Gastbeitrag zu Plagiaten Promotionsbetrug darf nicht verjähren!

Auf keinen Fall dürfen Plagiatoren ungeschoren bleiben, findet Gerhard Dannemann, Jurist an der HU Berlin. Zu viele Wissenschaftler bauten auf geistigem Diebstahl ganze Karrieren auf. Derzeit gelte bei Unis die Prämisse: Die Promis müssen bezahlen, unbekanntere Forscher lässt man laufen.

Darstellung einer Doktorarbeit bei VroniPlag: Striche, die Betrug bedeuten

Darstellung einer Doktorarbeit bei VroniPlag: Striche, die Betrug bedeuten


1737 schrieb Henry Ballow systematisch bei Pufendorf ab, um mit dessen naturrechtlicher Willenstheorie die Kasuistik des englischen Vertragsrechts notdürftig zusammenzukleben. Aufgedeckt hat das 1999 der Rechtshistoriker Ibbetson. Wer plagiiert, muss damit rechnen, dass wissenschaftliches Fehlverhalten sogar posthum erkannt und dokumentiert wird.

Rechtliche Aspekte von Plagiaten können verjähren - so Ansprüche aus Urheberrechtsverletzungen in maximal zehn Jahren. Wird die Arbeit aber beispielsweise auf Google Books neu veröffentlicht, läuft die Frist erneut. Wer plagiiert, muss zeitlebens auch mit rechtlichen Konsequenzen rechnen.

Der Vorschlag, Plagiate künftig verjähren zu lassen, wirft also zwei engere Fragen auf.

Erstens: Sollen Ombudsleute für gute wissenschaftliche Praxis, sollen universitäre Ethik-Kommissionen Plagiatsvorwürfe nur innerhalb eines bestimmten Zeitraums untersuchen dürfen? Dagegen spricht schon der informelle, sanktionsarme und auf Ausgleich gerichtete Charakter dieser Verfahren.

Zweitens: Soll der Entzug von Doktorgrad oder Habilitation nur befristet, etwa innerhalb von zehn Jahren möglich sein?

Ein Bedürfnis nach Bestandsschutz ist oft verständlich. Man kann mit beachtlichen Gründen meinen, dass die Dissertation der Bundesforschungsministerin geschlagene 31 Jahre nach der Annahme nicht wieder auf den Prüfstand gestellt werden soll. Andererseits kann das in Grenz- oder minder schweren Fällen den Interessen der Verdächtigten dienen. So scheint es der Ministerin nicht ungelegen zu kommen, sich mit dem Hinweis auf dieses Verfahren nicht öffentlich zu den Vorwürfen zu äußern.

Die aktuelle Diskussion orientiert sich ohnehin zu stark an Politikern, die unter Plagiatsverdacht stehen. Dabei richten plagiierende Wissenschaftler weitaus größeren Schaden an.

Zehn Jahre können leicht vergehen zwischen der Promotion und dem ersten Ruf, bei dem im Bewerbungsverfahren die Dissertation erneut studiert wird. Manchmal liegen zehn Jahre zwischen Promotion und Habilitation. So geriet 2011 in einem Habilitationsverfahren auch die 1998 abgeschlossene Dissertation des Habilitanden ins Visier der Gutachter. Auf VroniPlag ist mittlerweile dokumentiert (Fall A.H.), dass diese Dissertation auf 86 Prozent der Seiten Plagiate enthält. Soll man künftig per Bestandsschutz auf eine solche Doktorarbeit eine wissenschaftliche Karriere aufbauen dürfen?

Zu denken gibt auch der Fall eines Wissenschaftlers, der von 1974 bis 2007 trotz zunehmender Hinweise nahezu unbehelligt seriell plagiieren und dabei internationale Meriten anhäufen konnte (de.gottiplag.wikia.com).

Nicht nur unentdeckte, auch unzulänglich ermittelte Altfälle dürften weitaus zahlreicher und gravierender sein als bisher vermutet. Zwei auf VroniPlag dokumentierte Fälle von Hochschullehrern, die in ihren Dissertationen jeweils auf ca. 45 Prozent der Seiten plagiiert haben, zeigen dies allzu beschämend. Im Fall M.M. wurde im ersten Entzugsverfahren das Ausmaß der Plagiate mit nur fünf Prozent der Seiten grotesk unterschätzt und daher voreilig der Doktorgrad bestätigt. Im Fall L.M. endete ein Verfahren vor dem universitären Ombudsman lediglich mit der Empfehlung, der Plagiator möge sich bei seinem Hauptopfer entschuldigen. Auf diese Entschuldigung wartet das Opfer bis heute, während dem Plagiator eine glänzende internationale wissenschaftliche Laufbahn gelang. Bei einer Zehn-Jahres-Frist könnte man beide Versäumnisse der Vergangenheit heute nicht mehr korrigieren.

Ausgerechnet jetzt, wo wir das volle Ausmaß unentdeckter oder unzulänglich aufgearbeiteter Altfälle zu erahnen beginnen, darf man nicht über eine Verjährungsregel deren überfällige Aufarbeitung im Keim ersticken.

Sollte die aktuelle Diskussion tatsächlich den Erfolg haben, dass Wissenschaftsplagiate künftig verhindert, andernfalls zeitnah erkannt und konsequent sanktioniert werden, dann spräche entsprechend weniger gegen eine Verjährung.

