Konkurrenzkampf an Unis Die schmutzigen Tricks der Karrierestudenten

Es geht um Noten, Praktika und die Gunst der Professoren: Viele Studenten liefern sich einen harten Wettbewerb, mit zum Teil üblen Methoden. Der Konkurrenzdruck kann das Studium vermiesen, Freundschaften zerstören, manche brauchen sogar psychologische Hilfe.

Von

Verena Brandt

Als der Dortmunder Lehramtsstudent Christian den Glauben an die Solidarität unter Studenten verlor, stand er gerade im Hörsaal und wollte ein Referat halten. Er hatte eine Powerpoint-Präsentation zum Thema "Außenpolitik in der EU" vorbereitet und diese auf einem USB-Stick gespeichert. Leider machte sein Laptop Zicken, er brauchte also einen anderen. "Kann mir jemand helfen?", fragte der 26-Jährige.

Vor ihm saßen seine Kommilitonen und schauten unbeeindruckt. Viele hatten ihren Rechner mitgebracht und auch schon auf dem Tisch aufgebaut. Allerdings machte keiner von ihnen Anstalten, Christian zu helfen. Also hakte der Dozent nach: "Kann ihm bitte jemand seinen Computer leihen?!" Noch immer kam keine Reaktion. Schließlich musste der Dozent ein Gerät organisieren.

Es war eine peinliche, eine traurige Situation, und sie sagte viel darüber aus, was an den deutschen Universitäten durchaus zum Alltag geworden ist. Der Zusammenhalt schwindet, die Konkurrenz wird größer, die Stimmung verdüstert sich.

"Es fängt mit banalen Sachen wie dem Verstecken von Büchern in der Bibliothek an und hört bei den Nebenjobs auf", sagt etwa BWL-Student Aykan, 22. Von "Asozialität" ist immer öfter die Rede, von Ellenbogenmentalität. Lehramtsstudent Christian zieht nach vier Semestern ein nüchternes Fazit: "Im Studium ist jeder nur noch auf seinen eigenen Vorteil bedacht."

Konkurrenz zerstörte die Freundschaft

Eine repräsentative Untersuchung der Universität Konstanz ergab, dass inzwischen jeder siebte Student unter der Konkurrenz mit den Kommilitonen leidet. Fünf Prozent gaben sogar an, der akademische Wettkampf bereite ihnen "große Schwierigkeiten". Die schmutzigen Tricks und der tägliche Kleinkrieg erschweren das Studium - und zerstören manchmal sogar Freundschaften. Zum Beispiel die von Kerstin und Laura, die in Wahrheit anders heißen.

Die beiden jungen Frauen lernten sich im ersten Semester an der Uni Duisburg kennen, wurden gute Freundinnen und verbrachten viel Zeit miteinander. Im Seminar hielten sie sich Plätze frei, verglichen ihre Hausarbeiten. Als studentische Hilfskräfte legten sie ihre Arbeitszeiten zusammen. Bis zu dem Tag, als Kerstin eine Prüfung bestand - und Laura nicht. "Sie kam damit nicht klar", sagt Kerstin heute. Die Freundinnen begannen plötzlich um Klausurnoten und Leistungsnachweise zu wetteifern. Laura fing an, über Kerstin zu lästern. "Es hat sich keine Möglichkeit ergeben, mit ihr zu reden", sagt Kerstin. Schließlich wurde die Freundschaft durch die Universität, die sie zusammenbrachte, zerstört.

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Geschichten wie die von Laura und Kerstin ereigneten sich zwar immer schon an den Hochschulen. Aber Günter Reich hat das Gefühl, dass es sie nun viel öfter gibt als früher. Der Diplompsychologe leitet die Psychotherapeutische Ambulanz für Studierende an der Universität Göttingen. Früher seien die meisten Studenten mit Problemen zu ihm gekommen, die irgendetwas mit der Familie oder dem Partner zu tun hatten, sagt Reich. Heute seien es in erster Linie der Leistungsdruck und die Konkurrenz, die sie in die Beratungsstelle trieben. "Da geht es oft auch um einen Vergleich mit den Kommilitonen", sagt Reich. Viele Studenten führten einen einsamen Kampf, einen Kampf, wie ihn Luisa schon seit fünf Semestern kennt.

"Wie hast du bei der letzten Arbeit abgeschnitten?"

Die 25-Jährige studiert Politik und Verwaltung in Potsdam. Natürlich gebe es bei ihr an der Uni auch Lerngruppen. Aber vielen Teilnehmern gehe es nicht mehr um Gemeinschaft und gegenseitige Hilfe, sondern darum, möglichst lange Monologe zu führen. Nach dem Motto: Schaut her, ich weiß am meisten! Mir macht keiner was vor, schon gar nicht einer von euch!

Wenn sie nach ihren Noten gefragt wird, antwortet Luisa nicht mehr oder lügt. Uni und Freizeit trennt sie mittlerweile sehr strikt, weil sie sich nicht runterziehen lassen will. Auch in der Kneipe werde schließlich ständig gefragt: "Na, wie läuft es bei dir denn so? Wie hast du denn bei der letzten Arbeit abgeschnitten?"

