Wissenschaftler in den USA "Meine Begeisterung für Trump wächst stetig"

Die meisten Uni-Professoren in den USA sind sich einig: Donald Trump ist als Präsident eine Katastrophe. Einer schert aus: Philosophieprofessor Daniel Bonevac attestiert Trump eine tiefe politische Intuition.

Trump-Fans im Wahlkampf (Symbolbild)
REUTERS

Trump-Fans im Wahlkampf (Symbolbild)


Der US-Präsident hat sein ganz eigenes Verhältnis zu Fakten, leugnet den Klimawandel und sieht Umweltschutz vor allem als Industriehemmnis. Donald Trumps Politik macht vielen Wissenschaftlern in den USA Angst. Sie fürchten Kahlschläge an den Unis, manche sogar eine Abkehr von der Rationalität. Fünf Wissenschaftler schildern, wie sie die Ära Trump in den USA erleben. Unter dem folgenden Text des Philosophen Daniel Bonevac finden Sie Links zu den Berichten vier weiterer Forscher.

"Ich dachte zuerst, Trumps Wahlkampagne sei ein Egotrip. Aber dann habe ich den Enthusiasmus bemerkt, den er bei den Menschen auslöst, weil er mit den üblichen Regeln des politischen Geschäfts bricht. Er geht 'politisch inkorrekte' Themen an. Dazu kommt: Er selbst ist sehr wohlhabend, wirkt aber nicht wie einer aus der Elite, sondern wie ein normaler Mann, wie ein Typ, mit dem man gut ein Bier trinken könnte.

Ich stamme aus einer Arbeiterfamilie in Pennsylvania und beobachte, dass vielen meiner Verwandten gerade das an Trump gefällt. Meine Begeisterung für ihn wächst stetig.

Den oft erhobenen Vorwurf, Trump schüre Hass gegen Einwanderer und Minderheiten, lasse ich nicht gelten. Trump ist oft falsch interpretiert worden. Er hat zum Beispiel nie behauptet, dass alle Mexikaner kriminell seien, sondern nur gesagt, aus Mexiko kämen Kriminelle ins Land. Wirklich frustrierend finde ich an der Debatte um Trumps Politik auch, dass jeder, der Sorgen zur Terrorabwehr äußert, sofort als Rassist verunglimpft wird.

Zur Person
  • Daniel Bonevac ist Philosophieprofessor an der University of Texas. Er outete sich bereits vor der US-Wahl als Trump-Anhänger. In einem längeren Beitrag für die "Washington Post" warb er um Stimmen für ihn. Nach dem Amtsantritt zeigt sich Bonevac von Trump zunehmend begeistert - wohl wissend, dass er damit unter US-Wissenschaftlern, noch dazu im Fachbereich Philosophie, eine Ausnahme darstellt.

Für Trump-Unterstützer wie mich ist es so: Wir hassen keine Mexikaner und auch keine Muslime. Ich bin auch überhaupt nicht generell gegen Einwanderung. Aber ich denke, es gibt diese Terrorgefahr, und es ist legitim zu diskutieren, wie viele und welche Einwanderer in die USA kommen sollten.

Trump hat aus meiner Sicht einige tiefgehende Fragen zu Ethik und politischer Theorie aufgebracht, über die man lange Zeit nicht mehr nachgedacht hat. Zum Beispiel: Wer hat das Recht, in den Vereinigten Staaten oder einem anderen Land zu leben? Überraschend viele Leute glauben, jeder Mensch habe das Recht überall zu leben. Aber das käme im Zweifel einer Invasion gleich, wobei ich Invasion und Einwanderung nicht gleichsetzen möchte.

Mit meiner Unterstützung für Trump bin ich seit einigen Monaten ein gefragter Gesprächspartner in den Medien. Ich gebe jede Menge Interviews. Dafür muss ich natürlich auch Kritik einstecken. Ich wurde zum Beispiel schon mit dem Philosophen Martin Heidegger verglichen, der in der Nazizeit eine unrühmliche Rolle spielte. Ich habe mal über Heidegger geschrieben und viel Respekt vor dem, was er zu einer bestimmten Zeit geleistet hat, wenn auch nicht vor dem, was er ab den Dreißigerjahren getan hat. Aber ein Vergleich mit mir ist lächerlich.

