Verkehrsberuhigt Wer schlau ist, hat keinen Sex

Superhirne sind Spätzünder. Zwei US-Studien zeigen: Mit 19 sind vier Fünftel aller Studenten sexuell aktiv. Aber je höher der IQ, desto mehr Jungfrauen - bei Mathematikerinnen eines Elite-Colleges sogar 83 Prozent. Im Internet kursieren dazu amüsante und verwegene Theorien.


Irgendwann ist immer das erste Mal. Aber wenn es um Sex geht, schauen die Schlauen dumm aus der Wäsche: Je höher der Intelligenzquotient (IQ), desto später starten junge Amerikaner ihre sexuellen Aktivitäten. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls der Blogger Jason Malloy. Auf der Website "Gene Expression" stellt er zwei Studien vor, die sich mit dem Sexualverhalten junger Menschen in den USA im Verhältnis zum IQ befassen.

Paar im Boot: Für die Nerds heute leider kein Sex
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Paar im Boot: Für die Nerds heute leider kein Sex

Beide Untersuchungen sind nicht mehr ganz neu, eröffnen aber verblüffende Zusammenhänge. In der ersten Studie, veröffentlicht im Jahr 2000, geht es um Jugendliche im Alter von 13 bis 18 Jahren. Sie machten einen IQ-Test und schilderten ihre sexuellen Erfahrungen vom ersten Händchenhalten bis hin zum Geschlechtsverkehr. Dabei kam heraus, dass Schüler mit einem IQ über 100 und unter 70 deutlich seltener Sex haben als Schüler mit einem IQ dazwischen.

Jugendliche mit einem IQ von 100 hatten demnach anderthalb bis fünf Mal so oft bereits Geschlechtsverkehr wie Schlaumeier mit einem IQ zwischen 120 und 130. Präziser: Jeder zusätzliche IQ-Punkt erhöhte die Wahrscheinlichkeit der Jungfräulichkeit bei jungen Männern um satte 2,7 Prozent und bei jungen Frauen um 1,7 Prozent.

"Etwas Interessanteres als Sex entdeckt"

Von diesen Ergebnissen angetachelt, nimmt Jason Malloy sogleich eine weitere Studie unter die Lupe - zum "Campus-Sex" von College-Studenten ab dem 19. Lebensjahr, also in der nächsthöheren Altersgruppe. Erhoben wurden die Daten vor allem am noblen MIT und am Wellesley College, einer Privathochschule nur für Frauen, und verglichen mit anderen Elite-Unis.

80 Prozent der Männer und 75 Prozent der Frauen im Alter von 19 Jahren hatten demnach den ersten Sex schon hinter sich, bei den College-Studenten aller Jahrgänge waren es 87 Prozent. Ganz anders das Bild bei den amerikanischen Vorzeige-Unis: Nicht nur unter Erstsemestern, sondern selbst bei Bachelor-Studenten - also bis zu einem Alter von etwa 23 Jahren - ist die Abstinenz offenbar weit verbreitet. In Harvard hatten nur 59 Prozent ihre Unschuld verloren, in Princeton 56 Prozent und am MIT gar nur 51 Prozent.

Richtig frappierend ist in dieser Untersuchung ein Blick auf die Sex-Abstinenz nach Fächern. Der Anteil der Jungfrauen bei den Kunststudentinnen in Wellesley: genau null Prozent. In Biologie dagegen waren es 72, in Biochemie und Mathematik sogar 83 Prozent. Ähnlich fiel das Ergebnis am MIT aus - 20 Prozent Verkehrs-Vermeider in den Geisteswissenschaften, aber 73 Prozent in Biologie.

Über die genauen Gründe für die beträchtlichen Unterschiede verraten die beiden Untersuchungen offenbar wenig. Ein Ansporn für Jason Malloy zu eigenen Spekulationen: Er hält es zum Beispiel für denkbar, dass intelligentere Menschen auf der Highschool, an Elite-Colleges oder mit anspruchsvollen Hauptfächern ihr erstes Mal vertagen, weil sie später sozusagen eine umso höhere Belohnung erwarten. Und um einen passenden Sexualpartner zu finden, müsse man viel Zeit und Energie investieren, die dann für intellektuelle Ziele fehle.

Kurz und salopp formuliert: Das ständige Balzen dauert einfach zu lange.

Konservativ, ängstlich, hormongebremst?

Mit dem britischen Schriftsteller Aldous Huxley scherzt Malloy: Ein Intellektueller sei "ein Mensch, der etwas Interessanteres als Sex entdeckt hat". Und zitiert auch James Watson, der zusammen mit Francis Crick und Maurice Wilkins die Molekularstruktur der DNS entdeckte: "Hätte ich früher geheiratet, hätte ich die Doppelhelix nicht gefunden. Samstags hätte ich immer auf die Kinder aufpassen müssen. Andererseits war ich oft einsam."

Jason Malloy entwickelt noch andere Theorien: Schlauere Menschen könnten risikoscheuer sein. Demzufolge hemmt Angst vor ungewollten Schwangerschaften und ansteckenden Krankheiten ihre sexuelle Aktivität. Sie verzichten zwar nicht generell darauf - aber sie zögern häufiger, weil sie die möglichen Folgen im Hinterkopf behalten.

Weitere Vermutungen Malloys: Möglicherweise sind besonders intelligente Menschen religiöser oder konservativer als weniger schlaue Leute. Oder ihr Sexualtrieb ist schlicht schwächer ausgeprägt. Oder sie sind wählerischer und finden ihre potentiellen Sexualpartner schneller unattraktiv. Oder sie sind tatsächlich unattraktiver - weil Smarties seltener athletisch sind und unsportive Menschen weniger Sexualpartner haben.

Malloy bezieht noch weitere Studien ein, etwa über den Zusammenhang maskulinen Aussehens und der Zahl der Sexualpartner sowie über hormonelle Einflüsse. So sei für den Sexualtrieb und eine maskuline Erscheinung bei Männern Testosteron verantwortlich - und nach neuen Studien wirke sich ein hohes Testosteron-Niveau nachteilig auf den IQ aus.

Korrektur: Die beiden Studien über den Zusammenhang von IQ und Sex wurden von Jason Malloy verglichen, nicht von Tyler Cowen, wie es in diesem Text ursprünglich hieß. Malloy bezieht sich auf der Webseite "Gene Expression" lediglich auf einen Blog-Eintrag von Tyler Cowen, Wirtschaftswissenschaftler und Kolumnist der "New York Times".

jol/kat

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