Betrugsvorwürfe gegen von der Leyen Sollen Doktor-Plagiate verjähren?

Ein Doktorgrad kann auch nach 25 Jahren noch entzogen werden - niemand soll eine Karriere auf geistigem Betrug aufbauen. Nach den Vorwürfen gegen Ursula von der Leyen flammt die Debatte um eine Verjährungsfrist jedoch neu auf.

Schusseligkeit oder Täuschung? Plagiatsvorwürfe wiegen schwer
Corbis

Schusseligkeit oder Täuschung? Plagiatsvorwürfe wiegen schwer


Ein Vierteljahrhundert liegt die Promotion von Ursula von der Leyen (CDU) zurück. Sollte eine so alte Arbeit ihr nun zum Verhängnis werden, sie den Titel, womöglich das Amt kosten? Während die Medizinische Hochschule Hannover die Vorwürfe prüft, flammt unter Hochschulexperten die Debatte um eine Verjährungsfrist für Promotionsverstöße neu auf.

Der Bonner Jura-Professor Wolfgang Löwer regt eine Frist von 15 Jahren an, nach der ein Doktorgrad nicht mehr entzogen werden kann. "Eine solche Verjährungsfrist kann aber nur der Gesetzgeber einführen", sagte der Ombudsmann für die deutsche Wissenschaft den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Der Jura-Professor sagte, es sei zwar richtig, dass der Doktortitel zu Beginn der Karriere Vorteile bringe, aber dieser Vorteil schwinde, je länger das Berufsleben andauere. "Durch den Entzug des Doktortitels wird der soziale Geltungsanspruch einer Person zerstört."

Doktor nur noch auf Zeit?

Die Position ist nicht neu. Löwer hatte sich bereits bei früheren Plagiatsaffären, die wie im Fall von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) zum Rücktritt führten, für die Einführung einer Verjährungsfrist ausgesprochen. Schavans Doktorarbeit stammt aus dem Jahr 1980.

Der Jurist Gerhard Dannemann, der als Mitstreiter der Plattform VroniPlag Wiki die Vorwürfe gegen von der Leyen öffentlich machte, ist hingegen gegen Verjährungsfristen. "Denken Sie nicht an die Politiker, denken Sie an die Wissenschaft", sagte Dannemann am Dienstag im ZDF-Morgenmagazin. In der Wissenschaft könne es sehr wohl eine Rolle spielen, ob ein Forscher in seiner Dissertation betrogen hat - auch wenn diese lange zurückliegt.

"Ausgerechnet jetzt, wo wir das volle Ausmaß unentdeckter oder unzulänglich aufgearbeiteter Altfälle zu erahnen beginnen, darf man nicht über eine Verjährungsregel deren überfällige Aufarbeitung im Keim ersticken", schrieb Dannemann in einem Gastbeitrag zum Fall Schavan.

Aus den Auswertungen auf "VroniPlag Wiki" geht hervor, dass drei der beanstandeten Seiten aus von der Leyens Dissertation zwischen 50 und 75 Prozent Plagiatstext enthalten und fünf Seiten mehr als 75 Prozent. Dannemann störte sich vor allem daran, dass von der Leyen als obere Dienstherrin mehrerer Bundeswehr-Universitäten den Eindruck vermittele, dass man so wissenschaftlich arbeiten könne.

Dissertation, S. 4

Der französische Marinearzt Dr. JULES NICOLAS CREVAUX (1847-1882), der einen wichtigen Beitrag zur Erforschung Guayanas und des Amazonas-Gebietes leistete, referierte 1881 in der deutschen illustrierten Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde "Globus" (Braunschweig) über seine zweite Südamerikareise in den Jahren 1878/79. Bei den Roucoujennen-Indianern beobachtete CREVAUX den Dampfbadgebrauch einer Roucoujenne-Wöchnerin am Yari-Fluß in Französisch-Guayana (Abb.1). Er schrieb dazu: "Sie legt sich in eine Hängematte, unter welche ein rotglühender Stein gelegt und begossen wird."

Keine Quellenangabe

Typus: Bauernopfer. Auf die Originalquelle wird erst zwei Seiten später verwiesen, aber nicht im Anschluss an diese Sätze. Eine Abbildung wird ohne Angabe der Fundstelle von S. 125 bei Krumbach übernommen.

