Ursula von der Leyen So reagieren Wissenschaftler auf das Plagiatsurteil

Ursula von der Leyen darf ihren Doktortitel behalten - und Plagiatsexperten wundern sich. Hat Promovieren in der Medizin überhaupt noch einen Sinn?

Von

Ursula von der Leyen (CDU)
DPA

Ursula von der Leyen (CDU)


Wenn man auf der Internetplattform VroniPlag Wiki nach "WiseWoman" sucht, werden mehr als 2500 Artikel aufgelistet, die Betrug an der Wissenschaft dokumentieren. Hinter dem Namen steckt die Berliner Professorin für Medieninformatik Debora Weber-Wulff.

Schon seit Jahren überprüft sie in Doktorarbeiten und Habilitationen, ob es darin Plagiate gibt, und informiert die betreffenden Universitäten darüber. In der Doktorarbeit von Ursula von der Leyen (CDU) hat VroniPlag Wiki 47 Textpassagen beanstandet.

Dass die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) der Verteidigungsministerin ihren Doktortitel nun nicht aberkannt hat, überrascht Weber-Wulff: "Die Hochschule hat festgestellt, dass Ursula von der Leyen plagiiert hat. Dass sie darin kein Fehlverhalten sieht, wundert mich."

Auch der Berliner Juraprofessor Gerhard Dannemann, der ebenfalls auf VroniPlag Wiki Plagiate aufdeckt, ist irritiert: "Die Kommission hat nicht alle der von VroniPlag Wiki beanstandeten Textpassagen als Plagiat anerkannt, damit habe ich kein Problem. Aber dass 32 anerkannte Plagiate auf 62 Seiten Doktorarbeit kein Fehlverhalten sein sollen, kann ich nicht nachvollziehen."

Auch das Argument der Kommission, dass ja "nur" in der Einleitung plagiiert worden sei, lässt er nicht gelten. Zudem seien in der Dissertation nicht nur dort, sondern auch bei der Diskussion der Ergebnisse handfeste Plagiate dokumentiert worden, so Dannemann.

"Eine gute, überdurchschnittliche Arbeit"

Thomas Renné, Direktor des Instituts für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin am UKE Hamburg, hält die Entscheidung der MHH dagegen für vertretbar: "Ich habe die Doktorarbeit von Frau Dr. von der Leyen gelesen. Es gibt zweifelsfrei einige formale Fehler, insbesondere im Einleitungsteil, aber für mich besteht kein Zweifel an der eigenständigen wissenschaftlichen Leistung der Arbeit. Für eine medizinische experimentelle Dissertation ist dies eine gute, überdurchschnittliche Arbeit."

Wo die Grenze zwischen Schludrigkeit und Betrug verläuft, definiert jede Hochschule anders. Und schon auf die Meldungen der Plagiatsjäger fallen die Reaktionen höchst unterschiedlich aus. "Manche Hochschulen reagieren ein, zwei Jahre überhaupt nicht auf meine Schreiben", sagt Debora Weber-Wulff. Andere wiederum seien "sehr bemüht darum, Präventionsarbeit zu leisten, also mit den Studierenden und Doktoranden darüber zu reden, warum es wichtig ist, alles, was nicht aus der eigenen Feder stammt, richtig zu belegen".

Dass in der Medizin für Doktorarbeiten andere Regeln gelten als in anderen Fächern, darüber herrscht selbst in akademischen Kreisen weitgehend Einigkeit. Weber-Wulff hinterfragt den Doktortitel für Mediziner deshalb grundsätzlich: "Ich plädiere dafür, dass man in Deutschland das Berufsdoktorat einführt, so wie in den USA, wo es den Titel M.D., Medical Doctor, für Mediziner gibt." Nur wer in die Forschung wolle, müsse dann einen Doktorgrad wie den PhD erwerben - und an diesen würden höhere Ansprüche gestellt.

Bereits im Jahr 2011 plädierte sogar der Wissenschaftsrat, ein Beratergremium der Bundesregierung für eine andere Art der medizinischen Promotion. Der Doktorgrad in der Medizin solle nur für solche Dissertationen verliehen werden, "die einen substanziellen Beitrag zum wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt leisten".

Malte Schmieding, Vorstand der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd), sieht aber noch ein anderes Problem: "Eine Vielzahl von Fehlern in medizinischen Doktorarbeiten ist auch darauf zurückzuführen, dass die Betreuungssituation nicht so gut ist." Mediziner würden beim Schreiben ihrer Doktorarbeit kaum unterstützt und müssten sie parallel zum Studium stemmen.

