Unterhaltsklagen "Ich hoffe, meine Eltern sterben bald"

Wenn die Mutter oder der Vater keinen Unterhalt zahlen, zersplittern viele Familien vor Gericht. Vier Scheidungskinder erzählen, wie es ist, die eigenen Eltern zu verklagen.

Für viele ist das Studium nicht Party und Freiheit, sondern Angst - davor, die nächste Miete nicht zahlen zu können oder die nächste Migräneattacke zu bekommen.
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Für viele ist das Studium nicht Party und Freiheit, sondern Angst - davor, die nächste Miete nicht zahlen zu können oder die nächste Migräneattacke zu bekommen.

Von Maren Jensen


Elmira O. kommt erschöpft von der Arbeit nach Hause. Die Altenpflegerin öffnet im Hausflur ihren Briefkasten, darin: Stromrechnung, Werbung - und ein Anwaltsschreiben. Zuletzt hat die 35-Jährige ein juristisches Schreiben vor zehn Jahren bekommen. Damals hatte sie Unterhalt von ihrem Vater eingefordert, ohne Erfolg. Er verdiente zu wenig.

Nun sitzt O. in ihrer 40 Quadratmeter großen Zweizimmerwohnung und starrt die Papiere vom Sozialamt an. "Unterhaltseinforderung" steht dort, sie soll ihr Gehalt offenlegen. Denn heute verlangt nicht mehr O. von ihrem Vater Unterhalt, heute verlangt das Sozialamt Unterhalt von ihr, für ihren Vater. Nach einem Schlaganfall ist er arbeitsunfähig.

"Ich dachte erst, das wäre ein schlechter Witz. Das ist so ungerecht", sagt O. Ihr geplantes Studium war am Geld gescheitert. Auch die Mutter war Geringverdienerin, "nur eine Ausbildung war für mich realistisch", sagt sie. Und nun soll sie ihren Vater unterstützen?

Ausnahme nur bei Härtefallen

O. sucht sich juristische Hilfe. Aber es nützt nichts. "Ich könnte der Zahlung nur im Härtefall ausweichen, wenn mein Vater mich sexuell missbraucht oder geschlagen hätte. Aber das hat er nicht", sagt O.

Noch heute, fünf Jahre später, muss sie einmal jährlich die Papiere ausfüllen. Zahlen muss sie nicht mehr, weil ihr Gehalt unter 1800 Euro liegt. Einen Anreiz, mehr zu verdienen, sieht sie nicht, weil ihr jede Abgabe an den eigenen Vater zuwider ist. "Ich müsste die Hälfte meines zusätzlichen Gehalts an meinen Vater zahlen, aber der bekommt keinen Cent von mir", sagt sie. "So hart es auch klingt, aber ich hoffe, meine Eltern sterben bald."

Auch zu ihrer langzeitarbeitslosen Mutter hat die 35-Jährige keinen Kontakt mehr. Für sie forderte das Sozialamt ebenfalls Unterhalt ein. So etwas kommt häufig vor, zum Beispiel, wenn die Rente nicht für Heimkosten reicht. Das Sozialamt holt sich in solchen Fällen das Geld von den Unterhaltspflichtigen zurück - und das sind meist die Kinder.

Auch umgekehrt gibt es häufig Ärger um Unterhalt. Laut des Instituts für Wirtschaftsforschung erhält jedes vierte Scheidungskind nur einen Bruchteil des Unterhalts, der ihm zustehen würde.

Die Not vieler lässt sich auch an den gestiegenen Zahlen des staatlichen Unterhaltsvorschusses ablesen: Mit fast 850 Millionen Euro unterstützen Bund, Länder und Kommunen pro Jahr etwa 450.000 Alleinerziehende, deren ehemalige Partner keine Alimente für die Kinder zahlen.

Auf Twitter löste eine Userin Ende Juli eine Debatte aus, als sie über den langen Prozess mit ihrem Vater schrieb:

Der Post wurde binnen einer Stunde 500 Mal geteilt - unter anderem von dem Hamburger Jan Girlich. Der 35-Jährige weiß, wie es sich anfühlt, gegen den eigenen Vater zu klagen. Erst nach einem zweijährigen Prozess bekam der Informatiker Unterhalt vom Gericht zugesprochen.

Als der Prozess vorbei war, galt längst eine neue "Düsseldorfer Tabelle", die als Richtlinie zur Bemessung des Kindesunterhalts dient. Doch für eine rückwirkende Zahlung hätte Girlich erneut klagen müssen. "Dazu hatte ich einfach keine Kraft mehr", sagt er.

