Volkshochschulen Arabischkurse boomen

Die Flüchtlingskrise sorgt für ein wachsendes Interesse an der Sprache Arabisch. Entsprechende Kurse sind bei den Volkshochschulen stärker gefragt als je zuvor. Doch der Stoff hat es in sich.

Arabische Schriftzeichen: Kringel und Punkte
Corbis

Arabische Schriftzeichen: Kringel und Punkte

Von Sarah Kempf


Jenny Wolter starrt lange auf die gelben Kringel und Punkte an der Tafel. Sie runzelt die Stirn und versucht sich zu erinnern, wie die Wörter ausgesprochen werden. "Ich weiß schon wieder nicht, was der erste Buchstabe ist", sagt sie schließlich. Sie soll einen kurzen Dialog auf Arabisch vorlesen, Floskeln zur Begrüßung am Abend. Ihr Dozent Yousef Kouriyhe ist nachsichtig. Er lässt sie wiederholen, was ihre Sitznachbarin gerade vorgetragen hat. "Lies einfach noch mal die Begrüßung am Morgen."

Wolter ist eine von zwölf Teilnehmern am Anfängerkurs Arabisch an der Berliner Volkshochschule Charlottenburg-Wilmersdorf. Es ist Donnerstagabend und die vierte Kurssitzung. Drei Stunden lang schreiben die Teilnehmer fremde Schriftzeichen von der Tafel ab, fragen einander auf Arabisch nach dem Namen und Beruf und bilden den Plural von Nomen.

Zum Kurs hat Wolter ein grünes Federmäppchen mit bunten Finelinern mitgebracht. Klar sei es eine Herausforderung, Arabisch zu lernen, vor allem wegen des fremden Alphabets, sagt die Auszubildende. Sie sei aber zuversichtlich, schließlich habe sie es in Latein auch geschafft, den Ablativ zu lernen.

Interesse bei jungen Leuten und Akademikern

Sie sieht den Sprachkurs als eine Investition in die Zukunft. Um sie herum werde immer mehr Arabisch gesprochen. "Ich glaube, dass die Sprache jetzt und in Zukunft stärker gebraucht wird."

Vor allem junge Leute und Akademiker reagieren auf die steigende Anzahl der Menschen, die aus arabischen Ländern nach Deutschland flüchten, mit Neugier. Yousef Kouriyhe gibt seit zehn Jahren Arabischkurse an der VHS und lehrt Syrisch-Aramäisch an der FU Berlin. Es habe zwei Phasen gegeben, in denen die Nachfrage merklich gestiegen sei, sagt er. "Die erste Phase war nach den Anschlägen vom 11. September, da waren auch Kurse über den Islam sehr gefragt. Die zweite Phase hat mit dem Arabischen Frühling begonnen."

Einen besonders starken Schub gab es im vergangenen Jahr. Das Phänomen lässt sich nicht nur in Berlin beobachten. "Wir stellen fest, dass Arabischkurse stärker nachgefragt sind als je zuvor", sagt Dirk Wolk-Pöhlmann, Sprecher des Bundesarbeitskreises Sprachen des Deutschen Volkshochschul-Verbands (DVV). Das zeigten stichprobenartige Umfragen des DVV in mehreren Bundesländern. So hätten Anfang des Jahres 22 von 39 befragten Volkshochschulen in Niedersachsen eine steigende Nachfrage gemeldet, in Sachsen zehn von 17.

Arabisch gehört zwar seit Langem zum Grundkanon der Sprachkurse an Volkshochschulen, viele Einrichtungen müssen das Angebot jetzt aber ausweiten, besonders in Städten. Die Volkshochschulen in Dresden und Chemnitz etwa verdreifachten jüngst die Kursanzahl, in Passau werden im kommenden Semester erstmals mehr Arabisch- als Spanischkurse angeboten. Vielerorts gibt es Wartelisten, weil Lehrer fehlen.

Bis zu einem einfachen Gespräch dauert es rund ein Jahr

Für die Einsteigerkurse interessieren sich laut dem DVV insbesondere Menschen, die häufig Kontakt zu Flüchtlingen haben. Dazu gehörten Verwaltungsmitarbeiter, beispielsweise in Ausländerbehörden, und Helfer, die sich ehrenamtlich für Flüchtlinge engagierten. Zusätzlich zu den regulären Kursen bieten deshalb immer mehr Volkshochschulen Crashkurse an, in denen die Teilnehmer an einem Tag einfache Sätze zur Verständigung lernen.

Bis eine flüssige Unterhaltung klappt, dauert es länger. Jemand, der motiviert sei und täglich lerne, könne aber schon nach einem Jahr ein einfaches Gespräch auf Hocharabisch führen, sagt Kouriyhe. Wer länger dabei bleibe, könne sich in einem der verschiedenen Dialekte unterhalten, die in arabischen Ländern die Umgangssprache sind. Entscheidend dafür, ob die Lernenden am Ball beiben, sei das Gefühl, die Sprache anwenden zu können.

Das war auch für Judith Gärtner, 34, ausschlaggebend. Bereits zwei Versuche, Arabisch zu lernen, hat sie in der Vergangenheit unternommen. Sie ist selbstständige Gestalterin und besuchte als Studentin mit einer Gruppe einen Workshop in Kairo. "Die Leute haben sich gefreut, wenn sie gemerkt haben, dass man ein bisschen Arabisch kann. Auch wenn es nur einzelne Wörter waren wie 'Hallo' oder 'Brot'."

Zurück in Deutschland, verlor sie zunächst das Interesse an der Sprache. Jahre später versuchte sie es noch einmal mit einem Kurs an der VHS, weil der Klang der Sprache sie faszinierte. Der Einsteigerkurs wurde aber nicht fortgesetzt. Jetzt macht sie einen dritten Anlauf und besucht einen Anfängerkurs in Neukölln. "Man hört immer öfter Arabisch und ich freue mich, wenn ich mal was aufschnappe, das ich verstehe."



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