Auch Eleonore Weber, Vizepräsidentin für Hochschulmedizin der Hochschulrektorenkonferenz, meint, man müsse die medizinische Promotion besser strukturieren: "Dazu könnten etwa Promotionskollegs eingerichtet und fachübergreifende Qualifizierungen angeboten werden."

Die Promovenden müssten gezielter ausgewählt und in Forschungsprojekte einbezogen werden, so Weber. Ein Qualitätskriterium könne die Publikation der Promotionsergebnisse in einem wissenschaftlichen Journal sein. Klar ist für sie aber auch: "Es gibt Richtlinien für gute wissenschaftliche Praxis und diese gelten für alle Bereiche." Wissenschaftliches Fehlverhalten dürfe es nicht geben.

Der Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger, erkennt in den Plagiatsvorwürfen gegenüber Politikern wie Annette Schavan oder Ursula von der Leyen auch etwas Positives: "An den Schulen schärfen diese Fälle die Aufmerksamkeit dafür, wie man ordentlich und sauber mit fremdem geistigem Eigentum umgeht."

Er hofft, dass Schüler nach dem Urteil aus Hannover nun nicht davon ausgehen werden, in Zukunft glimpflich davonzukommen, wenn sie beim Abschreiben oder Spicken erwischt werden. Dann verlören sie zwar keinen Doktortitel, aber könnten eine Sechs bekommen.

Mitarbeit: Verena Töpper und Silke Fokken. Mit Material von dpa

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 166 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
justice005 10.03.2016
1. Liebe Leute
In einer wissenschaftlichen Arbeit stellt man zunächst den Stand der Wissenschaft dar. Das bedeutet, genau das wiederzugeben, was andere Wissenschaftler bereits festgestellt haben. Damit beweist man, dass man sich mit der Materie auskennt. Darauf aufbauend folgt dann die eigene Leistung und der neue Beitrag für die Wissenschaft. Wer beim Darstellen des wissenschaftlichen Sachstandes nicht korrekt zitiert, macht zwar einen Fehler, er ist jedoch kein Lügner, Betrüger, Scharlatan oder sonst was. Es ist wirklich schlimm, wenn sich immer wieder Leute äußern, die den Begriff "Abschreiben" nur mit der eigenen Schulzeit in Verbindung bringen. Und was die sogenannten Wissenschaftlicher bei VriniPlaque oder anderen Seiten betrifft. Diese argumentieren gerade nicht wissenschaftlich, sondern ausschließlich politisch. Deren einziges Interesse ist es, dem politischen Gegner zu schaden. Es kann mir niemand erzählen, dass ausschließlich konservative Politiker problematische Doktorarbeiten haben sollen, jedoch bei Linken alles bestens ist. Das ist absurd. Der einzige Grund liegt darin, dass ein wertkonservativer Bürger sich niemals die Mühe machen würde, derart nach vermeintlichem Dreck zu suchen und den anderen damit zu bewerfen, egal wie absurd es ist.
charlie95 10.03.2016
2. Ob die UNI ..
auch so entschieden hätte , wenn der Nachname Petry wäre ?
mitakuye 10.03.2016
3. Üble Nachrede gehört zum politiscvhen Alltag
Mittlerweile ist die strategische Lüge ein feser Bestandteil der Politik. Können die zitierten Plagiatsexperten dafür garantieren, im Bedsitz der Wahrheit zu sein?
exil-teutone 10.03.2016
4. Das ist doch lächerlich...
Es gebietet der Anstand, fremde Erkenntnisse auch als solche klar und deutlich zu markieren. Wer das nicht tut, ist mindestens schludrig, und demonstriert mangelnde Sorgfalt, wissenschaftliche Erkenntnis hin oder her. Und mangelnde Sorgfalt ist nicht nur im wiss. Betrieb vonnöten, und wer diese nicht demonstriert, hat die erstrebte Graduierung einfach nicht verdient. Punkt, Aus, Ende.
elmard 10.03.2016
5. der Titel ist bei Ärzten...
...im Gegensatz zu anderen Bereichen sehr leicht zu bekommen. Es ist nicht mehr als eine Diplomarbeit oder eine Arbeit zum Master. Es wäre an der Zeit, die Anforderungen an den Dr. bei Ärztinnen und Ärzten deutlich eine oder zwei Messlatten höher zu legen. Im Bereich der Naturwissenschaften z.B. muss ein deutlich höherer Aufwand zum Erreichen der Promotion getrieben werden.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.