Studenten ohne Eltern Stell dir vor, es ist Uni, und du bist ganz allein

Nie ein Rat von Papa, keine Hilfe von Mama: Waisen und Pflegekinder haben es im Studium schwer. Weil sich Janine, Roxan, Sascha und Christian an der Uni wie Sonderlinge vorkamen, haben sie ein Netzwerk gegründet. Einblicke in ein Leben ohne Sicherung.

Von Hannah König


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Pflegekinder an der Uni: "Man ist auf sich gestellt"
Neue Stadt, neue Leute, neue Erfahrungen - der Übergang zwischen Schule und Studium ist für die meisten jungen Erwachsenen eine spannende Zeit. Für Janine war es dagegen "der absolute Horror". Weil ihr Einzugstermin spontan um zwei Wochen nach hinten verschoben wurde, war die 21-Jährige plötzlich obdachlos. Zurück ins Elternhaus? Für Janine unmöglich. Sie wuchs in einer Pflegefamilie auf.

150.000 junge Menschen leben deutschlandweit in Heimen, Wohngruppen, Pflegefamilien und anderen Erziehungseinrichtungen. Die Gründe dafür können ganz unterschiedlich sein: Manche Eltern sind mit ihren Kindern überfordert, andere haben Suchtprobleme oder sind gewalttätig. In den meisten Fällen endet die staatliche Fürsorge mit Vollendung des 18. Lebensjahres. Doch was passiert, wenn die Jugendlichen die stationäre Hilfe verlassen?

Für die Bundesrepublik gibt es bisher keine breit angelegte Studie, die sich mit dieser Frage befasst. So liegen auch keine Zahlen vor, wie viele ehemalige Heim- und Pflegekinder es nach ihrem Abschluss an eine Hochschule schaffen - und wie man sie dabei unterstützen kann. Das Problem beginnt schon beim Namen: Im internationalen Diskurs hat sich der Begriff Care Leaver eingebürgert. Die sperrige Übersetzung: Kinder und Jugendliche mit stationärer Jugendhilfeerfahrung. In Deutschland sind Care Leaver bislang kaum Thema.

Junge Erwachsene ohne Zuhause

An der Universität Hildesheim wurde deshalb das Forschungsprojekt "Higher Education without Familiy Support" ins Leben gerufen. Es untersucht den Übergang zwischen Schulzeit und Studium und soll Hindernisse identifizieren, die es an Hochschulen für Care Leaver gibt.

Im Moment gebe es kaum Hilfe für die jungen Erwachsenen, die nicht auf die Unterstützung ihrer Eltern zurückgreifen können, erklärt Sozialpädagogin Katharina Mangold. Auch werde der Zugang zu höheren Bildungswegen in der Regel nicht gefördert. Ziel des Projekts ist es deshalb, für das Thema zu sensibilisieren. Helfen würde schon, wenn Care Leaver zuerst einen Platz im Wohnheim bekommen, sagt Mangold. "Schließlich haben sie sonst kein Zuhause."

Mit über 40 jungen Erwachsenen haben die Forscher Interviews geführt, erste Ergebnisse sollen Ende des Jahres vorliegen. Doch schon jetzt können die Initiatoren einen Erfolg verzeichnen: Aus dem Projekt ist ein Netzwerk entstanden, in dem sich die Studenten untereinander austauschen können.

Sie alle haben ihre eigene Geschichte - aber sie haben auch viel gemeinsam. Hier erzählen vier Mitglieder des Netzwerks, was ihnen das Studium abverlangt, wer sie unterstützt hat und was sich verändern sollte. Klicken Sie auf die Überschriften, um zu den einzelnen Protokollen zu gelangen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 109 Beiträge
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tailspin 08.05.2013
1. Haertere Auslese
Das glaube ich unbesehen, dass es schwieriger ist, ohne elterlichen Rueckhalt zu studieren. Diejenigen, die es dennoch schaffen, duerften allerdings einen Startvorteil im Beruf haben. 1.) Weil sie bereits nachgewiesen haben, dass sie haertere Zeitgenossen sind. 2.) Weil sie zwangslaufig fruehzeitig gelernt haben, sich ein soziales Netz aufzubauen. Beides hilft im spaeteren Leben.
Noctim 08.05.2013
2. LoL
Also ehrlich, ohne meine Eltern hier zu diskreditieren, aber mein Studium habe ich ebenfalls vollkommen ohne Hilfe von Außen gemeistert. Sowohl inhaltlich, als auch finanziell. Scheinbar bin ich da eine Ausnahme...
schnasel 08.05.2013
3. Grundvertrauen
Zitat von NoctimAlso ehrlich, ohne meine Eltern hier zu diskreditieren, aber mein Studium habe ich ebenfalls vollkommen ohne Hilfe von Außen gemeistert. Sowohl inhaltlich, als auch finanziell. Scheinbar bin ich da eine Ausnahme...
Hier geht es aber in erster Linie darum, das die sog. "Care Leaver" nicht das Grundvertrauen besitzen, das Sie wahrscheinlich haben. Unter Grundvertrauen verstehe ich, das wenn was schief läuft, eine Anlaufstelle das ist (z. B. die Eltern). Auch wenn die meisten Studenten (um mal bei diesem Beispiel zu bleiben) das jetzt weit von sich weisen würden. Aber man gestaltet sein Leben nun mal anders, wenn man weiß, das es eine Art "Ausfallsicherung" gibt. Die dann zwar unter Umständen peinlich ist in Anspruch zu nehmen, aber sie ist halt da. Diese Sicherung fehlt den Care Leavern. Da ist nichts, was einen im Notfall wie auch immer auffängt.
Somethinglost 08.05.2013
4. Sie..
Zitat von NoctimAlso ehrlich, ohne meine Eltern hier zu diskreditieren, aber mein Studium habe ich ebenfalls vollkommen ohne Hilfe von Außen gemeistert. Sowohl inhaltlich, als auch finanziell. Scheinbar bin ich da eine Ausnahme...
...haben immerhin Eltern. Egal ob diese Sie durchfüttern oder nicht. Aber niemanden als seine biologische Familie bezeichnen zu können ist da eine ganz andere Nummer. Das LOL können Sie also getrost steckenlassen. Und nein, eine Ausnahme sind Sie sicher nicht.
nordend-klaus 08.05.2013
5. Meine Güte
In welchen Zeiten leben wir? Wohlbehütet bis in welches Alter? Und was macht ein Arbeiterkind, dessen Vater selbst von der Akademischen Welt nichts versteht? Wollen wir alle Selbsthilfegruppen gründen, damit wir immer behütet sind?
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