nicht. "Lenkst du uns jetzt ab, oder gehört das zum Kurs?", fragt ein Kursteilnehmer. "Ist Zauberei nicht auch in gewisser Hinsicht Betrug?", will ein anderer wissen. Boris winkt ab. "Ich sehe das als eine Vereinbarung, die man trifft: Die Zuschauer wissen, dass du sie verzaubern willst, und sie wiederum wollen sich verzaubern lassen."

Nach vier Stunden konzentrierter Zauberei sind die meisten erschöpft. Die ersten verlassen schon die Turnhalle. "Bringt morgen bitte alle ein Küchenhandtuch und eine kleine Flasche mit!", ruft Boris ihnen hinterher. Ob man die Tricks irgendwo nachlesen könne, fragt einer der Mathematiker. "Für Studenten empfehle ich: 'Zaubern für Dummies'", erwidert Boris.

Jule Hoffmann studiert an der FU in Berlin und probiert gern Neues aus. Inzwischen zaubert sie häufiger für Freunde und Familie.

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