Experten wie Reich erklären sich die wachsende Konkurrenz mit der Enge an den Hochschulen. 2,5 Millionen junge Menschen sind an den deutschen Unis mittlerweile immatrikuliert, so viele wie noch nie. Gründe sind die doppelten Abi-Jahrgänge und die Angst, ohne akademischen Abschluss keinen guten Job zu bekommen. In einem durchschnittlichen Abiturjahrgang nehmen inzwischen 55 Prozent aller jungen Menschen ein Studium auf. Das ist schön für die Bildung in diesem Land, einerseits.

Ellenbogen auszufahren ist normal

Andererseits bedeutet das aber auch: überfüllte Seminare, volle Vorlesungen und Dozenten, die sich nicht mehr so um den Einzelnen kümmern können. Hinzu kommt, dass die Diplom- und Magisterstudenten von früher ihre Kurse freier wählen durften, Prüfungen und Hausarbeiten lange aufschieben konnten und erst nach einigen Semestern zu einer Leistungsüberprüfung gezwungen wurden. Bachelor-Studenten lernen dagegen in einem verschulten System: Alle machen das Gleiche und möglichst in der gleichen Zeit.

Es ist also viel leichter geworden, sich mit anderen zu messen. "Ich mache das ständig", räumt Corinna, 21, VWL-Studentin aus Duisburg, ein. "Ich fahre manchmal auch die Ellenbogen aus. Man hat das Gefühl, dass man sonst untergeht."

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Jura-Repetitorien: Das Geschäft mit der Angst
Manche Dozenten befeuern den Wettkampf auch noch. In vielen Studiengängen gehört es zur Begrüßungsfolklore, dass die Erstsemester aufgefordert werden, sich den rechten und linken Nachbarn in der Sitzreihe noch einmal genau anzuschauen. "Die sind wahrscheinlich bald verschwunden", feixen die Professoren dann, "nur einer von dreien wird schließlich einen Abschluss machen."

In einigen Studiengängen geht es besonders hart zu. Dazu gehören zum Beispiel Wirtschaftswissenschaften, die auch Moritz Erhardt studierte. Der Jung-Ökonom einer Business-School in der Nähe von Koblenzstarb vor einigen Wochen an den Folgen eines epileptischen Anfalls. In einem Blog schrieb der Student zuvor, dass er einen "stark konkurrenzbetonten und ehrgeizigen Charakter" habe. Es wird spekuliert, dass Stress und körperliche Belastungen zumindest das Unfallrisiko für einen epileptischen Anfall erhöht haben. Sicher ist, dass er bei einem Praktikum in einer Bank in London wochenlang fast rund um die Uhr beschäftigt war. Er wurde nur 21 Jahre alt.

Der Fall ist sehr krass, aber er zeigt, wie wichtig es ist, ab und zu einen Gang runterzuschalten und es nicht zu übertreiben im Wettbewerb um gute Noten, tolle Praktika und Spitzenjobs. Eine Rivalität, die auch unter den Juristen tobt. Laut den Forschern der Uni Konstanz empfinden 51 Prozent der Rechtswissenschaftler die Konkurrenz in ihrem Studiengang als besonders stark. Es geht dabei nicht nur um Noten, es geht dabei auch um die Gunst von Professoren, Top-Juristen und Nachhilfelehrern. Leider sind die oft genug selbst Teil des Problems.

Die Psychotricks unter Jura-Studenten

In sogenannten Repetitorien, in denen Studenten auf die juristischen Staatsexamina vorbereitet werden, wird gelegentlich sogar zum "Extrem-Bluff" und zu anderen harten Maßnahmen geraten, um sich im Wettstreit mit anderen durchzusetzen. Offiziell müssen die Klausuren zwar unabhängig voneinander benotet werden, aber natürlich werde auch im Vergleich bewertet, geben die Leiter der Repetitorien zu bedenken. Die eigene Note werde also besser, wenn die anderen schlechter seien. Deswegen könne es sich lohnen, Kommilitonen zu verunsichern und so in Fehler zu treiben. Wenn die Prüfungsaufgaben ausgeteilt würden, solle man zum Beispiel möglichst souverän und siegessicher tun - selbst bei völliger Ahnungslosigkeit, raten die Repetitoren. Auch falsche Antworten vor sich hin zu murmeln oder erst mal ganz in Ruhe zu frühstücken, könne die anderen verwirren - und sich deswegen auszahlen.

Juristin Lena, 27, kennt diese Psychotricks. Sie studiert Jura an einer großen Universität. An welcher, möchte sie nicht öffentlich sagen, genauso wenig wie ihren richtigen Namen. Sie sitzt dort auf dem Campus in einem typischen Studentencafé und erzählt von einem Erlebnis, das nicht nur mit übersteigertem Konkurrenzdenken, sondern sogar mit Betrug zu tun hatte.

