Wissenschaftlerin in den USA "Ich will zurück nach Deutschland"

Ein Forschungsaufenthalt in den USA war immer ihr Traum, jetzt will sie so schnell wie möglich weg. Biologin Heike Lindner erzählt, wie die Wahl von Trump ihr Leben an der Uni Stanford verändert hat.

Heike Lindner
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Der US-Präsident hat sein ganz eigenes Verhältnis zu Fakten, leugnet den Klimawandel und sieht Umweltschutz vor allem als Industriehemmnis. Donald Trumps Politik macht vielen Wissenschaftlern in den USA Angst. Sie fürchten Kahlschläge an den Unis, manche sogar eine Abkehr von der Rationalität. Fünf Wissenschaftler schildern, wie sie die Ära Trump in den USA erleben. Unter dem folgenden Text der deutschen Biologin Heike Lindner finden Sie Links zu den Berichten vier weiterer Forscher.

"Mein Forschungsprojekt in Stanford ist noch bis Herbst 2018 finanziert. Aber so lange möchte ich hier nicht mehr bleiben. Die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten hat für mich alles geändert.

Wissenschaftliche Institutionen bekommen Maulkörbe verpasst, man denke nur an die US-Nationalparks, die Klimafakten getwittert hatten. Kollegen aus islamischen Ländern dürfen nicht mehr einreisen, Minderheiten werden diskriminiert, Sexismus ist auf einmal gesellschaftsfähig - das ist das Gegenteil von dem, was mich vor zweieinhalb Jahren nach Kalifornien gebracht hat. Und ich kann wenig dagegen tun, weil ich selbst bei Demonstrationen fürchten muss, festgehalten zu werden und noch nicht mal Zugang zu einem Anwalt zu bekommen.

Ich komme aus Ostdeutschland, bin also in einem totalitären Staat geboren worden, und ehrlich gesagt erscheint es mir nicht so abwegig, dass hier bald nicht nur Menschen an der Einreise, sondern auch an der Ausreise gehindert werden.

Zur Person
    Heike Lindner, 33, ist seit zweieinhalb Jahren Postdoktorandin der molekularen Pflanzenbiologie an der Carnegie Institution for Science in Stanford. Sie erforscht die Entwicklung von Wurzeln bei Trockenheit, ihre Arbeit wird durch ein Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

Am Tag nach der Wahl war der ganze Campus in Trauerstimmung, wie nach dem 11. September. Es wurden psychologische Hilfedienste angeboten, sogar Therapiehunde wurden hergebracht. Meine beiden Doktorandinnen, die selbst einen Migrationshintergrund haben, haben geweint. Es war für uns alle ein Schlag ins Gesicht. Aber auch hier, in unserem Wahlbezirk, haben 21 Prozent der Menschen für Trump gestimmt. Das hätte ich nie für möglich gehalten.

Die USA waren für mich immer das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Freundlich, lässig, weltoffen - der beste Arbeitsplatz für Wissenschaftler. Tatsächlich ist der Kampf um Forschungsgelder in den USA schon jetzt immens, und die Aussichten in meinem Fach, der Pflanzenbiologie, sind düster.

Es ist abzusehen, dass nur noch Forschung, die der Landwirtschaft nützt, eine Chance auf Finanzierung haben wird. Projekte der Grundlagenforschung, wie ich sie betreibe, dürften auf wenig Interesse stoßen - was im Moment auch seine Vorteile hat: Ich muss mir keine Gedanken um die Sicherung meiner Daten machen wie andere Wissenschaftler, die zum Beispiel zum Klimawandel forschen und ihre Ergebnisse nun auf ausländischen Servern speichern.

Deutschland wird als Wissenschaftsstandort profitieren

Meine Chefs an der Carnegie Institution for Science versuchen uns einzureden, alles werde nicht so schlimm. Aber der Abwärtstrend wird sich kaum stoppen lassen. Ich kenne viele Kollegen, die überlegen, wieder zurück nach Europa zu gehen - oder nach Asien. Dort sind die Bedingungen viel wissenschaftsfreundlicher, es gibt Fördergelder, die Unis sind gut ausgestattet, und sie werben gezielt um Ausländer. Kulturell mag das zwar schwieriger sein, aber als Wissenschaftsstandort ist Asien definitiv im Kommen. Genau wie Deutschland.

Um Wissenschaft und Bildung steht es ja in Deutschland wirklich gut, vielen wird das jetzt erst bewusst. Durch den Brexit und die Wahl von Trump interessieren sich auf einmal deutlich mehr Top-Wissenschaftler für deutsche Unis. Ich glaube, dass Deutschland als Wissenschaftsstandort in Europa extrem profitieren wird.

Wenn reihenweise ausländische Wissenschaftler das Land verlassen, wird das hoffentlich ein Weckruf für die USA sein. Aber er kommt wohl zu spät. Ich will jedenfalls so schnell wie möglich wieder zurück nach Deutschland. Mit den Werten, die Trump vertritt, soll mein zweijähriger Sohn nicht aufwachsen.

Auf dem Campus habe ich zusammen mit Kollegen und Studenten dafür demonstriert, dass sich die Uni politisch positioniert. Wir sind bis zum Büro des Dekans marschiert, aber es kam nur die Sekretärin heraus, die sagte, wir sollten unsere Forderung schriftlich einreichen, was wir aber schon Wochen zuvor getan hatten. Bis heute gab es darauf kaum eine Reaktion. Davon bin ich enttäuscht, denn Stanford ist eine private Uni, die nicht so stark von öffentlichen Geldern abhängt wie zum Beispiel die University of California, Berkeley, der von Trump schon mit dem Streichen der Gelder gedroht wurde.

Ich glaube an Gleichberechtigung, ich will dafür kämpfen. Aber hier sind mir die Hände gebunden. Deshalb möchte ich zurück, dorthin, wo ich den Mund aufmachen darf, wo ich gehört werde und ein Vorbild für junge Frauen sein kann."

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