Girlich war gerade volljährig, als er zusammen mit seinem vier Jahre jüngeren Bruder vor Gericht zog. Gemeinsam klagten sie auf Wohnrecht und Unterhalt. Der Vater war acht Jahre zuvor aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen. Den Mietvertrag hatte er unterschrieben, nun habe er die Familie rauswerfen wollen. Das gelang ihm nicht. Aber Unterhalt habe er nicht gezahlt.

Etwa 50 Prozent der Betroffenen ziehen vor Gericht

Immer wieder habe sich ein Gerichtstermin verschoben. "Mein Vater hat versucht, alle Verzögerungstaktiken zu spielen, die es gibt. Und das hat er geschafft. Zwei Jahre lang", sagt Girlich. Wie der Vater die Dinge sieht, ist nicht bekannt.

Während seines Studiums hatte Jan Girlich mehrere Nebenjobs, auch während seiner Diplomarbeit arbeitete er einen Tag in der Woche. "Ich hatte allerdings das Glück, dass meine Mutter mich zusätzlich gut unterstützen konnte. Die Möglichkeit hat nicht jeder", sagt er. Die Debatte auf Twitter sieht er deshalb als ermutigend an: "Wir leben hier in einem Rechtsstaat, aber das bedeutet nicht, schnell Recht zu bekommen."

2011 machte Girlich sein Diplom, heute ist er fest angestellt. "Ich habe es auch ohne meinen Vater geschafft", sagt er.

Rudolf Haibach, Rechtsanwalt für Familienrecht, spricht täglich mit Studierenden und Kindern, die gegen ihre Eltern klagen. Oftmals sei die Unterhaltsverweigerung nur der Höhepunkt einer ohnehin schon langen schlechten Beziehung. "Ich schätze, bei 50 Prozent aller Betroffenen geht der Fall vor Gericht", sagt er. Diejenigen, die sich außergerichtlich einigen, wollen meist die Beziehung nicht zusätzlich strapazieren. "In diesen Fällen halte ich es auch für kontraproduktiv, ein Verfahren zu eröffnen", sagt Haibach.

Unterhaltsregelungen im Überblick
Wer hat Anspruch auf Unterhalt?
Die Pflicht, Unterhalt zu zahlen, beruht nicht auf der elterlichen Sorge, sondern auf dem Verwandtschaftsverhältnis. Anspruch haben folglich alle Minderjährigen, die noch nicht berufstätig sind. Das gilt auch für Volljährige, wenn sie das 21. Lebensjahr noch nicht vollendet haben oder noch zu Hause wohnen und unverheiratet sind. Wenn sie sich noch in der Schul- oder Berufsausbildung befinden, gilt der Anspruch auf Unterhalt noch länger, nämlich bis diese beendet ist. Genauso gilt die Regelung anders herum: Stehen die Kinder schon im vollen Berufsleben und verdienen mehr als 1800 Euro netto, sind sie den Eltern in Notsituationen zu Unterhalt verpflichtet. Eine Ausnahme gibt es dabei für "Härtefälle". Wurde man in seiner Kindheit von den Eltern misshandelt oder missbraucht, besteht keine Pflicht zur Unterhaltszahlung.
Wie viel Geld steht Studierenden von ihren Eltern zu?
Die Düsseldorfer Tabelle dient seit 1962 als Richtlinie für die Berechnung des Unterhalts. Nach dieser liegt die Höhe des angemessenen Gesamtunterhaltsbedarfs eines Studierenden, der nicht mehr zu Hause wohnt, bei monatlich 735 Euro, inklusive Kindergeld. Bei volljährigen Kindern, die noch zu Hause wohnen, ist der Bedarf abhängig vom Einkommen der Eltern. Bei einem Elterneinkommen bis 1.900 Euro netto liegt der Satz bei monatlich 527 Euro, inklusive Kindergeld, und bei der höchsten Einkommensgruppe (bis 5.500 Euro netto) bei monatlich 844 Euro, inklusive Kindergeld.
Was passiert, wenn ein Elternteil nicht zahlen will?
Grundsätzlich haben beide Elternteile auch nach einer Trennung die Verpflichtung, für den Unterhalt der Kinder aufzukommen. Derjenige, bei dem die Kinder leben, erfüllt seine Unterhaltsverpflichtung durch den sogenannten Naturalunterhalt, also die Verpflegung und Unterkunft. Der andere Elternteil muss seine Unterhaltspflicht durch Barzahlungen erfüllen. Jedem Unterhaltsverpflichteten steht dabei ein Selbstbehalt von 880 Euro zu, wenn das Kind minderjährig ist, noch zur Schule geht, oder bis zum 21. Lebensjahr unverheiratet ist und noch Zuhause wohnt. In sonstigen Fällen bei Volljährigkeit ist der Satz höher: Dann steht Eltern ein Selbsterhalt von 1300 Euro netto zu. Wer unter diesem Einkommen liegt, muss keinen Kindesunterhalt zahlen. Gibt es aber trotz Zahlungspflicht und -möglichkeit kein Geld, kann der Fall vor das Familiengericht gehen.
Kann man Bafög bekommen, wenn die Eltern gut verdienen, aber nicht zahlen?
Ja! Denn nicht immer muss ein Fall direkt vor Gericht gehen. Bei fehlender Auskunft über das Elterneinkommen oder Nichtleistung des Unterhalts können Studierende beim Bafög-Amt einen Antrag auf Vorausleistung stellen. Im Grunde genommen ist es eine Form von Unterhaltsvorschuss, was sich das Amt von den Eltern zurück holt. Zudem kann das "elternunabhängige Bafög" auch dann gezahlt werden, wenn die Eltern nicht mehr unterhaltspflichtig sind, aber die Ausbildung gefährdet wäre.