Seite: 4

Originalquelle

Der französische Marinearzt Dr. Jules Nicolas Crévaux [sic] (1847-1882), der einen wichtigen Beitrag zur Erforschung Guayanas und des Amazonas-Gebietes geleistet hat, berichtete 1881 in der deutschen illustrierten Zeitschrift für Länder und Völkerkunde "Globus" (Braunschweig) über seine zweite Reise in den Jahren 1878/79. Bei den Roucoujennen-Indianern [...] beobachtete Crévaux [sic] den Dampfbadgebrauch einer Roucouyenne-Wöchnerin am Yari-Fluß in Französisch-Guayana. Er schrieb dazu: "[Die Frau andererseits nimmt sofort nach der Entbindung ein Dampfbad in folgender Weise:] Sie legt sich in eine Hängematte, unter welcher [sic] ein großer rotglühender Stein gelegt und mit Wasser begossen wird."

Quelle: Krumbach 1989

Fundstelle Seite: 125

Dissertation, S. 6

Die Schnecke galt bei den Indianern als Sinnbild für Leben, Wachstum und Verfall; gleichzeitig symbolisierte sie Fruchtbarkeit, Schwangerschaft, Geburt und das primäre weibliche Geschlechtsorgan.
In das abgebildete Schwitzbad kriecht eine weibliche, bekleidete Person hinein und zwar durch eine vergrößerte, omegaartige Öffnung. Diese und fünf ähnliche Zeichen am Schwitzbad wurden von dem deutschen Amerikanisten FRANZ TERMER (1894-1968) als Zeichen des Uterus interpretiert.

Keine Quellenangabe

Typus: Bauernopfer. Die Verfasserin nennt ihre Quelle später, macht jedoch Umfang und Wörtlichkeit der Übernahme nicht kenntlich.

Seite: 6

Originalquelle

Die Schnecke galt bei den Indianern als Sinnbild für Leben, Wachstum und Verfall; gleichzeitig symbolisierte sie Fruchtbarkeit, Schwangerschaft, Geburt, den Mutterschoß und das primäre weibliche Geschlechtsorgan. [...]
In das abgebildete Schwitzbad kriecht eine weibliche, bekleidete Person hinein und zwar durch eine vergrößerte, omegaartige Öffnung. Diese und fünf ähnliche Zeichen am Schwitzbad wurden von dem deutschen Amerikanisten Franz Termer (1894-1968) als Zeichen des Uterus interpretiert [...]

Quelle: Krumbach 1989

Fundstelle Seite: 130

Dissertation, S. 13

1930 wurde von TILLETT und FRANCIS im Serum von Kranken mit Pneumokokken-Infektionen eine Präzipitationsreaktion mit dem C-Polysaccharid von Pneumokokken entdeckt. Diese Reaktion war nur in der akuten Phase der Infektion nachweisbar, aber nicht mehr nach deren Abklingen (TILLETT und FRANCIS 1930). Der Zeitpunkt von Auftreten und Verschwinden der Präzipitationsreaktion unterschied diese von vornherein von Antigen-Antikörperreaktionen (TILLETT et al. 1930). Nachdem ABERNETHY und AVERY 1941 die Proteinnatur der mit dem C-Polysaccharid reagierenden Substanz entdeckten, wurde diese allgemein C-reaktives Protein genannt.

Quellenangabe: Schwarz 1963

Typus: Typus Falsche Paraphrasierung: Die Thesen anderer werden sinngemäß zusammengefasst, dabei darf aber der Wortlaut nicht identisch sein. Umfang und Wörtlichkeit der Übernahme sind nicht kenntlich gemacht. Die Autorin nennt außerdem im dritten Satz einen falschen Beleg.

Seite: 13

Originalquelle

Von TILLETT und FRANCIS (1930) wurde im Serum von Kranken mit Pneumokokken-Infektionen eine Präzipitationsreaktion mit dem somatischen C-Polysaccharid von Pneumokokken entdeckt. Diese Reaktion war nur während der akuten Phase der Pneumokokken-Infektion nachweisbar, aber nicht mehr nach deren Abklingen. Zeitpunkt von Auftreten und Verschwinden der Präzipitationsreaktion unterschieden diese von vornherein von Antigen-Antikörper-Reaktionen. Nachdem ABERNETHY und AVERY (1941) die Proteinnatur der mit dem C-Polysaccharid reagierenden Substanz entdeckten, wurde diese allgemein C-reaktives Protein (CRP) genannt.

