Vergleichs-Report "Eurostudent" Deutschlands Studenten sind ein elitärer Zirkel

Italiens Studenten sind Muttersöhnchen, Portugiesen parlieren fließend mehrsprachig - und Deutschland schreckt Auf- und Quereinsteiger ab. Ein neuer Uni-Atlas vermisst den Campus Europa: Wer darf studieren, wie fleißig sind die Studenten, wie und wovon leben sie?

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Wissenschaftliche Werke sind, vorsichtig formuliert, nicht immer von praktischem Nutzen. Wenn aber Dominic Orr, Hochschulforscher aus Hannover, am Freitag eine neue Studie vorstellt, dürfen sich Studenten in ganz Europa freuen: Sein Report erleichtert die Partnersuche.

Eurostudent: Kreuz und quer durch Europa
Deutsches Studentenwerk

Eurostudent: Kreuz und quer durch Europa

Auf Seite 19, ganz unten, finden sich die aktuellen Single-Charts. Eine übersichtliche Grafik zeigt, in welchen Ländern nur wenige Hochschüler bereits in festen Händen sind. Besonders Italiener, Portugiesen und Spanier sind demnach ungebunden. 90 Prozent oder mehr bezeichnen sich als Single. Die Deutschen hingegen geben sich außergewöhnlich bieder. Nicht einmal die Hälfte der Studenten, nur 43 Prozent, gibt an, weder verheiratet zu sein noch einen festen Partner zu haben.

Drei Jahre lang haben Orr und seine Kollegen von der hannoverschen Hochschul-Informations-System GmbH unterschiedlichste Daten aus Europa zusammengetragen und ausgewertet. Gefördert von Bundesbildungsministerium und EU-Kommission, ging es ihnen um mehr als Forschungen zum Familienstand. Herausgekommen ist ein Hochschul-Atlas, wie es ihn noch nicht gegeben hat. Der große Report "Eurostudent" vergleicht die soziale und wirtschaftliche Lage der Hochschüler in 23 europäischen Staaten.

Wie gerecht geht es in Deutschland zu?

An diesem Freitag werden die Forscher ihren Bericht in Berlin vorstellen und damit vermutlich die nächste Runde der großen Debatte einläuten, die kurz vor dem Bildungsgipfel von Bund und Ländern im Oktober immer lauter geführt wird: Wie gerecht geht es in Deutschland zu? Bestimmt die Herkunft und nicht die Begabung, ob jemand studiert?

Die Studie macht deutlich, dass die deutschen Hochschulen nach wie vor ein exklusiver und elitärer Zirkel sind. Auf- und Quereinsteiger sind hierzulande seltener zu finden als in vielen anderen europäischen Staaten.

Verfügt der Vater nicht über ein Uni-Diplom, studieren in Deutschland die Kinder seltener als etwa in den Niederlanden oder in Finnland. Auch in der Schweiz ist es deutlich wahrscheinlicher als in Deutschland, dass ein Kind ein Studium aufnimmt, wenn sein Vater selbst nur eine niedrige Qualifikation besitzt. Wenig tröstlich erscheint es da, dass wenigstens ein Land konsequent schlechter abschneidet als die Bundesrepublik – das postkommunistische Bulgarien (siehe Grafiken).

"Bislang eine homogene Gruppe"

Ähnlich schwer scheinen es auch Quereinsteiger in Deutschland zu haben. Zwar führen mittlerweile auch hierzulande verschiedene Wege an die Hochschulen. Die Forscher legten aber besonders strenge Maßstäbe an und fragten, inwieweit Berufserfahrung das Abitur oder einen vergleichbaren Abschluss ersetzen könne.

Sie kamen zu einem erstaunlichen Ergebnis: In Deutschland hat nur jeder hundertste Student einen solchen Lebenslauf. In Großbritannien, der Schweiz oder Norwegen liegt die Quote deutlich höher.

Das soll sich allerdings ändern. Auf dem Bildungsgipfel im Oktober wollen Bund und Länder beschließen, mehr Studenten an die Hochschulen zu locken. Ein "Aufstiegspaket" solle geschnürt werden, heißt es in einem vorläufigen Konzept für den Gipfel. Die Politiker wollen demnach beschließen, dass "der allgemeine Hochschulzugang für Meister, Techniker, Fachwirte und Inhaber gleichgestellter Abschlüsse" leichter möglich wird.