Vor einiger Zeit wurde eine ihrer Hausarbeiten abgelehnt. Der Vorwurf: Sie habe einen Täuschungsversuch unternommen. Mehrere Seiten seien mit denen aus zwei weiteren Arbeiten identisch, monierte der Korrektor. "Das Kuriose war, dass ich die Autoren der beiden anderen Arbeiten gar nicht kannte", sagt Lena. Irgendwer musste sich also eine Kopie von ihrer Arbeit gemacht haben, als sie in der Bibliothek gearbeitet hatte. Der Unbekannte hatte wahrscheinlich einen USB-Stick in ihren Rechner geschoben, als sie gerade auf der Toilette oder am Kopierer war.

Der Professor wollte davon nichts wissen. Lena musste die Hausarbeit wiederholen. Vier Wochen hat sie das gekostet. Seitdem, sagt Lena, gehe sie nur noch mit einem Laptop-Schloss in die Jura-Bibliothek. Und vertraue keinem mehr.

Mitarbeit: Julia Neumann

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insgesamt 92 Beiträge
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Seite 1
darthmax 30.10.2013
1. Leistung
Wer Angst hat vor Vergleich, wer nicht die erforderliche Leistung bringen kann, der hat es überall schwer, nicht nur an der UNI, Leistung überzeugt auch Professoren, nur, man muss eben nicht versuchen über Mitgefühl und Beileidsverlangen diese zu substituieren. Das mag beim Theologiestudium anders sein, aber ehrlich...wer als Schüler vom Leistungsstress ferngehalten wird, der hat es später umso schwerer.
Solais 30.10.2013
2.
Ich studiere seit knapp 5 Jahren und muss sagen, dass ich eigentlich das genaue Gegenteil von dem im Artikel beschriebenen sowohl erlebt als auch gelebt habe. Oftmals habe ich Leute durch gemeinsame Übungsaufgaben & Projekte "geschleift" oder wenn ich Übungsleiter war stundenweise außerhalb der eigentlichen Arbeitszeit kostenlos Leuten geholfen; genauso habe ich aber auch erlebt, dass die meisten meiner Mitstudenten und Übungsleiter immer sehr hilfsbereit waren. Daher weiss ich nun nicht - entweder lebe ich wirklich im Paradies (Uni nicht zu riesig, Studiengang nicht so überlaufen, Studiengang in allen Umfragen insb. bei Studentenzufriedenheit an der Spitze) - oder der Artikel entstand eher aus einer Ansammlung von Einzelfällen als aus fundierten Erkenntnissen über grundsätzliche Probleme. Die einzige Stelle an der schließlich etwas mit statistischer Aussagekraft erwähnt wird, ist schließlich die Aussage des Uni-Psychologen.
Ostwestfale 30.10.2013
3. neoliberales Geschwätz
Zitat von darthmaxWer Angst hat vor Vergleich, wer nicht die erforderliche Leistung bringen kann, der hat es überall schwer, nicht nur an der UNI, Leistung überzeugt auch Professoren, nur, man muss eben nicht versuchen über Mitgefühl und Beileidsverlangen diese zu substituieren. Das mag beim Theologiestudium anders sein, aber ehrlich...wer als Schüler vom Leistungsstress ferngehalten wird, der hat es später umso schwerer.
Was haben denn bitte die Themen Leistungdruck und das gezielte Sabotieren von Komilitonen miteinander zu tun?
psychologiestudent 30.10.2013
4. optional
also ich behaupte einfach mal, das hat auch mit der Studienrichtung zu tun... Bei uns wird zwar auch verglichen und man hat ziemlich druck mit vielen Klausuren, Referaten und Ausarbeitungen, und natürlich wird da auch rumgezickt oder man vergleicht sich untereinander. Aber richtig crasse Geschichten wie z.B. das Seiten aus Büchern mit dem Messer rausgeschnitten werden, damit die anderen Komilitonen sie nicht lesen können (mir berichtet aus Unis in Potsdam, Berlin, Frankfurt Oder u.a.) kenne ich nur von Juristen und BWLern... Vielleicht läuft da irgendwas falsch in dem, wie das Studium organisiert ist oder was ihnen die Dozenten sagen. Vielleicht finden sich auch einfach mehr solche Ellenbogenmenschen in diesen Studiengängen... Ich hab sowas zumindest noch nie aus Natur- oder Geisteswissenschaften gehört...
pontifex maximus 30.10.2013
5. Die Juristin
Ich arbeite selbst an einem Jura-Lehrstuhl und korrigiere mitunter auch Hausarbeiten. Was der unnötige Hinweis darauf, der Professor habe sie die Arbeit wiederholen lassen (was schon freundlich genug ist) soll, kann ich nicht nachvollziehen. Es kann alleine der äußere Anschein eines Plagiats zählen. Die Geschichte dahinter ist für keinen Korrektor nachprüfbar. Letztlich können einem die Studenten das Blaue vom Himmel erzählen, ohne dass man eine Chance zum überprüfen hätte. Muss man halt mal besser auf seine Sachen aufpassen, wenn man an öffentlichen Orten wie einer Bücherei etwas schreibt.
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