Quelle: Schwarz 1963

Fundstelle Seite: 1

Dissertation, S. 15

Die Funktion der Akutphase-Reaktion besteht darin, infektiöse Partikel abzutöten oder abzukapseln, zerstörtes Gewebe abzubauen und beschädigte Organe instandzusetzen. [...] Die Wirkung der Zytokine Interleukin-1 und Tumor Necrosis Factor wird durch die beiden "second-messenger"-Systeme Adenylatcyclase (ZHANG et al. 1988) und Proteinkinase-C (WALTHER et al. 1988) vermittelt und führt zu einer gesteigerten Interleukin-6-Transkription. Interleukin-6 ist der wichtigste Mediator der Regulation der Akutphase-Proteinsynthese in der Leber.

Keine Quellenangabe

Typus: Verschleierung / Bauernopfer. Eine Abbildung aus der Quelle wird korrekt referenziert, für diese drei Sätze gibt es jedoch keinen Beleg. Der zweite Satz wird hierbei mit Literaturbelegen aus dem Literaturverzeichnis der Quelle übernommen.

Seite: 15

Originalquelle

Die Funktion der Akutphase-Reaktion besteht darin, infektiöse Partikeln abzutöten oder abzukapseln, zerstörtes Gewebe abzubauen und beschädigte Organe instandzusetzen (44–46). [...] Die Wirkung der Zytokine IL-1 und TNFα wird durch die beiden "second-messenger"-Systeme Adenylatcyclase (91) und Proteinkinase C (86) vermittelt und führt zu einer gesteigerten IL-6-Transkription.

Quelle: Andus et al 1989

Fundstelle Seite(n): 1710, 1713

Dissertation, S. 22

So belegten beispielsweise HAJJ et al. (1979) die hohe Korrelation zwischen CRP-Veränderung und entzündlichen Erkrankungen des weiblichen Genitaltraktes; ANGERMAN et al. (1980) zeigten, daß quantitative CRP-Bestimmungen enger mit der klinischen Entwicklung einer Unterleibsentzündung korrelieren als Leukozytenzählung oder Blutsenkungsgeschwindigkeit; [...]

Keine Quellenangabe

Typus: Übersetzungsplagiat: Die Verfasserin übersetzt einen fremdsprachigen Text mit bibliographischen Angaben ins Deutsche, ohne die Quelle zu nennen.

Seite: 22

Originalquelle

CRP was chosen for this study as a possible marker of response to therapy because of [its short half-life, six to eight hours, which allows the rapid detection of changes in inflammation,3] an excellent correlation with the presence of inflammatory conditions of the female pelvis7 [and the detection of direct quantitative relationships with the severity of inflammation from pelvic inflammatory disease (PID).4] Angerman et al5 were able to correlate quantitative CRP determinations with the clinical course of PID more closely than they were the WBC count or ESR.

Quelle: Mercer at al 1988

Fundstelle Seite(n): 166, 167

Quelle: Vroniplag Wiki

Der Münchener Wirtschaftswissenschaftler Manuel René Theisen hatte vor zwei Jahren einen anderen Vorschlag in die Debatte eingebracht: Er plädierte dafür, den Doktorgrad nur noch auf Zeit zu vergeben. Nach zehn Jahren verlängert sich automatisch das Recht, den Dr. zu tragen - es sei denn, es tauchen Belege dafür auf, der Autor habe geschummelt.

bkr/dpa

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 348 Beiträge
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Seite 1
pb-sonntag 29.09.2015
1. Sollen Doktor-Plagiate verjähren?
Der Vorschlag kommt doch bestimmt von der CDU.
deus-Lo-vult 29.09.2015
2.
Nennt die Quelle später. Also wurde die Quelle genannt und gut.
Ludwigsburger 29.09.2015
3. Betrug im Studium verjährt ja auch nicht ....
.... warum soll es also bei Promotionen eine Verjährung geben? Studenten werden knallhart vor der Prüfung darauf hingewiesen: sollte ein Betrug erst später entdeckt werden, wird der Bachelor oder Master entzogen.
EinJemand 29.09.2015
4.
Ob sie sich nun Doktor nennen darf oder nicht, ist in der politischen Diskussion eigentlich unerheblich -- hier geht es ja darum, ob Von der Leyen betrogen hat oder nicht. Und Politiker, die ihre Karriere unter anderem auf einen Betrug fundieren, will man halt nicht so gerne. Wen wundert's? Sagt mal, Spiegel, warum erlaubt ihr eigentlich nur bei manchen Beiträgen die Kommentare? Zeigt dass die Themen auf, bei denen man nicht frei reden darf in Deutschland?
schorri 29.09.2015
5. Kein Problem
Der Betrug kann durchaus verjähren. Kein Problem. Aber nur, wenn der Titel auch verjährt. Nach 25 Jahren.
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