Verschleppter Student Ägypten lässt deutschen Gaza-Blogger frei

Vier Tage hielten ägyptische Sicherheitskräfte den deutsch-ägyptischen Studenten Philip Rizk an einem unbekannten Ort gefangen. Jetzt ist der 26-Jährige wieder frei - die von seiner Schwester geplanten Proteste sollen trotzdem stattfinden.

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Er wurde verschleppt und versteckt, sein Wohnung wurde durchsucht und seine Familie bedroht. Jetzt ist der Alptraum vorerst zu Ende. Der deutsch-ägyptische Student und Blogger Philip Rizk ist wieder frei. Darüber informierte seine Schwester Jeannette SPIEGEL ONLINE am frühen Mittwochmorgen. Auch in der Facebook-Gruppe, in der sie regelmäßig über die Entwicklung des Falls schreibt, heißt es: "Philip ist draußen. Er ist sicher und bei seiner Familie."

Blogger Rizk: In der Nacht freigelassen
Jeannette Rizk

Blogger Rizk: In der Nacht freigelassen

Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts in Berlin bestätigte SPIEGEL ONLINE, dass Rizk in der vergangenen Nacht freigelassen worden ist. Auch mehrere Mikroblogger hatten dies zuvor bei Twitter berichtet, darunter der Nutzer, der als erster Rizks Festnahme gemeldet hatte.

Dem Auswärtigen Amt zufolge hatte sich die deutsche Botschaft in Kairo nach Rizks Festnahme eingeschaltet und "um Klärung bemüht". Sie werde Rizk und seine Familie weiter konsularisch betreuen, wenn das gewünscht sei.

Damit endet für die Familie von Philip Rizk eine Zeit der Angst. Rizk, 26, der sowohl den deutschen als auch den ägyptischen Pass besitzt, war in der Nacht vom vergangenen Freitag auf Samstag von ägyptischen Sicherheitskräften festgenommen worden, als er von einer Demonstration zurückkehrte. Seine Familie erfuhr weder wo er eingesperrt wurde, noch warum.

Dann, in der Nacht von Sonntag auf Montag, durchsuchten Sicherheitskräfte das Haus von Rizks Familie. "Fünf Männer in Zivil standen vor der Tür", sagt Jeannette Rizk, die Schwester, "außerdem zwei in Kampfanzügen und mit Maschinenpistolen." Sie seien auf der Suche nach Beweisen gegen Philip gewesen, vermutet sie. Die Sicherheitskräfte fanden nichts Belastendes, wollten dann aber den Vater mitnehmen, um ihn zu befragen. Erst ein herbeigeeilter Anwalt, der auch für Amnesty International arbeitet, konnte das verhindern.

"Ich vermute aber, dass das alles nur ein Ablenkungsmanöver war", sagt Jaennette Rizk SPIEGEL ONLINE. Zeitgleich sei ihre Wohnung und die ihres Bruders durchsucht worden. Philips Laptop hätten sie mitgenommen, seinen iPod, ihre Videokamera und zwei Festplatten von Jeannette, darauf ihr komplettes Computer-Backup und ein Dokumentarfilm, den sie als Abschlussarbeit über das Leben von Frauen in Kairo gedreht hatte.

Wer die ägyptische Regierung kritisiert, lebt gefährlich

Philip Rizk betreibt das Blog "tabulagaza", das seit Mittwoch-Nachmittag nur noch eingeladenen Lesern zugänglich ist. Darin veröffentlicht er Berichte über palästinensische Flüchtlinge und den Gaza-Streifen. Das Thema beschäftigt ihn seit langem: Er hat selbst im Gaza-Streifen gelebt und über das Leben dort einen Dokumentarfilm gedreht. Er hat Journalisten unterstützt, die sich vor Ort selbst ein Bild der Lage machen wollten, und er half, Medikamente nach Gaza zu bringen. Bei der Demonstration am vergangenen Freitag forderte er, dass die ägyptische Regierung den Grenzübergang Rafah zum Gaza-Streifen öffnet - offene Kritik an der Nahost-Politik Ägyptens.