Helke Ellersiek aus Leipzig blieb der Prozess vor Gericht erspart. Aber auch sie bekam erst Unterhalt von ihrem Vater, nachdem sie einen Anwalt engagiert hatte - und nur den Mindestsatz. Das Geld reichte gerade für die Miete des WG-Zimmers in Köln.

Sie hatte sich dort an einer privaten Hochschule eingeschrieben, die Schulgebühren berechneten sich nach dem Gehalt beider Eltern - obwohl sie bei ihrer Mutter aufgewachsen ist und ihren Vater noch nie getroffen hat. An den Studienkosten wollte er sich nicht beteiligen, monatelang sprach er nur über seinen Anwalt mit ihr.

"Das Schlimmste war die Mischung aus den Überstunden im Minijob und gleichzeitig der Existenzangst, dass mein Vater die Zahlung einfach einstellt, und ich meine Miete nicht zahlen kann", sagt sie. Dazu kam der Unistress, sie bekam einen Tinnitus. "Irgendwann ging es einfach nicht mehr", sagt Ellersiek.

Neben der Uni drei Nebenjobs

Die 23-Jährige brach das Studium in Köln ab, schrieb sich für Politikwissenschaft in Leipzig ein. "Hier kann ich im Zweifel auch ein Zimmer für 180 Euro finden, falls der Unterhaltsstreit eskaliert, und mein Vater sich doch noch weigert zu zahlen", sagt sie.

Bei Anna S.* aus Hamburg war es die Mutter, die vor elf Jahren abgehauen ist. "Sie kam eines Tages einfach nicht mehr nach Hause", sagt sie.

Nach dem Abi zieht S. nach Marburg, um Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Der Vater verdient wenig, sie versucht, sich mit Nebenjobs über Wasser zu halten - und verlangt Unterhalt von der Mutter. Diese weigert sich und zieht vor Gericht. "Mein Studium steht deshalb auf der Kippe", sagt die 20-Jährige. Denn Bafög bekomme sie nicht.

Sie ist oft krank, hat neben der Uni drei Nebenjobs: Für S. ist das Studium nicht Party und Freiheit, sondern Angst - davor, die nächste Miete nicht zahlen zu können oder die nächste Migräneattacke zu bekommen. Sie sagt: "Der Traum von Freiheit und Ausprobieren im Studium bleibt für mich ein Traum."

