Bewerbung an US-Uni "Das Witzige ist - ich bin gar nicht schwarz"

Der indisch-stämmige Vijay Jojo Chokalingam hat sich als Schwarzer an einer US-Hochschule beworben - und ist genommen worden. Werden Afroamerikaner also bevorzugt? Ganz so einfach ist es nicht.

Screenshot von Chokalingams Website: "Selbst die Mitglieder der Studentenverbindung haben mich zuerst nicht erkannt"
Vijay Chokalingam

Screenshot von Chokalingams Website: "Selbst die Mitglieder der Studentenverbindung haben mich zuerst nicht erkannt"


"Ich bin an der medizinischen Fakultät genommen worden, weil ich angegeben habe, ich sei schwarz. Das Witzige daran: Ich bin es nicht." Mit diesen Worten begrüßt der US-Amerikaner Vijay Jojo Chokalingam die Besucher seiner Website "Almost Black". Auf der Seite bewirbt er sein gleichnamiges Buch, in dem er die Geschichte davon erzählt, wie er unter Angabe einer anderen ethnischen Herkunft 1999 einen Studienplatz an der St. Louis University School of Medicine bekommen habe. Die Geschichte geht laut Chokalingam so:

Chokalingam ist der Sohn indischer Einwanderer aus Nigeria - und der Bruder der Schauspielerin Mindy Kaling. Aufgewachsen ist er in Cambridge, das College schloss er nach eigenen Angaben mit einem Notendurchschnitt von 3,1 ab - zu schlecht, um Chancen auf einen Studienplatz an einer medizinischen Fakultät zu bekommen, sagt er.

Also rechnete sich Chokalingam einen Bonus aus, wenn er sich nicht als indisch-amerikanischer, sondern als afroamerikanischer Student bewerbe. Grund für seine Annahme waren US-Maßnahmen zur Minderheitenförderung. Affirmative Action oder positive Diskriminierung heißt das im Fachjargon: Universitäten haben die Möglichkeit, Schwarzen oder Latinos den Zugang zum Studium zu erleichtern.

Chokalingam rasierte sich die Haare, kürzte seine Wimpern und gab in seinen Uni-Bewerbungen an, afrikanischer Herkunft zu sein. In St. Louis bekam er eine Zulassung.

Den Gegenbeweis allerdings bleibt er schuldig: Aus seinem Bericht geht nicht hervor, dass er sich zuvor unter seiner wirklichen Identität schon einmal erfolglos an der Uni beworben hätte - auch wenn er dies in der Fotomontage auf seiner Homepage so darstellt.

"Die Polizei hat mich schikaniert"

Fortan nutzte er seinen Mittelnamen Jojo und schloss sich sogar der Organization of Black Students an. "Die Veränderung meines Aussehens war so erstaunlich, dass selbst die Mitglieder der Studentenverbindung es zuerst nicht bemerkten", schreibt Chokalingam auf seiner Website.

Doch nicht alles lief wie erhofft, führt Chokalingam weiter aus. Er habe zwar auf die positive Diskriminierung aufmerksam machen wollen, doch nun war er auch von rassistischer Diskriminierung betroffen: "Die Polizei hat mich schikaniert, in Läden wurde ich des Diebstahls bezichtigt, Frauen hatten entweder Angst vor mir oder haben sich über mich hergemacht." Was als irrer Trick zur Erlangung eines Studienplatzes begonnen habe, sei zu einem sozialen Experiment geworden.

Das Studium schmiss Chokalingam 2004 wieder: Zum einen hätten seine Leistungen nicht gereicht, zum anderen habe er realisiert, dass er gar kein Arzt werden wolle, schreibt er. Er arbeitete zunächst als Finanzdienstleister in Boston, dann bewarb er sich regulär, ohne die Angabe einer falschen Identität, an der UCLA Anderson School of Management, "eine der wenigen top Business Schools, die die Ethnie ihrer Studenten nicht berücksichtigen", so Chokalingam.

Doch auch hier bleibt der Gegenbeweis aus. Wäre seine Bewerbung vielleicht abgelehnt worden, hätte er sich als Afroamerikaner beworben?

Eines dürfte die Geschichte auf jeden Fall bewirken: Werbung für sein Buch.

sun

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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 06.04.2015
1.
Nur so für die Statistik: Er hatte keinen Notendurchschnitt von 3,1, der mit dem deutschen vergleichbar wäre. Die 3,1 steht für den GPA - Grade Point Average, wobei 4,0 die Höchstnote ist. siehe auch http://en.wikipedia.org/wiki/Academic_grading_in_the_United_States#The_1-2-3-4_system
cato. 06.04.2015
2.
Natürlich ist es ganz so einfach. In den USA gibt es rassistische Gesetze die Mitglieder bestimmter Ethnien bevorzugen, das steht so offen in dem Gesetz drin, dass man es nicht aufwendig nachprüfen muss. Ob dies für Vijay Jojo Chokalingam den Unterschied gemacht hat ist dabei irrelevant.
anaxamander 06.04.2015
3.
Zitat von DJ DoenaNur so für die Statistik: Er hatte keinen Notendurchschnitt von 3,1, der mit dem deutschen vergleichbar wäre. Die 3,1 steht für den GPA - Grade Point Average, wobei 4,0 die Höchstnote ist. siehe auch http://en.wikipedia.org/wiki/Academic_grading_in_the_United_States#The_1-2-3-4_system
Sieh an. Hätte diese Information nicht in den Artikel gehört? In Unkenntnis der US-Amerikanischen Gegebenheiten wäre ich von dem gewohnten deutschen System ausgegangen und mich nur über die, trotz des schlechten Notendurchschnittes, erfolgte Zulassung gewundert.
david_2010 06.04.2015
4.
Das Witzige ist : Diskriminierung bleibt Diskriminierung. Egal ob positive oder negative Diskriminierung - einer wird immer benachteiligt. In einer post-rassistischen Gesellschaft, darf Rasse oder Herkunft keine Rolle spielen. Egal in welcher Hinsicht. Der Versuch mit positiver Diskriminierung eine Art Gleichheit herzustellen ist gleichzusetzen mit der Dümmlichkeit, Rattenplagen durch das Aussetzen von Gift-Schlangen zu bekämpfen.
Zapallar 06.04.2015
5.
Ist doch bei uns genauso. Wenn jemand weiblich oder behindert ist, wird er bei bestimmten Jobs gegenüber gleichqualifizierten Männern oder nicht-behinderten Bevorzugt. Auch das ist eine Art der Diskriminierung.
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