Offiziell gab es keine Anklage und keine Vorwürfe gegen Rizk. Doch mehreren Berichten zufolge bestätigten ägyptische Sicherheitskreise inoffiziell, dass Rizk wegen seines politischen Engagements festgehalten wurde. Die Nachrichtenagentur AFP beruft sich auf ägyptische Behörden; die "New York Times" zitiert einen General aus dem Innenministerium, der nicht namentlich genannt werden möchte: "Es geschah alles im Rahmen des ägyptischen Rechts. Wenden Sie sich an das Büro des Generalstaatsanwalts."

Das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte ist nicht ungewöhnlich. Wer sich politisch engagiert in Ägypten und Kritik äußert, lebt gefährlich. Seit 1981 herrscht der Ausnahmezustand. Das erlaubt es der Regierung von Präsident Husni Mubarak und dem Sicherheitsapparat, Verdächtige jederzeit und ohne konkrete Anschuldigung festzunehmen. Menschenrechtsorganisationen schätzen die Zahl der politischen Gefangenen auf etwa 10.000.

Aus Sicherheitskreisen in Kairo verlautete am Dienstag, außer Rizk sei in den vergangenen Tagen noch ein weiterer Blogger festgenommen worden, der im Internet Solidarität mit den Palästinensern eingefordert und die ägyptische Nahost-Politik kritisiert hatte. Er heiße Dia al-Din Gad und sei bereits am Freitag in seiner Wohnung in der Provinz Gharbija, nordwestlich von Kairo, festgenommen worden.

Nach Angaben der Familie Rizk hatte der Inlandsgeheimdienst SSI Philip festgenommen. Für Gefangene dieser Behörde ist die Gefahr, gefoltert zu werden, laut Amnesty International besonders hoch, wenn sie isoliert und an unbekannten Orten versteckt werden. Ob der Student Rizk gefoltert wurde, ist nicht bekannt. Die Familie will sich erst am Nachmittag äußern.

Schnell organisierte die Familie eine weltweite Kampagne

Nach der Festnahme sind die Rizks schnell zu Kommunikationsprofis geworden. Die Familie brachte eine eindrucksvolle Internet-Kampagne ins Rollen und mobilisierte weltweit Unterstützung. Seine 29-jährige Schwester wurde zur Pressesprecherin der Familie, verschickte Fotos ihres verschleppten Bruders und organisierte Demonstrationen. Die Facebook-Gruppe "Support and Prayer for the Safe Release of Philip Rizk" wuchs in wenigen Tagen auf 6500 Mitglieder. Über Twitter verbreitete sich von der Festnahme bis zur Freilassung jede Neuigkeit weltweit, Flickr-User bastelten Slideshows mit Bildern von Solidaritätskundgebungen. In Blogs und sozialen Netzwerken kursierten Aufrufe zu Online-Petitionen. Ebenso schnell verbreitet sich jetzt der Jubel.

Die internationale Aufregung im Netz überrascht nicht, wenn man den Lebenslauf von Philip Rizk kennt. Er ist eine Art globalisierter Aktivist: geboren auf Zypern, aufgewachsen in Kairo, wo er die deutsche Schule besuchte. Sein Vater, der einen kleinen Verlag betreibt, stammt aus Ägypten, seine Mutter aus Deutschland.

Um Philosophie zu studieren, ging Philip für ein Semester nach Freiburg und dann mit einem Stipendium in die USA, nach Wheaton. Jetzt schreibt er an seiner Master-Arbeit an der amerikanischen Universität in Kairo, auch darin beschäftigt er sich mit dem Gaza-Konflikt. Er spricht fließend Englisch, Arabisch und Deutsch.

Für Donnerstag, den 27. Geburtstag ihres Bruders, plant Jeannette Rizk Solidaritätskundgebungen in mehreren Großstädten, darunter Kairo und Berlin. Philip selbst bestehe nach seiner Freilassung darauf, dass alle Proteste wie geplant stattfinden, heißt es bei Facebook. Die Demonstrationen sollen allerdings umgewidmet werden: Da er jetzt nicht mehr hinter Gittern sitzt, soll es statt um seine Befreiung um Aufmerksamkeit für den Gaza-Streifen gehen.

Mit Material von Reuters, AP, dpa und AFP



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