insgesamt 115 Beiträge
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Seite 1
aurichter 11.08.2018
1. Ja es stimmt,
so zerbrechen viele Lebensträume. Ich kann dieses Gefühl der Enttäuschung, der Wut und Verzweiflung sehr gut nachempfinden. Anstatt auf den Nachwuchs Stolz zu sein, werden diesem nur Steine in den Weg gelegt und dann einestages konfrontiert dich ein Amt bzgl Zahlungen, die innere Welt explodiert förmlich, aber der Staat ist noch unerbittlicher und perfider in "seinen" Forderungen. Da laufen dann u.a. Horrorfilme ab im Kopf.
ansv 11.08.2018
2.
Bei solchen Geschichten wird mir bange. Mein Vater hat den Unterhalt wohl damals bezahlt, aber Kontakt hatten wir kaum. Nach dem Tod der Großeltern habe ich den Kontakt endgültig abgebrochen - aber diese Unterhaltsverpflichtung kann eines Tages an der Tür klingeln. Ich habe keine Ahnung, wie es um die wirtschaftliche Situation meines Vaters und seiner zwischenzeitlich 3. Familie bestellt ist - aber leibliche Kinder sind halt "dran" wenns klemmt und der Erzeuger pleite ist.
biber01 11.08.2018
3. Beide Seiten sehen
Bin mittlerer Verdiener u. zahle meiner Tochter (19), zu der ich ein inniges Verhältnis pflege, seit zwölf Jahren Unterhalt. Jetzt beginnt sie ein Informatikstudium und natürlich zahle ich weiter. Muss dazu sagen, das sich meine Ex, bei der meine Tochter bisher wohnte, mit dem gleichen Betrag beteiligt. Hätte ich nicht gedacht, aber Exfrauen können auch überraschen. Nun will mein Sohn(23) nach Abschluss seiner Berufsausbildung auch ein Studium beginnen. Damit sind meine Überlegungen, bin 55, in den nächsten Jahren in den Vorruhestand zu gehen, hinfällig. Bin zwar stolz auf meine Kinder, hätte mir meine späten Jahre aber ohne finanziellen Druck vorgestellt.
hansa_vor 11.08.2018
4. Exakt dieses
ist meiner Frau zugestoßen. Mit 17 alleine ohne Eltern und Unterstützung. Nach 8 Monaten wurde wenigstens der Vater vom Gericht verpflichtet ihr Zimmer ohne Heizung und Waschbecken zu bezahlen. Ihre Mutter lebt mittlerweile in Spanien und hat schon mal angemeldet wo sie "gedenkt" ihre Zeit im Altersheim zu verbringen. Beiden Eltern haben wir deutlich gemacht, sollten wir in Regress genommen werden, wird das Altersheim seeeehr weit weg von ihren Vorstellungen und Deutschland sein. Wir werden sehen was kommt, lange dauert es bei knapp 80jährigen vermutlich nicht mehr. Es ist dermaßen pervers was manche ****** ihren Kindern antun! Hier sollte auch das Sozialgesetz deutlich zugunsten der Kinder ausgelegt werden anstatt diese später zu zwingen ihre *****Erzeuger finanziell zu unterstützen.
majakovskij 11.08.2018
5. Unterhalte
Es ist nur angemessen, wenn der Staat mittlerweile in einem solchen Maß Unterhalt bezahlt – schließlich verantwortet er durch zynische Gerichtsverfahren – „Kindeswohl“ – und unrechtes Recht (bis vor kurzem erhielten „unverheiratete“ Väter nicht einmal das gemeinsame Sorgerecht – die Bundesrepublik musste erst verurteilt werden, damit sich dies änderte) in vielen Fällen das schlechte Verhältnis zwischen Eltern (meist Vätern) und Kindern. Kein Umgang, kein Unterhalt, kein Umgang, kein Unterhalt. Was ist hieran so schwer nachzuvollziehen? Mütter und Väter, die auf Grund ihrer Verantwortungslosigkeit keine Kinder verdienen, gibt es immer wieder, das lässt sich rein biologisch nicht vermeiden, aber Eltern, die ihren Kindern den anderen Elternteil entziehen –*also sich in die Beziehung der Kinder zu IHREM anderen Elternteil einmischen – sollten schlicht ihr Sorgerecht/Erziehungsrecht (zunächst auf Zeit) verwirken. Wäre die Rechtslage hier klar – denn es handelt sich um Misshandlung, die einer physischen Vergewaltigung in nichts nachsteht –, könnte man sehen, wie schnell alle Seiten zur Vernunft kämen (natürlich nicht die Eltern, die von sich aus und von Anfang an keinen Kontakt zu ihren Kindern möchten). Ein „Kindeswohl“ aber lässt sich gar nicht bestimmen: Ursächlich nachvollziehbar, in der Praxis absurd. Der Begriff ist dehnbar bis zum Himmel – wer wüsste letztlich wirklich, was für einen Menschen „gut“ ist? (jenseits Abwendung von effektiven Gefahren / Verbrechen). Der Unterhaltsanspruch der Eltern gegen Kinder gehört abgeschafft, ebenso derjenige erwachsener Kinder gegen die Eltern. Hierfür gibt es Bafög (welches natürlich vom Elternverdient entkoppelt werden sollte).
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