Universitäten im Irak Studieren im Schatten des Terrors

Nur langsam erholen sich die irakischen Hochschulen von Krieg, Zerstörung und Terror. Professoren müssen um ihr Leben fürchten oder sind ins Exil geflüchtet. Drastisch erhöhte Gehälter sollen die Wissenschaftler nun zur Rückkehr bewegen.

Von Benedikt Mandl


Schwierige Sicherheitslage: US-Soldaten vor Uni-Gebäuden in Bagdad (2003)
AP

Schwierige Sicherheitslage: US-Soldaten vor Uni-Gebäuden in Bagdad (2003)

"Am Morgen des 11. April drangen mehrere Gruppen von Plünderern in das Institut ein. Sie nahmen die Klimaanlagen, Generatoren, Computer und alles, was nicht festgeschraubt und von Wert war. Sie begannen, den Musiksaal in Brand zu setzen, dann den Hörsaal. Den dürfte zuvor schon eine Bombe getroffen haben. Sie raubten ein Piano, die Sessel, ein Podium. Am nächsten Tag kamen sie wieder und nahmen sich die Bibliothek vor."

Was als nüchternes Protokoll verfasst sein sollte, liest sich wie ein verzweifeltes Eingeständnis der eigenen Hilflosigkeit angesichts der Zerstörung. Professor 'Abd al-Jabbar Naji wurde vor etwa zwei Jahren als Vorstand des Bayt al-Hikma-Instituts für Geschichte Zeuge der Plünderungen.

Als später eine Gruppe amerikanischer Wissenschafter von der University of Chicago das Institut besuchte, fand sie nur noch ausgebrannte Ruinen vor: "Die gesamte Sammlung war verloren", schrieben Professor McGuire Gibson und sein Student Nabil Al-Tikriti in ihrem Bericht, "in den Wochen nach den Plünderungen tauchten dann kostbare Bücher auf dem Schwarzmarkt auf. Wir bemerkten relativ neue Computer und wissenschaftliche Journale, die auf einem Platz direkt vor dem Institut angeboten wurden."

Geplünderte Bibliotheken

Überall im Irak bot sich den Besuchern das gleiche Bild: zerstörte Museen, geplünderte Universitäten, ausgebrannte Bibliotheken. Dazu verzweifelte Professoren. Und Studenten, die ohne Hörsäle, ohne Computer, ohne Bücher keine Zukunft für ihr Studium sahen. Das war vor gut zwei Jahren, im Mai 2003. Seither wurden große Anstrengungen unternommen, um den Wiederaufbau einzuleiten. Doch noch immer ist die Lage der irakischen Universitäten prekär.

Studentinnen (an der Technischen Universität Bagdad): Prekäre Lage
AFP

Studentinnen (an der Technischen Universität Bagdad): Prekäre Lage

84 Prozent aller Hochschulen seien während des Krieges und später durch Plünderungen schwer beschädigt worden, so der in diesem Jahr veröffentlichte Bericht "Iraq: Education in Transition, Needs and Challenges", in dem die Unesco die aktuelle Lage an Iraks Universitäten beleuchtet.

Etwa 30 bis 40 Prozent aller Professoren haben das Land seit 1990 verlassen, heute haben gerade 28 Prozent der Hochschullehrer einen Doktorgrad. Der Rest hat ein Master-Studium abgeschlossen - und ein Drittel der Lehrenden nur einen Bachelor-Abschluss. Der liegt eigentlich unter den irakischen Mindestanforderungen.

Ehemals arabische Vorzeigeunis

Das war nicht immer so. Bis vor dem Golfkrieg 1991 zählten irakische Unis zu den besten in der Region und maßen ihre Leistungen an westlichen Standards. Die Universität Bagdad wurde als erste moderne Hochschule des Landes 1957 gegründet und mit umfassenden Forschungseinrichtungen ausgestattet. Sie und die anderen vier Hochschulen der Hauptstadt beherbergen auch heute noch knapp die Hälfte aller Studenten des Landes. Als die Golfregion in den sechziger Jahren einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebte und der Handel mit dem Öl boomte, stieg der Bedarf an gut ausgebildeten Ingenieuren und Technikern.

Spielen zwischen Trümmern: Jungen Irakern sollen Schulen und Unis wieder offen stehen
AP

Spielen zwischen Trümmern: Jungen Irakern sollen Schulen und Unis wieder offen stehen

Neue Institute wurden gegründet, im Schnitt eine neue Hochschule alle 17 Monate, über einen Zeitraum von 20 Jahren. Die 1948 gegründete Irakische Akademie der Wissenschaft präsentierte sich westlichen Wissenschaftern stolz als ebenbürtig. Basra, Bagdad und Mossul waren für ihre Hochschulen bekannt.

