Universität Hamburg Professorin kündigt 100 Studenten

Das neue Semester beginnt für runde 100 angehende Lehrer in Hamburg mit einem Schock: Ihre Professorin hat ihnen das Studium gekündigt. Begründung: kein Personal.

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Hauptgebäude der Uni Hamburg: Für 100 Berufsschullehrer geht's nicht weiter
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Hauptgebäude der Uni Hamburg: Für 100 Berufsschullehrer geht's nicht weiter


Am Mittwoch begann das Sommersemester an der Hamburger Universität, die Studenten kehrten aus den Semesterferien zurück und belegten ihre neuen Veranstaltungen. Alle - bis auf gut 100 Lehramtsstudenten. Deren Kurse wurden vier Tage vor Semesterbeginn abgesagt. Es fehlt das Personal, um sie zu unterrichten.

Mehr als 100 angehende Berufsschullehrer des Fachbereichs Gesundheitswissenschaften erhielten in der vergangenen Woche eine E-Mail ihrer Professorin Ingrid Mühlhauser: Sie könnten ihr Studium momentan vermutlich nicht fortsetzen. Für viele Probleme des Fachbereichs seien keine Lösungen gefunden worden, daher könne die Universität ihrer Verpflichtung, die Lehre sicherzustellen, nicht nachkommen.

Der Studiengang Gesundheitswissenschaften wird zur großen Mehrheit von Frauen belegt, die eine fachliche Ausbildung als Arzthelferin oder Zahntechnikerin absolviert haben. Die Absage ihrer Professorin bedeutet für einige von ihnen, nach mehrjähriger praktischer und universitärer Ausbildung die Stelle für ein Referendariat wieder absagen zu müssen.

Professorin Mühlhauser ist die zur Zeit einzige Lehrkraft für alle angehenden Berufsschullehrer von Gesundheitsberufen. Seit 20 Jahren leitet sie den Fachbereich und warb Drittmittel ein, vor Kurzem kündigte ihre einzige Mitarbeiterin wegen fehlender Perspektive. Bis zu 70 Prozent des Unterrichts wird durch externe Dozenten abgedeckt. "Jetzt kann ich den Studierenden nicht mehr anbieten, was ihnen zusteht", sagt Mühlhauser SPIEGEL ONLINE. Die zuständige Fakultät für Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften (MIN) verweigere zusätzliches Personal, nötige Drittmittel fielen weg.

"Schlaflose Nächte"

Allerdings ist die Universität gesetzlich verpflichtet, den Studenten die Fortsetzung ihres Studiums zu ermöglichen. Die Studenten haben sich anwaltlich beraten lassen und erwägen laut "Hamburger Abendblatt" nun, gemeinsam zu klagen.

Ingrid Mühlhauser sagt, sie habe Uni-intern "immer wieder Hilferufe gesendet", habe immer wieder das Gespräch mit dem Dekan gesucht. "Ich habe schlaflose Nächte, weil ich als einzige Professorin den vielen Studenten keine angemessene Lehre bieten kann", sagt Mühlhauser. Von den Kollegen der MIN-Fakultät fühle sie sich herablassend behandelt - offenbar, weil die Ausbildung von Berufsschullehrern sich neben Doktoranden der Chemie oder Mathematik weniger wichtig ausnimmt.

Die Fakultät suche fieberhaft nach Personal, das über einen befristeten Lehrauftrag die Verpflichtung der Universität erfüllen könnte, sagt Prodekan Norbert Ritter. "Eine zusätzliche Stelle wird es aber nicht geben." Zurzeit werde die Fakultät durch den Wissenschaftsrat begutachtet, man erwarte im Mai eine Aussage darüber, ob der Fachbereich Gesundheitswissenschaften unter den Naturwissenschaften überhaupt richtig angesiedelt sei. "Wir suchen eine sinnvollere Umgebung für den Studiengang, mit mehr Synergien", sagt Ritter - etwa eine Angliederung an die Medizin oder an die Fachhochschule.

Für das laufende Semester sucht Prodekan Ritter neue Lehrbeauftragte. Doch gibt es freiberufliche Dozenten, die im laufenden Semester noch ein Hauptseminar herbeizaubern? "Auch wenn jemand gefunden wird, bedeutet es nur notdürftiges Zusammenstoppeln", sagt Mühlhauser. Es wäre ein holpriges Semester, an dessen Ende verpasste Unterrichtszeit in Blockveranstaltungen nachgeholt werden muss oder bis in die Semesterferien reicht. Und auch in den folgenden Semestern besteht vorerst keine Aussicht auf Besserung.

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insgesamt 137 Beiträge
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differenzieren 02.04.2015
1. Die Ursachen stehen bereits im Artikel.
Die einzige bisherige Mitarbeiterin kündigt aus fehlender Perspektive. Kein Wunder. Heute wird man im akademischen Feld entweder Professor oder man geht vor die Hunde. Wenn man einsehen muss, dass ersteres unwahrscheinlich wird, muss man rechtzeitig abspringen, sonst ist es zu spät. Und es ist auch keine Überraschung, dass man keine Leute für eine befristete Stelle findet. Die Punkte aus dem obigen Absatz haben sich rumgesprochen, das macht doch keiner mit, der auch nur die geringste Wahl hat. Bezahlt die Leute gut, gebt ihnen unbefristete Verträge und bietet Perspektive und sie kommen auch wieder.
Lopid 02.04.2015
2. Könnte teuer werden
Das könnte für die Universität sehr teuer werden. Wenn die Universität den verspäteten Abschluss von Studenten verschuldet, können die Studenten deswegen ausfallende Löhne von der Universität einklagen. Wenn eine Uni Studenten zulässt, hat sie auch sicherzustellen, dass diese ihr Studium zumindest wenn diese den Studienverlaufsplan einhalten, auch abschließen können. Der AStA oder wer auch immer in Hamburg die Studierenden vertritt sollte behilflich sein bei den anfänglichen Rechtsanwaltskosten.
diefetteberta 02.04.2015
3. Hamburg
Das ist Hamburg, wie es leibt und lebt: Auf der einen Seite nicht mal die Universitäre Lehre auf die Reihe bekommen, dann aber sich als Olympiastützpunkt empfehlen. Herr Scholz, treten Sie zurück!
nochnbier 02.04.2015
4. Gut so!
So traurig das für die Studierenden ist, aber Personalmangel und prekäre Beschäftigungsverhältnisse gibt es schon seit langer Zeit an deutschen Hochschulen. Die Bildungsminister haben kläglich versagt. Diese Notbremse ist längst überfällig, doch scheren sich die meisten Professoren kaum um die Situation, sondern tragen den Mangel auf dem Rücken der Doktoranden und wissenschaftlichen Mitarbeiter aus. Hoffentlich haben die Studierenden mit der Klage Erfolg, höchste Zeit, dass der Politik das Bildungssystem um die Ohren fliegt!
territrades 02.04.2015
5. Peinlich.
Dann sollen sie den Studiengang einstampfen. Entweder man bietet einen Studiengang ganz an oder gar nicht. Wenn die Fachrichtung nur einen Prof hat, wer wird dann in Streitfragen hinzugerufen? Von wem unterschiedliche Perspektiven kennenlernen, wenn es nur eine lehrmeinung gibt?
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