Student muss Masterarbeit umschreiben "VW hat ein gutes Image"? Äh, ja...

BWL-Student Jonas Deitenbeck, 28, hatte gerade seine Masterarbeit geschrieben, als seine These von den Nachrichten überholt wurde. Sein Thema: Volkswagen auf dem US-Markt. Und jetzt?

Sitzt nun wegen des VW-Skandals noch etwas länger in der Hochschulbibliothek Mittweida: BWL-Student Jonas Deitenbeck
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Sitzt nun wegen des VW-Skandals noch etwas länger in der Hochschulbibliothek Mittweida: BWL-Student Jonas Deitenbeck

Aufgezeichnet von Daniel Kastner


"Eigentlich wollte ich meine Masterarbeit in wenigen Wochen abgeben - es fehlten nur noch ein letztes Kapitel, das Fazit und der Ausblick. Jetzt muss ich sie wahrscheinlich komplett überarbeiten. Das fängt schon im Vorspann an: 'Volkswagen hat in der Bevölkerung ein gutes Image', habe ich da geschrieben.

Ich hatte schon vor Monaten von Audi-Motoren gehört, die erkennen, ob das Auto auf einem Prüfstand steht oder auf der Straße - genau wie jetzt bei VW. Das ist aber im Sande verlaufen. Die ersten Meldungen über das Strafverfahren der US-Umweltbehörde gegen Volkswagen wegen manipulierter Abgaswerte habe ich deshalb gar nicht so ernst genommen. Da muss ich höchstens einen Halbsatz ändern, dachte ich.

Dann stürzte der VW-Börsenkurs ab, Vorstandschef Martin Winterkorn wackelte, und mir schwante schon Böses. Hauptsache, er tritt nicht zurück, habe ich noch zu meinem Vater gesagt. Am Mittwoch war ich noch auf der IAA, Sigmar Gabriel verbreitete gute Laune und Winterkorn eine Videobotschaft, in der er weiter um Vertrauen für seine Arbeit warb. Da war ich erleichtert.

Aber kaum war ich wieder zu Hause, las ich, dass er nun doch zurücktritt. Spätestens da war mir klar: So kann ich die Arbeit nicht abgeben.

"Winterkorn hat den Machtkampf gegen Piëch gewonnen"

Der Machtkampf zwischen Winterkorn und Ferdinand Piëch im April war mein Aufhänger gewesen. Noch so ein Satz aus der Masterarbeit: 'Winterkorn hat den Machtkampf gegen Piëch gewonnen.' Jetzt stimmt eher das Gegenteil: Der neue Vorstandschef Matthias Müller war ja damals sogar Piëchs Wunschkandidat.

In dem Streit ging es auch um das US-Geschäft. Ich habe die Absatzzahlen analysiert und festgestellt: Auch ohne den jetzigen Skandal steht VW nicht gut da. 800.000 Autos wollte Winterkorn ab 2018 jährlich in den USA verkaufen, 2014 waren es nicht mal halb so viele: knapp 367.000.

VW müsste die Zahl der Händler verdoppeln und auch doppelt so viele Modelle verkaufen wie bisher. Das wollte ich eigentlich im Fazit meiner Arbeit empfehlen. Jetzt müsste ich zu einer Qualitäts- und Vertrauensoffensive raten.

Nächste Woche treffe ich den Dozenten, der meine Arbeit betreut. Er ist sehr darauf bedacht, dass aktuelle Entwicklungen vorkommen. Ich werde sicher mindestens noch ein Zusatzkapitel über Dieselfahrzeuge schreiben müssen. Mal sehen, wie ich das einbaue.

Für die Zeit nach dem Studium habe ich mich auf mehrere Trainee-Stellen beworben. Auch bei VW, im Controlling. Zugesagt haben sie noch nicht."

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anchises 25.09.2015
1. Ist heute Kindertag bei SPON?
Erst der "Artikel" über 15 Jahre ohne Fernseher und nun das? Die ultimative Lobhudelei auf VW, als Masterarbeit getarnt die auf Grund aktueller Geschehnisse nur als Klopapier taugt? Ein solches Schriftstück sollte m. E. nach eine wesentlich längere Halbwertszeit haben.
UhlmannX 25.09.2015
2.
Eine Masterarbeit über ein 200 Mrd. Euro Unternehmen nach Zeitungsmeldungen zu schreiben ist sehr kurzfristig bewertet. Toyota gibt es immer noch, trotz Fußmattenprobleme vor ein paar Jahren.
Baikal 25.09.2015
3. Tja, BWL
deren Erkenntnisse waren eben schon immer so wichtig wie der sagenhafte Reissack in China (der ja in Wirklichkeit gar nicht umgefallen ist, sondern allein der Betrachter)
Dr. Kilad 25.09.2015
4. Na ja,
dass kann man (leider) auch so interpretieren, dass die bisherige Masterarbeit sich zu wenig mit kritischen Hintergründen auseinandersetzte.
kenterziege 25.09.2015
5. Eine Masterarbeit soll eine wissenschaftliche Arbeit sein..
...und sich auf keinen Fall mit der Tagesaktuallität befassen, da besteht immer die Gefahr, dass ein paar Wochen nach Abgabe das ganze Papier nur noch zu Makulatur verarbeitet werden kann. Auch ohne dass ich eine Masterarbeit ( ich bin noch ein alter Diplomer mit dem richtigen Ing. davor) geschrieben habe, kenne ich den US-Automarkt relativ gut. 10 Besuch allein beim Jahreskongress des NADA ( National Automitive Dealerassociation). Das gute VW-Image ist von ganz früher, als der Käfer dort eine ähnliche Rolle alternative Rolle spielte, wie hier der Käfer. Das gilt auch für die Ex-Hippies aus Californen mit den alten VW-Bussen. Die Freihandleszone mit Mexico hatte dazu geführt, das in Puebla(Mexico) gefertigte Autos auf den US-Markt kamen. Insbesondere der New Beatle. Die Qulität war lausig und weit davon entfernt, was man sich unter Made in Germany in den USA vorstellte. Der Markt ist nicht umsonst, trotz Fabrikation in Chattanoga (Ten.) abgesackt. Was die US-Amerikaner über VW denken, kann man an den lausigen Marktanteilen und an der tiefgestaffelten und ausführliche Kundenbefragung von J.D. Power ablesen. Dazu kommt dann die Tatsache, dass VW für die ganzen Leute, die in der Weite des Landes leben, keine "richtigen" Pick-Up's liefert. Der angebliche so wichtige Kraftstoffverbrauch ist völlig unwichtig. "We sit on oil" sagte schon vor Jahren der CEO von GM, Smith, auf einem NADA-Kongress!
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