Italiens Studenten: Große Mehrheit wohnt bei den Eltern

Wer einen Berufsabschluss besitzt und mindestens drei Jahre gearbeitet hat, soll einfacher mindestens einschlägige Fächer studieren dürfen. Das Ziel: deutlich mehr Studenten ohne Abitur schon in vier Jahren. Zudem könnten sich Bund und Länder darauf einigen, "die Entwicklung von praxisnahen und berufs- und ausbildungsbegleitenden Studiengängen" voranzutreiben, wie es in dem Entwurf heißt.

Werden diese Pläne Wirklichkeit, müssen sich die deutschen Hochschulen umstellen. Die Professoren wären dann mit mehr Studenten neuen Typs konfrontiert. "Bislang haben sie es mit einer vergleichsweise homogenen Gruppe zu tun", sagt Forscher Orr. Viele Studenten haben eben einen ähnlichen sozialen Hintergrund, fast alle studieren Vollzeit, und die Einkommensunterschiede zwischen ihnen sind relativ gering. Die traditionelle Universität als elitäre Gelehrtenanstalt lebt in Deutschland stärker als in anderen Ländern fort.

Vermutlich 2011 wird sich zeigen, inwieweit die deutschen Hochschulen diesen Sonderweg fortsetzen. Dann soll der nächste Report erscheinen. Die Deutschen werden dann auch sehen können, ob ihre Studentenschaft weiterhin knapp mehrheitlich männlich ist; die Bundesrepublik ist nur einer von vier Staaten mit mehr Studenten als Studentinnen. Und die Italiener, Spanier und Portugiesen werden wissen, ob sich das Paarungsverhalten dem europäischen Durchschnitt annähert und mehr Studenten in festen Beziehungen leben.

Dagegen könnte ein anderes Ergebnis der Studie sprechen. In den drei Süd-Staaten leben überdurchschnittlich viele Hochschüler noch zu Hause. Besonders die Italiener sind Muttersöhnchen, fast drei Viertel von ihnen wohnen bei den Eltern oder anderen Verwandten. Die große Mehrheit, auch das zeigt die Studie, ist damit glücklich und zufrieden.