Bis dahin könnte noch viel Zeit ins Land gehen. VroniPlag dokumentiert eine Dissertation von 2006 (N.K.), die auf 75 Prozent der Seiten Plagiate enthält. Die Hälfte der Arbeit ist ohne jeden Verweis aus der Habilitationsschrift des Doktorvaters abgeschrieben. Deutschlands älteste Universität befand vor wenigen Wochen: Die Zitierweise war nicht korrekt, aber der Doktortitel bleibt bestehen, mit derselben Note. So darf die Autorin auch weiterhin habilitieren und wird wohl künftig selbst Doktoranden die Maßstäbe guter wissenschaftlicher Praxis vermitteln.


Die Gegenposition Wolfgang Löwers, auf die in diesem Text bereits hingewiesen wurde, findet sich zusammen mit dem Text von Dannemann auch auf der Webseite von "Forschung und Lehre" .

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insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
sprechweise 16.07.2012
1. Überbewertet
Der Doktortitel ist völlig überbewertet. Unabhängig von Plagiaten sind intellektueller, wissenschaftlicher Inhalt und Nutzen dermassen variable so dass nicht auf die Kompetenz geschlossen werden kann. Denken Sie immer daran Einstein was "NUR" Experte Dritter Klasse (im Patentamt). Auf die weltbewegenden Theorien der Experten 1 und 2 Klassen werden wir verzichten müssen.
lotoseater 16.07.2012
2.
Zitat von sprechweiseDer Doktortitel ist völlig überbewertet. Unabhängig von Plagiaten sind intellektueller, wissenschaftlicher Inhalt und Nutzen dermassen variable so dass nicht auf die Kompetenz geschlossen werden kann. Denken Sie immer daran Einstein was "NUR" Experte Dritter Klasse (im Patentamt). Auf die weltbewegenden Theorien der Experten 1 und 2 Klassen werden wir verzichten müssen.
Es kommt stark aufs Fach an, ob in der Doktorarbeit tatsächlich geforscht wird, ob wirklich neue Erkenntnisse gefunden werden, und noch wichtiger, ob diese Erkenntnisse dann auch mal einen Nutzen für die Menschheit haben könnten. Aber daraus abzuleiten, dass alle Doktortitel überbewertet wären, halte ich für ziemlich kurzsichtig. Die einzelnen Fachgebiete sind da eben nicht vergleichbar und werden das auch nie sein.
timbo79 16.07.2012
3.
Zitat von sprechweiseDer Doktortitel ist völlig überbewertet. Unabhängig von Plagiaten sind intellektueller, wissenschaftlicher Inhalt und Nutzen dermassen variable so dass nicht auf die Kompetenz geschlossen werden kann. Denken Sie immer daran Einstein was "NUR" Experte Dritter Klasse (im Patentamt). Auf die weltbewegenden Theorien der Experten 1 und 2 Klassen werden wir verzichten müssen.
Einstein hatte selbstverständlich einen Doktortitel (und war sogar habilitiert), er verfasste eine Dissertation mit dem Titel "Eine neue Bestimmung der Moleküldimensionen" und wurde dafür 1906 von der Universität Zürich promoviert, er habilitierte sich (im zweiten Anlauf) 1908. 1911 wurde er dann zum ordentlichen Professor an der Universität Prag berufen. Im Laufe der Jahre sammelte er eine stattliche Anzahl Ehrendoktorwürden, so dass er sich guten Gewissens "Prof. Dr. Dr. h.c. mult. A. Einstein" hätte nennen dürfen - was er allerdings nicht nötig gehabt zu haben scheint...
uwe koschnick 16.07.2012
4. Promotionsbetrug
Bundeforschungsministerin (und Merkel-Intima) Schavan hatte doch geglaubt, es sei Gras über die Sache gewachsen .... Da taucht sie aus dem Sommerloch wieder auf. Die Dame ist keinen Deut seriöser als der selige Baron von und zu Googlezwerg.
strixaluco 16.07.2012
5. Danke!
Es ist wichtig, dass Schummeln, Schlampen und Plagiieren bestraft wird, denn solange das nicht passiert, haben ehrliche Menschen keine Chance - und die Forschungsergebnisse werden an vielen Stellen mehr Wunschdenken als irgendeine Annäherung der Wahrheit sein. Auf der anderen Seite, denke ich, dass es auch eine sachliche Diskussion darüber braucht, was als vorsätzliche Täuschung und was als menschlicher Fehler zu werten ist, und außerdem sollten auch die Betreuer und Doktorväter endlich mit in die Verantwortung gezogen werden! Alles was offensichtlich Vorsatz ist, muss, denke ich, rigoros verfolgt werden - aber Fehler machen Menschen eben auch. Ich kenne eine Person, die Panikattacken und schlaflose Nächte verbracht hat, weil sie im Stress ihrer - längeren - Abschlussarbeit vergessen hat, ein paar (vielleicht drei) sogar als Zitate gekennzeichnete Stellen auch im Literaturverzeichnis unterzubringen. Das war definitiv unabsichtlich, und dieses Ausmaß an Fehlern sollte man wohl jedem zugestehen - nur nicht beliebig viele.
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