Ich werde natürlich auch bei Facebook beschimpft, und bei Amazon hat jemand eines meiner Bücher mit nur einem Stern bewertet und dies damit begründet, dass ich Trump unterstütze. Aber das schmerzt mich nicht, das nehme ich nicht ernst. Als Wissenschaftler erlebe ich ansonsten keine Anfeindungen. Ich habe nicht den Eindruck, dass es für mich jetzt zum Beispiel schwieriger ist, Aufsätze zu veröffentlichen oder Vorträge zu halten. Ich bin in mehreren Uni-Komitees, und keiner greift mich dort wegen meiner Unterstützung für Trump an. Im Gegenteil: Für meinen Artikel in der "Washington Post" habe ich viel Lob bekommen.

Zum Glück arbeite ich in Texas...

Mein Alltag auf dem Campus hat sich auch nicht verändert. Ich habe allerdings Glück, dass ich in Texas arbeite. Obwohl die Mehrheit meiner Studenten links ist, gibt es an der Fakultät noch genügend Konservative. Ich werde nicht angegriffen, ich habe alle Freiheiten. Allerdings könnte das ganz anders aussehen, wenn ich an einer traditionell eher linken Uni wie Berkeley in Kalifornien arbeiten würde.

Ich habe mich gerade mit Studenten von anderen Universitäten getroffen, die das Thema Redefreiheit extrem umtreibt. Einige republikanische Studenten fürchten Repressalien, wenn sie sich offen äußern. So etwas geht nicht. Ein Uni-Professor muss alle Meinungen gelten lassen.

Ich fürchte, dass es bei einem Teil meiner Kollegen ein gewisses Maß an Hysterie gibt, was Trump betrifft, auch wenn ich an den geplanten 'March of Science' in Washington am 22. April denke. Dabei hat er nichts getan, was die akademische Gemeinschaft irgendwie alarmieren könnte. Es gab keinen Angriff auf Wissenschaftler oder ähnliches. Die Leute erlauben sich irrationale Ängste.

Ja, Trump handelt jetzt sehr schnell, dabei können auch Fehler passieren. Ich kann zum Beispiel verstehen, dass Menschen die Einreiseverbote in den ersten Tagen von Trumps Amtszeit für übertrieben und falsch halten, aber dahinter steckte ja kaum die Intention, wissenschaftlichen Austausch zu verhindern oder Akademiker nicht ins Land zu lassen*.

Wenn ich dem Präsidenten ein Philosophiebuch empfehlen sollte, dann: John Locke, 'Über die Regierung: The Second Treatise of Civil Government'. Das lässt einen besser verstehen, was Regieren bedeutet. Dieses Buch ist die Basis, der Rest sind Details. Locke sagt: Eine Regierung wird durch diejenigen legitimiert, die sie regiert. Wenn Entscheidungen so weit von Bürgern entfernt gefällt werden, dass sie ihnen nicht mehr zustimmen oder sie ablehnen können, sind sie nicht mehr legitim.

Ich denke zum Beispiel daran, dass Menschen oder ihre gewählten Vertreter im US-Kongress von der Obama-Regierung und einem großen Verwaltungsapparat bei wichtigen Entscheidungen übergangen wurden: Niemand hat etwa darüber abgestimmt, die Kohleförderung zu stoppen oder Transgender-Klos einzurichten.

Gerade Trump wird zwar vorgehalten, er habe in den ersten Wochen seiner Amtszeit vorwiegend im Alleingang regiert, per Dekret, aber meiner Meinung nach hat er dabei auch autokratische Entscheidungen seines Vorgängers rückgängig gemacht.

Ansonsten spricht Trump genau den Grundgedanken von Locke an: die Sorge, dass politische Entscheidungen zu weit von den Menschen weggenommen werden. Die meisten Menschen halten Trump sicher nicht für eine philosophisch denkende Person, das tue ich auch nicht, ich glaube aber sehr wohl, dass er ein tiefes Verständnis für Probleme hat. Das ist bei ihm vermutlich Intuition."

* Anmerkung der Redaktion: Trumps erste Einreisesperre sah keine Sonderregelungen oder Ausnahmen für Akademiker vor. Der zweite Erlass erlaubte etwas mehr Spielräume, so waren Inhaber von Greencards und gültigen Visa nicht mehr betroffen. Gerichte haben die Erlasse jedoch vorerst suspendiert.

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