Forum - Studium in Deutschland - eher elitär?
insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
Klo, 25.09.2008
1.
Zitat von sysopItaliens Studenten sind Muttersöhnchen, Portugiesen parlieren fließend mehrsprachig - und Deutschland schreckt Auf- und Quereinsteiger ab. Ein neuer Uni-Atlas vermisst den Campus Europa. Studieren in Deutschland - immer noch hauptsächlich für Eliten?
Wieso immer noch? Immer mehr. Es war auch schon mal anders.
random42 25.09.2008
2. hmm
Hallo, Könnte es nicht sein, dass es nicht unbedingt am deutschen Staat bzw. am Bildungssystem liegt, dass in Deutschland weniger "Arbeiterkinder" studieren? In Deutschland gibt es so viele Möglichkeiten auf 2. Bildungswege zum Abitur oder zur Fachhochschulreife zu kommen (z.B. in BaWü: Berufliche Gymnasien, Berufskollege,etc...). Jeder der halbwegs etwas kann und die Hochschulreife will, wird sie bekommen und kann also auch studieren. Nur wollen viele Kinder, die aus der "Arbeiterschicht" kommen gar nicht studieren, dies ist meine persönliche Erfahrung. Warum, weiss ich auch nicht, evtl. aufgrund der Beeinflussung ihrer Eltern ("lern lieber was gescheites, einen Beruf..") Des Weiteren wird hier von einer falschen Grundannahme ausgegangen: Egal aus welcher Schicht man kommt, die Begabung/Intelligenz ist gleich verteilt auf alle Schichten. Auch interessant ist es, was in manchen Ländern noch als Studium durchgeht ;-). Wenn zb jede Krankenschwester bei uns ebenfalls ihr Diplom an einer "Hochschule" machen würde, hätten wir auch einen höheren Studentenanteil. So manche Berufsausbildung in Deutschland ist anderswo ein volles Studium. mfg
Quintus, 25.09.2008
3.
Die Sache ist doch ganz einfach: Unter dem Strich lohnt sich ein Hochschulstudium in Deutschland kaum. Mit einer guten Ausbildung macht man in vielen Faellen den besseren Schnitt. Ein Studium ist anstrengend, teuer und am Ende verdient man kaum mehr. Junge Akademiker werden in vielen Bereichen schlicht ausgebeutet, sei es als Arzt, Jurist oder Informatiker. Erwartet werden Wochenarbeitszeiten von 50+, Flexiblitaet (wer braucht schon ein festes Umfeld, Freunde und am Ende noch eine Familie) und vieles mehr wird verlangt; Und das fuer 2000 netto - Schwarzarbeit ist fuer die meisten Akademiker schwierig und ein ueber Jahrzehnte gewachsenes festes Umfeld, dass einem in der Not zur Seite steht, bzw. in vielen Alltagsdingen (vom Umzug bis zum Hausbau) wertvolles Geld spart, traemt der Akademiker meistens nur. Wer kein Workaholic ist, nicht permanent im Hotel beim Kunden schlafen will, mit dem stimmt schon irgendwas nicht. So ist ein Studium eher Luxus fuer Menschen, die es sich eben leisten koennen zu studieren.
Joerg Brauer 25.09.2008
4.
Interessant fand ich die These, dass viele Kinder aus sozial schwaecheren Familien aus finanziellen Gruenden keine Semester oder Praktika im Ausland absolvieren. Ich habe selbst mehrere Jahre im Ausland arbeiten und studieren duerfen und auch in der Ferne meine Diplomarbeit geschrieben, nach meiner Rueckkehr habe ich etliche meiner Kommilitonen dafuer zu begeistern versucht, weil die Jahre im Ausland aus meiner Sicht eine unglaublich wertvolle Erfahrung waren. Zum einen auf persoenlicher Ebene, zum anderen haben sie mich aber auch beruflich durch das aufgebaute Kontaktnetzwerk sehr viel weiter gebracht, von der fachlichen Entwicklung ganz zu schweigen Der Clou daran: Eine Praktikantenverguetung weit jenseits der 1000-EUR-Marke netto monatlich und Reisekosten werden uebernommen. Dennoch hatte niemand Interesse. Nur mit den finanziellen Gegenbenheiten kann es also wenig zu tun haben. Viel mehr schreckten viele davor zurueck, ganz allein in einem fernen Land zu landen und ihr Leben dort neu organisieren zu muessen, gleichzeitig war die Aufgabe der Wohnung hierzulande ein grosses Hindernis. Interessant waere fuer mich also eine Untersuchung, inwiefern Mobilitaet und eine gewisse Risikofreude mit dem sozialen Status korrelieren. Ich habe da aus meinen eigenen Erfahrungen ein paar Theorien, aber es waere mal interessant zu sehen, wie sich das ueber die gesamte Gesellschaft verteilt verhaelt. Grundsaetzlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Nachkoemmlinge aus der Oberschicht grundsaetzlich risikofreudiger und offener fuer Neues eingestellt sind, was ihnen natuerlich gerade heutzutage einen gewissen Vorteil verschafft. Fakt ist, dass der soziale Aufstieg ohne die Bereitschaft kalkulierbare Risiken einzugehen nur schwer gelingen kann, wer immer auf der absolut sicheren Seite bleibt verpasst viele Chancen. Das faengt bei der Entscheidung zwischen Studium und Ausbildung an und endet spaeter bei der Frage nach der Wahl von Wohnort und Arbeitsplatz.
EvilMoe, 25.09.2008
5.
Ich sehe das ebenfalls so, dass viele Leute nicht studieren wollen. Wer wirklich studieren will, kann zumindest seine FH Reife auf "humanem" Weg nachholen. Nur ist die Frage ob sich das überhaupt lohnt. Ich bin selbst Abiturient und kann den Gedanken des "Nicht-studieren" nachvollziehen. In der Regel ist man als Student mit 26/28 Jahren fertig, ab diesem Zeitpunkt fängt man an Geld zu verdienen. Der Realschüler, der mit 16 Jahren in die Lehre gegangen und nun fest angestellt ist, hat in dieser Zeitdifferenz von +-10 Jahren wesentlich mehr Geld verdient als ein Student. Wenn man sich mit einem bestimmten Lebensstandard zufrieden gibt, reicht einem das bis dahin erwirtschaftete Gehalt vollkommen aus. Auch ein Studium ist heutzutage keine Jobgarantie mehr und es ist utopisch zu denken, dass jeder Student gleich Managergehälter bekommt, die Möglichkeit besteht, aber sie ist nun mal gering. Man studiert hingegen eher, weil man auch im späteren Leben geistig gefördert werden möchte, nicht mehr und nicht weniger. Ich denke nicht, dass das Studieren heute noch was mit dem sozialen Standpunkt zu tun hat. Es gibt mittlerweile div. Möglichkeiten ein Studium zu finanzieren. Sei es über Stipendien oder anderen Sachen.
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