"Ich bin ein Neokonservativer, der von der Realität eingeholt wurde", resignierte John Agresto gegenüber der "Washington Post". Im Auftrag der Koalitionstruppen reiste er 2003 nach Beginn der Besatzung als "Senior Advisor" für Hochschulen und Wissenschaft durch den Irak.

Heute findet Agresto, dass er naiv war. Und wohl auch ein wenig zu idealistisch. Die US-Regierung teilte seine Vision vom Wiederaufbau keineswegs: 1,2 Milliarden Dollar erachtete John Agresto als notwendig für die Schulen und Universitäten - nur acht Millionen Dollar wurden genehmigt.

Sorge um Leib und Leben

Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden seit dem Sturz Saddam Husseins 49 Professoren im Irak ermordet. Zuletzt starb Ende Mai ein Dozent samt seiner drei Leibwächter bei einem Anschlag. Einige wurden wohl gezielt getötet, weil sie Anhänger Husseins waren oder damit sie den Koalitionstruppen keine Auskünfte über die Waffenprogramme des Irak mehr geben konnten.

"Meine Kollegen im Irak sind wegen der angespannten Lage natürlich um ihr Leben besorgt", bestätigt Henner Fürtig vom Deutschen Orient-Institut. "Die Situation ist in Bagdad und in den Kurdengebieten im Norden des Landes mittlerweile aber weniger kritisch." Aus Angst wollten irakische Hochschullehrer dennoch nicht mit westlichen Medien sprechen.

Sicherheitskontrollen: Seit Husseins Sturz wurden 49 irakische Dozenten getötet
DPA

Sicherheitskontrollen: Seit Husseins Sturz wurden 49 irakische Dozenten getötet

"Viele Iraker sprechen Deutsch, haben in Deutschland studiert", sagt Fürtig, "und mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, das kann im Moment ein Fehler sein." Der Lehrbetrieb sei zwar wieder aufgenommen, von Alltag könne aber keine Rede sein. Die Sicherheitskräfte seien überfordert, und wer für den Staat arbeite, werde schnell zur Zielscheibe für Anschläge.

Anfang Juli sollen die Gehälter für Professoren um 60 bis 100 Prozent erhöht werden. Mit solchen Anreizen möchte die irakische Regierung im Ausland lebende Wissenschaftler zur Rückkehr bewegen. Außerdem will man aktiv auf Exiliraker zugehen: "Die Universitäten sind angewiesen worden, mit irakischen Intellektuellen im Ausland Kontakt aufzunehmen", verkündete vor wenigen Tagen Sami el Mudhaffar, Minister für höhere Bildung. "Wir werden im Oktober auch eine Tagung zu dieser Frage organisieren."

Aufbau geht voran

Die Probleme der Hochschulen diskutierte erst im Februar eine Gruppe von 120 Unesco-Delegierten aus aller Welt in Paris. Ergebnis: Kernproblem ist neben der ungelösten Sicherheitsfrage vor allem die Infrastruktur; 2000 Labors müssen neu ausgestattet werden, 30.000 Computer fehlen. Junge Iraker sollen für ihre Ausbildung ins Ausland gehen können. Bibliotheken sollen wieder mit Büchern und wissenschaftlichen Journalen ausgestattet werden, Universitäten Zugang zu elektronischen Ressourcen erhalten und Forscher zu internationalen Kongressen entsenden können. Die Wunschliste ist lang.

Immerhin 25 Millionen Dollar erhält das Ministerium für höhere Bildung für den Wiederaufbau der Universitäten - pro Monat. Das Geld fließt in Bauarbeiten an der Universitätsklinik, neue Gebäude, Laborausstattung und Studentenwohnheime.

Obwohl es noch kein fixes Budget für den Unterhalt der Bildungseinrichtungen gibt, wurde der provisorische Betrag mit der Hilfe von Unesco und Weltbank drastisch erhöht, von 40 Millionen Dollar 2003 auf 70 Millionen Dollar 2005. An allen Hochschulen gibt es Studentenvertretungen. Lehrer verdienen jetzt statt 1000 Dollar im Monat 1500 Dollar. Und an den Universitäten wurden 4300 neue Arbeitsplätze geschaffen.

Das Verhältnis von Studenten zu Professoren liegt im Irak heute bei 1 zu 13. Das ist viel besser als in anderen Ländern der Region, etwa Jordanien mit 1 zu 30 oder Saudi Arabien mit 1 zu 20. Stattliche 44 Prozent aller Hochschullehrer sind Frauen - auch dies eine außergewöhnliche Zahl für ein mehrheitlich arabisches Land.



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