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13. Oktober 2014, 11:36 Uhr

Vergewaltigungen an US-Hochschulen

"Kriminelle tragen kein Schild auf der Stirn"

Ein Interview von , Boston

Hunderte Studentinnen kämpfen in den USA gegen sexuelle Gewalt auf dem Campus - Duane de Four, 39, versucht, sie zu unterstützen. Als Trainer und Ausbilder erklärt er an Hochschulen, wie Studenten sich und andere schützen können.

Aufschrei in den USA: "Tut endlich was gegen Vergewaltigungen auf dem Campus", Hunderte Studentinnen rufen inzwischen so laut, dass selbst Politik und Gesellschaft nicht mehr weghören können. Denn offiziellen Umfragen zufolge wird in den USA jede fünfte Studentin im Laufe ihres Studiums sexuell missbraucht. Die Studentinnen werfen den Hochschulen vor, darauf ungläubig, ablehnend oder gar nicht zu reagieren. Dabei verpflichtet das Gesetz "Title IX" Hochschulen, sich zu kümmern: Erfahren sie offiziell von einem Missbrauch, müssen sie sofort untersuchen, was passiert ist, und darauf reagieren.

Duane de Four, 39, kämpft seit fast 20 Jahren gegen sexuelle Gewalt auf dem Campus, erst als Student, inzwischen als Ausbilder und Trainer an Hochschulen. Er wisse nicht, ob an amerikanischen Hochschulen mehr vergewaltigt wird als in anderen Ländern, sagt er. "Wenigstens sprechen wir jetzt darüber."

SPIEGEL ONLINE: Ein Mann kämpft für Frauenrechte. Wie kam es dazu?

De Four: Das Thema hat eher mich gefunden, als dass ich es gefunden habe. Ich kenne viele, die sexuelle Gewalt erlebt haben. Schon als Student habe ich mich dafür interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Was genau interessiert Sie?

De Four: Ich schaue in meiner Arbeit unter anderem, wie die Gesellschaft funktioniert. Wie bilden wir uns ein Urteil? Wie entstehen Rollenbilder? Warum haben wir Stereotype? Wie tragen sie dazu bei, dass Gewalt sich fortsetzt?

SPIEGEL ONLINE: Dazu gehören nach einer Vergewaltigung sicher Fragen wie: Hat die Frau getrunken? Wie kurz war ihr Rock? Wollte sie nicht auch?

De Four: Genau darauf setzen viele Täter. Sie kennen die College-Kultur sehr genau und die sozialen Normen rund um Sex und Alkohol. Sie schaffen auf Partys Situationen, die wie ein normaler Flirt aussehen. Deswegen fragen wir hinterher nicht: "Was ist komisch am Verhalten dieses Mannes?" Sondern sagen: "Die Frau hat es herausgefordert." Dabei trägt kein Krimineller ein Schild auf der Stirn: "Ich bin ein Vergewaltiger." Wir halten trotzdem an der Idee fest, dass sie mit einem Messer im Busch sitzen, dass man sie erkennt, weil sie gruselig aussehen. Wir glauben nicht, dass es der Typ von Nebenan ist.

SPIEGEL ONLINE: Das Bild wollen Sie in Seminaren verblassen lassen?

De Four: Dabei halte ich keine trockene Rede, sondern stelle Fragen, um ins Gespräch zu kommen. Ist sexuelle Gewalt auf dem Campus ein Problem? Was wisst ihr darüber? Was für Erfahrungen habt ihr gemacht?

SPIEGEL ONLINE: Wie reagieren Männer?

De Four: Die meisten interessieren sich, sie kennen meist auch jemanden, der missbraucht wurde. Sie merken, wie sehr sexuelle Gewalt die Beziehung zwischen Männern und Frauen belastet.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem gibt es jene, die meinen betonen zu müssen: Nicht alle Männer vergewaltigen.

De Four: Menschen tendieren dazu, schwierige Themen zu meiden. Und solange du ein guter Junge bist, musst du nicht über sexuellen Missbrauch nachdenken, das ist ein Privileg von Männern. Denn wer spricht heute schon mit Jungen und Männern über Themen wie Vergewaltigung, Stalking und Gewalt in Beziehungen? Frauen hingegen müssen sich ihr ganzes Leben damit beschäftigen. Eine laute, aber sehr kleine Gruppe reagiert jetzt neagtiv auf diese Themen. Sie realisiert nicht, wie sehr ihr Privileg ihnen letztlich selbst schadet. Denn in der Realität ist sexueller Missbrauch kein Frauenthema, auch Männer werden missbraucht. Im derzeitigen System schweigen sie aber.

SPIEGEL ONLINE: Was können Studenten und Studentinnen tun?

De Four: In Amerika gilt oft: Du kannst alles allein schaffen - ohne Hilfe. Wir müssen uns aber stärker füreinander interessieren. Deswegen setzen wir vor allem auf die Umstehenden.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt?

De Four: Viele sehen beispielsweise auf Partys nur zwei Möglichkeiten: Entweder wende ich Gewalt an, oder ich tue gar nichts. Angenommen die Frau ist betrunken, du weißt aber nicht, wie betrunken. Dann suche jemanden, der sie besser kennt. Erkundige dich, ob alles in Ordnung ist. Hole ein Glas Wasser. Denke vor allem daran, dass es Täter gibt, die solche Situationen ausnutzen. Ich vergleiche das gern mit dem Satz: "Don't drink and drive!" Den hat inzwischen jeder verinnerlicht. Genauso wie du einen betrunkenen Freund vom Autofahren abhalten würdest, solltest du Freunde in so einer Situation davor bewahren, Sex zu haben. Das wäre schon ein großer Schritt.

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