Der SPIEGEL

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07. April 2012, 00:00 Uhr

Party-Logbuch Frankfurt

"Work hard, play hard"

Wie feiern neureiche schnöselige Banker? Das fragte sich Maximilian Popp - und tauchte ein ins Nachtleben von Frankfurt am Main. Zwischen Gesprächen über Rindercarpaccio und Goldman Sachs lernte er, Deichkind grölend, das Motto der jungen Anzugträger kennen: "Man muss auch stilvoll feiern können."

10.00 Uhr Frankfurt? Andy schüttelt den Kopf. "Was willst du bei den Bonzen?" Ich weiß nicht, sage ich. Ich möchte wissen, wie Banker feiern. Andy ist in Frankfurt am Main aufgewachsen. Nach dem Abi floh er nach Berlin. Zu bieder sei ihm Frankfurt gewesen. Zu glatt. Andy zieht einen Stift aus der Hosentasche. Er kritzelt Namen von Straßen und Kneipen auf die Serviette: Freßgass, Euro Deli, BB Bar. "Keine Ahnung, ob da was geht", sagt er.

19.15 Uhr Wer zum ersten Mal am Hauptbahnhof in Frankfurt ankommt, ist überrascht, wie kaputt die Stadt ist. Und das ist durchaus positiv gemeint. Frankfurt hat ja ein lausiges Image: Bankenstadt. Reichenghetto. Um den Bahnhof aber: Döner-Buden, Spielcasinos, sogar ein Irish Pub. Im Rotlichtviertel in der Taunusstraße lehnen Jugendliche mit Goldketten und Jogginghosen an den Straßenlaternen. Man könnte nun mit der S-Bahn ins hippe, alternative Frankfurt fahren: nach Bornheim oder ins Nordend. Aber das ist nicht der Plan. Der Plan ist, mit den Bankern auszugehen. Eine Nacht unter Reichen. "Zu den Anzugträgern?" Die Literaturstudentin mit den blonden Locken im Irish Pub zuckt mit den Schultern. "Immer den Türmen nach. Irgendwann stehst du auf der Freßgass."

20.00 Uhr Im Tower der Deutschen Bank springen die Lichter an, als Daniel und seine Kumpels im fiftyfour die Nacht eröffnen. Daniel stellt eine Flasche Prosecco auf den Tisch. "Work hard, play hard", sagt er. "Yeah, man", sagen die anderen. Männer mit blau-weiß gestreiften Hemden und Frauen mit blondierten Haaren sitzen an der Bar. Manche von ihnen rauchen Zigarillo oder checken E-Mails auf ihrem BlackBerry. Ich bestelle einen Gin Tonic und versuche nicht aufzufallen. Das ist gar nicht so einfach, denn ich trage einen Kapuzenpullover. "Du bist das erste Mal in Frankfurt, was?", fragt Daniel. Ich nicke. Daniel studiert Betriebswirtschaft in Mannheim und ist seit zwei Monaten für ein Praktikum bei einer Bank in Frankfurt. Er trägt Krawatte, Guttenberg-Frisur. "Man muss auch stilvoll feiern können", sagt er.

21.45 Uhr "Where are you from?", fragt der Mittdreißiger am Tisch neben mir. Das verwundert nicht, denn Frankfurt ist neben Berlin die internationalste deutsche Stadt. Was verwundert: Er kaut Kaugummi. Ich habe nicht mehr so viele Kaugummi-Kauer gesehen, seit ich vor neun Jahren auf einem Konzert von Grandmaster Flash war. Daniel und seine Freunde unterhalten sich jetzt über Rindercarpaccio und die Jobaussichten bei Großbanken. Es fallen Worte wie "leadership skills" und "business excellence". "Ich habe das commitment, auch 20 Stunden am Tag zu arbeiten", sagt Daniel. Sein Kumpel Lars sagt, er wolle sich im Sommer "mal Goldman geben". Frage in die Runde: Nervt es euch eigentlich, dass Banker so ein grauenhaftes Image haben? Dass alle Welt über ruchlose Spekulanten und unverdiente Boni spricht? "Das ist ein Witz. Plötzlich sollen Banker dafür verantwortlich sein, wenn Länder wie Griechenland schlecht wirtschaften", sagt Daniel. Sicher, es gebe Exzesse, meint Lars, und einige Banker hätten unlautere Geschäfte gemacht. "Aber man darf doch nicht eine ganze Branche in Sippenhaft nehmen." Christoph, der seit einem Jahr bei einem internationalen Finanzinstitut in Frankfurt arbeitet, bekennt, dass es ihm zu denken gebe, wenn er auf Familienfesten gefragt wird, ob er seinen Beruf noch guten Gewissens ausüben könne. Die Krise beschäftigt alle drei. "Die guten Jobs werden weniger. Man muss sich ranhalten", sagt Daniel. Er habe gehört, in Frankfurt stehe eine neue Entlassungswelle bevor, sagt Christoph. "Da schaltest du auch beim Feiern einen Gang zurück."

23.30 Uhr Vor der Europäischen Zentralbank in der Innenstadt kampieren nach wie vor zwei Dutzend Anhänger der Occupy-Bewegung in Zelten. Sie haben ein Lagerfeuer angezündet, trinken Bier. "Banken enteignen" steht auf den Bannern. "Wir geben erst auf, wenn sich an diesem kranken System etwas ändert", sagt einer der Demonstranten. In der Living XXL Bar gleich nebenan sitzt eine Gruppe englischer Investmentbanker auf hellen Ledersofas, sie bestellen Wodka-Red-Bull. An der Wand hängen Flachbild-Fernseher. Es läuft monotone Chillout-Musik. Brandon ist vor wenigen Monaten aus London nach Deutschland gezogen. Er sagt, die Frankfurter Partys seien "lahm". In London und New York werde viel exzessiver gefeiert. Dort leben die jungen, hungrigen Zocker. In Frankfurt die Beamten.

2.00 Uhr In der Zar Vodkabar riecht die Luft nach Alkohol und Schweiß. Frauen in kurzen Röcken und Männer mit halb offenem Hemd tanzen um eine Metallstange. Daniel lockert seine Krawatte. Die Vodkabar sei Bankertreff nach Mitternacht. "Leider geil", ruft er. Seine Freunde grölen. In Frankfurt hören gerade alle das neue Lied von Deichkind. Die Jungs liegen sich in den Armen und beginnen zu singen: "Hör auf zu denken, schalt dein Gehirn aus, follow your instincts - leider geil."

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