US-Studenten im Wahlkampf Die Anti-Hillary-Hauptstadt heißt Facebook

Sie sind gerade alt genug, um selbst zu wählen - und mischen sich schon in den US-Wahlkampf ein. Junge Amerikaner entdecken die Politik und nutzen das Internet als Sprachrohr. Sie gründen Gruppen bei Facebook und schicken Clinton und Obama Fragen.

Von Charlotte Potts, Washington


Schlechte Nachrichten können in diesen Tagen das Aus für die US-Präsidentschaftsanwärter bedeuten. Gute Nachrichten dagegen können die nötigen Prozentpunkte bringen, um den ein oder anderen Staat doch noch für sich zu gewinnen. Die Berater scannen deshalb die Medien so gründlich wie selten zuvor.

Seit November 2007 haben sie eine neue Internetseite im Blick, auf der Artikel zum Wahlkampf erscheinen. Sie heißt Scoop08.com. Die Autoren: Über 300 Studenten. Die jungen Journalisten schreiben unter anderem über Umwelt, Wirtschaft und Terrorismus, über gleichgeschlechtliche Ehen, Abtreibung und die Todesstrafe. "Wir haben festgestellt, dass es keine nationale Basisorganisation von Studenten gab, die durch journalistische Berichterstattung Einfluss auf die wichtigen Themen unserer Zeit nehmen konnte", sagt Alexander Heffner, 17, einer der Gründer von Scoop08.com.

Studenten entdecken das Internet neu

Heffner will bald Geschichte studieren. Im Moment geht er noch zur Schule und schreibt nebenbei Artikel für die Internetseite. Der 17-Jährige und seine Mitarbeiter möchten beweisen, dass sich ihre Generation wieder für Politik interessiert - mit Podcasts, Blogs, Reportagen, Kolumnen und Berichten.

"Scoop08.com ist eine gute Möglichkeit für Studenten, sich in den politischen Prozess einzumischen. Sie arbeiten mit der Macht des Internets. Ganz normale Menschen nutzen die Gelegenheit, Analysten zu sein und selbst über Politik zu schreiben", sagt Julie Germany, Direktorin des Instituts für Politik, Demokratie und Internet an der George Washington University, über das Projekt.

Ganz anders sieht es bei anderen Studenten-Communities aus - etwa bei Facebook, dem amerikanischen Äquivalent zum StudiVZ. Hier tummeln sich vor allem Clinton-Hasser und Obama-Liebhaber. Die Seite ist zurzeit die inoffizielle Hauptstadt der Menschen, die sich ein Anti-Clinton-Land wünschen. "Stop Hillary Clinton" heißt eine der größten Gruppen. 700.000 Leute sind inzwischen Mitglied. Ihr Ziel ist es, bis zum Wahltag eine Million Mitglieder gegen Clinton aufzuhetzen.

Die Gruppe stellt sich so vor: "Egal für wen ihr seid, sei es Rudy Giuliani oder Mitt Romney, John Edwards oder Barack Obama, für uns gibt es nur ein Ziel: Wir müssen sicherstellen, dass Clinton nicht ins Weiße Haus kommt." Roger William Muffley aus Houston, Texas, ist einer der Gründer der Gruppe. "Ich hasse Hillary, weil ich ihr nicht ein Wort glaube", sagt er, "sie ist nicht die Richtige für Amerika. Mit dieser Gruppe wollen wir die Aufmerksamkeit der Wähler gegen Hillary richten."

T-Shirts für Obama

Im Gegensatz zu Clinton wird ihr demokratischer Mitstreiter im Kampf ums Weiße Haus bei Facebook gefeiert. Die 450.000 Mitglieder, die sich auf der Seite zurzeit für Kandidat Obama stark machen, können sich dort über seine Wahlkampfthemen informieren oder seine Siegesreden noch einmal ausschauen. Fans können sogar ein T-Shirt mit Obama-Aufdruck erwerben - es gibt 723 Motiven zur Auswahl.

Ob die Seiten die Kandidaten beeinflussen, ist fraglich. Sicher ist: Rückmeldungen von den Präsidentschaftsanwärtern bekommen die Facebook-Gruppen nicht.

Deswegen haben Caveh Valipour Zonooz, 34, und Alexander Puschkin, 23, die Internetseitseite Straight2theCandidates.com ins Leben gerufen. Mit ihr geben sie den Wählern die Möglichkeit, sich direkt in an die Präsidentschaftsanwärter zu wenden.

Eine Idee, die sich in Deutschland bereits bewährt hat. Schon 2006 gründete Zonooz das deutsche Pendant Direktzurkanzlerin.de. Damals hatte Angela Merkel gerade ihre wöchentliche Videobotschaft ins Netz gestellt. Wenn Angela Merkel Videobotschaften ins Netz stellt, kann sie auch Fragen beantworten, dachte sich Caveh Valipour Zonooz und entwickelte innerhalb weniger Tage das Konzept für die Webseite. Mit Erfolg: 30.000 Klicks hatten die Studenten alleine am ersten Tag - die Kanzlerin antwortet hier tatsächlich. Mittlerweile haben auch der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck und Bundestagspräsident Norbert Lammert eine eigene Plattform.

Die Gründer der Seite Straight2theCandidates: Alexander Puschkin, Jörg Schiller, Caveh Valipour Zonooz, Till Pape (von links)

Die Gründer der Seite Straight2theCandidates: Alexander Puschkin, Jörg Schiller, Caveh Valipour Zonooz, Till Pape (von links)

Die Idee, Politiker direkt anzusprechen, haben die Gründer nun auf Amerika übertragen. Die Startseite zeigt die Gesichter der Kandidaten, vom Demokraten Obama bis zum Republikaner Huckabee. Mit einem Klick landen Nutzer auf den Seiten der US-Politiker. Dort stellen sie dann die Fragen, die ihnen am Herzen liegen.

Per Text-, Video- oder Audiobotschaft werden die Kandidaten direkt angesprochen. Was denkt Clinton über die Todesstrafe? Ist Obama für Abtreibung? Befürwortet Romney einen Krieg im Iran? Über die interessantesten Fragen stimmen die Nutzer ab. Die Frage mit den meisten Stimmen wird dann von den amerikanischen Studenten an die Kandidaten weiter geleitet und sollte auch beantwortet werden.

Viele Amerikaner, ob jung oder alt, beteiligen sich an dem einzigartigen Projekt. 40.500 Nutzer hat die Seite nach Angaben der Gründer bereits. "Was mich an diesem Projekt so fasziniert, ist, dass es Demokratie erlebbar macht", sagt Alice Wallace, Studentin an der American University in Washington ihr Engagement, "die Fragen, die an die Kandidaten gerichtet sind, kommen von den Bürgern selbst und nicht von irgendwelchen hochoffiziellen Regierungsmitgliedern. Das ist für mich die wahre Definition von Demokratie."

Die Sache hat nur einen Haken: Bislang bleiben die Antworten der Kandidaten aus. Nur Barack Obamas Crew hat sich gemeldet. Nach dem Sieg des demokratischen Kandidaten in Iowa möchte ein Berater die Software gern für Obama einsetzen.



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