Umstrittene Nacktauftritte im Seminar "Scham hat noch nie eine Rolle gespielt"

Machen Sie sich bitte frei, dies ist eine Performance: Beim US-Kunstprofessor Ricardo Dominguez aus San Diego ist Nacktsein Teil des Lehrplans. Jahrelang zogen Studenten in seinen Seminaren bereitwillig blank - bis eine Mutter sich beschwerte.

Szene an einer Kunstschule in Paris (Archivbild): "Scham spielt keine Rolle"
Corbis

Szene an einer Kunstschule in Paris (Archivbild): "Scham spielt keine Rolle"

Ein Interview von Janosch Siepen


Er selbst werde auch nackt sein, teilt der Kunstprofessor, 56, laut "Los Angeles Times" seinen Studenten stets vorab mit. Seit elf Jahren unterrichtet Ricardo Dominguez an der University of California in San Diego den Kurs "Performing the Self" - "Das eigene Ich darstellen". In dem Seminar sollen die Studenten mehrere Gesten und Gebärden aufführen, eine davon unbekleidet.

Das fanden bisher alle in Ordnung, doch nun gibt es erstmals Kritik an Dominguez' Seminar. Die Mutter einer Studentin hatte sich öffentlich beschwert und beklagt, man habe ihre Tochter im Vorhinein nicht über die ungewöhnliche Lehrmethode informiert. Der Prof gehe zu weit, und ihre Tochter werde dieses Erlebnis ein Leben lang mit sich herumtragen. "Das ist eine Perversion", sagte die Mutter gegenüber dem Online-Nachrichtenportal "Inquisitr". "Davon wird mir schlecht."

Viele Studenten sehen das anders: Auf diesen Teil des Seminars sei immer wieder hingewiesen worden, teilten aktuelle und ehemalige Studenten US-Reportern mit, und es sei nichts Sexuelles dabei. Fotos auf Twitter zeigen sogar Studenten, die für Rodriguez demonstrieren und Schilder hochhalten mit: "Studenten unterstützen Prof. Dominguez".

Und was sagt der Dozent selbst?

Zur Person
  • AP
    Ricardo Dominguez, Jahrgang 1959, ist ein US-amerikanischer Künstler und Dozent an der University of California in San Diego. Seit elf Jahren unterrichtet er das Seminar "Performing the Self", in dem sich Studenten nackt ausziehen sollen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Dominguez, warum haben Sie von Ihren Studenten verlangt, sich nackt auszuziehen?

Ricardo Dominguez: Es geht darum, das Wesen von Performance und Körperkunst zu verstehen. Und um es richtig zu begreifen, sollen die Studenten ihr verletzliches und zerbrechliches Ich offenlegen. Dadurch erweitern sie ihr künstlerisches Bewusstsein, weil sie ein größeres Selbstvertrauen bekommen. Die Studenten wurden am ersten Tag des Kurses informiert, dass nackte und andere Gesten Teil des Seminars sein würden. Aber niemand muss sich ausziehen, die Studenten können ihre Performance auch angezogen vorführen.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren die Studenten auf die Aufgabe?

Dominguez: Sie mögen den Kurs, und daher haben sich in diesem Jahr 17 von 18 Kursteilnehmern entschieden, die Performances ganz nackt zu machen. Was sie genau vorführen, bleibt jedem selbst überlassen. Sie können sich die Haare abschneiden und sie hinterher verbrennen, sie können mit ihrem Körper einen Spiegel bemalen oder einfach über die Geschichten ihrer Narben sprechen. Hinterher wird über jede Performance diskutiert. Die Kommilitonen sind das Publikum. Scham hat noch nie eine Rolle gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Die Mutter einer Studentin wirft Ihnen nun Perversion vor, Sie würden zu weit gehen.

Dominguez: Die Kritik ist falsch. Diese Menschen verstehen vermutlich postmoderne Kunstübungen nicht, die Geschichte von Körperkunst, die sich im 20. Jahrhundert entwickelt hat, und dass der nackte Körper von Anfang an Teil dieser Kunst war. Die Studenten suchen sich ihre Kurse aus. Niemand zwingt sie dazu, dieses Seminar zu besuchen. Es gab vorher auch noch nie eine Beschwerde.

SPIEGEL ONLINE: Verstehen Sie das Interesse der Medien?

Dominguez: Nein, eher nicht. Aber es macht mich glücklich, dass die Welt offenbar mehr Interesse an Kunst hat als nur daran, für wie viel Geld ein Gemälde verkauft wurde.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie weiterhin auf diese Weise unterrichten?

Dominguez: Der Kurs wird weitergehen - wie die vergangenen elf Jahre. Und solange Studenten etwas über Körperkunst und Performances lernen wollen, werde ich so unterrichten.

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insgesamt 94 Beiträge
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Seite 1
JohnM 16.05.2015
1. Ganz einfach
Es wurde vorher darauf hingewiesen, wenn Person X zu inkompetent ist, diesen Hinweis wahrzunehmen, so trifft den Professor keine Schuld. Würde ich persönlich mich ausziehen? Nein. Aber die Mehrheit der Studenten scheint den Kurs so zu wollen und es gibt keine Pflicht zur Teilnahme. Von daher wieder einmal künstliche Aufregung um nichts.
berney 16.05.2015
2. wow.
Ich frage mich, was die Studentin und ihre Mutter erwartet haben. Etwa, dass es in einem Kurs über Selbstperformance darum ginge, Stillleben aus Obst du malen?
Gläbbisch 16.05.2015
3. Peinlich...
...Für die Mutter. "ihre Tochter werde dieses Erlebnis ein Leben lang mit sich herumtragen" - Wie alt ist die Tochter? 8? Die Studenten sind doch gewiss alle erwachsene Menschen und wussten sehr wohl was kommt. Und sicher ist auch niemand an den Stuhl gefesselt oder am Verlassen des Raums gehindert wurden. Wie soll die arme Tochter sich denn mal irgendwann fortpflanzen wenn der Anblick eines nackten Menschen sie "traumatisiert"? Ich vermute mal hier sind eher religiös verklemmte, pseudo-moralistische Motive der Mutter ausschlaggebend.
cum infamia 16.05.2015
4. Schmerzensgeld ?
Na, 1 - 2 Millionen $ Schmerzensgeld wird für die "traumatisierte " Studentin doch hoffentlich drin sein ! Geld heilt doch Wunden, zumindest in den USA !
silenced 16.05.2015
5.
Die Studentin war offensichtlich sowieso falsch in dem Kurs. Es geht um das eigene Ich, doch ihre Mutter, jemand vollkommen anderes, spricht für sie. Zumal, alles auf freiwilliger Basis geschieht. Niemand wird zu irgendwas gezwungen. Übermäßiges fremdeln im Land of the Free. Naja, nix Neues eigentlich.
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