Vorlesung bei Vicco von Bülow Loriot und die Kunst, eine Kartoffel fallen zu lassen

Im Alter von 80 Jahren hat Vicco von Bülow die akademische Laufbahn eingeschlagen. An der Universität der Künste in Berlin bringt der Honorarprofessor seinen Studenten nun bei, dass Komik von Natur aus kalt sei und wie man sich beim Aufprall auf fremde Himmelskörper zu verhalten habe. Das Thema der ersten Vorlesung: Loriot.

Von Dominik Baur


"Irren und Wirren": In seiner ersten Vorlesung beschäftigte sich Vicco von Bülow mit einer "unordentlichen Biographie"
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"Irren und Wirren": In seiner ersten Vorlesung beschäftigte sich Vicco von Bülow mit einer "unordentlichen Biographie"

Was gibt es Schlimmeres im Stundenplan eines Studenten als eine Vorlesung am Freitagabend um 20 Uhr? Der Durchschnittsangehörige dieser durchaus wiss- aber auch trinkbegierigen Spezies vermag sich hier kaum etwas vorzustellen. Gesteigert wird das Leid allenfalls, hat man die Lehrveranstaltung auch noch bei einem jener Professoren, die das Wort "Vorlesung" wörtlich nehmen und jedes Wort vom Blatt ablesen.

Mit einer solchen Vorlesung hatten es die Studenten am Freitagabend an der Universität der Künste (UdK) in Berlin zu tun. Ein neuer Professor nahm dort seine Lehrtätigkeit auf. Aber irgendwas stimmte hier nicht: Hunderte standen Schlange, am Eingang gab es Sekt und Rotwein, und für die Vorlesung benötigte man eine Eintrittskarte. Wenn sich Professor h.c. von Bülow die Ehre gibt und seine Antrittsvorlesung hält, sind die Regeln des gewöhnlichen Universitätsbetriebs eben außer Kraft gesetzt.

In einem Moment der Wehrlosigkeit, so Bernhard Victor Christoph Carl von Bülow, besser bekannt als Vicco von Bülow, noch besser bekannt als Loriot, habe ihn die UdK überrascht, als sie ihm im vergangenen Jahr die Honorarprofessur andiente. Man habe wohl einen Herumstreuner wieder zu sinnvoller Tätigkeit anleiten wollen.

Wichtigstes Werkzeug: Die Sprache

Und man war erfolgreich mit dem Ansinnen. Nun lehrt der Mann, dem es eigener Aussage zufolge in 80 Jahren nicht geglückt ist, sich "dauerhaft auf eine Tätigkeit zu konzentrieren, die man als Beruf bezeichnet", als Honorarprofessor an der Fakultät Darstellende Kunst im Fach Schauspiel.

Zwei von Loriots bekanntesten Geschöpfen - Herr Müller-Lüdenscheid und Dr. Klöbner: "Lassen Sie sofort die Ente zu Wasser."
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Zwei von Loriots bekanntesten Geschöpfen - Herr Müller-Lüdenscheid und Dr. Klöbner: "Lassen Sie sofort die Ente zu Wasser."

Begonnen hat von Bülow seine Lehrtätigkeit schon am Montag vergangener Woche. Dreieinhalb Stunden lang übte der neue Dozent in einem Seminar mit dem Berliner Schauspielnachwuchs, komisch zu sein. Er versuchte den Studenten die Kunst des Versprechers zu vermitteln. Oder die Kunst, eine Kartoffel in einer Gesellschaft fallen zu lassen, ohne dass es jemand merke, aber es alle merken.

"Das wirksamste, aber auch empfindlichste Werkzeug des Schauspielers ist die Sprache", erklärte Vicco von Bülow seinen Zuhörern. "Ernst, Deutlichkeit, Timing und Betonung entscheiden über die Glaubwürdigkeit auch des unsinnigsten Textes." Aber nicht nur beim Nachwuchs stößt der Honorarprofessor auf lernwillige Schüler. Bereits beim ersten Seminar im kleinen Kreise waren, wie Dekan Andreas Wirth zugab, neben 40 Studenten mindestens ebenso viele Dozenten anwesend.

"Wie konnte das passieren?"

In der Vorlesung nun ging es weniger um Technik. Die Biographie eines der größten deutschen Humoristen hatte sich von Bülow vorgenommen - die Loriots. Ein Sujet, mit dem sich der Dozent schon seit Jahren beschäftigt zu haben schien. Titel der Veranstaltung: "Irren und Wirren. Eine unordentliche Biographie."

Loriot also. Was hat Vicco von Bülow über jenen bunten Vogel zu sagen, der seit jeher das Wappen der von Bülows ziert, auf französisch Loriot heißt und so zum Künstlernamen avancierte, kurz: über sich selbst? Einen "Blick über die 80 Jahre eines Amateurs" versprach der Dozent zu werfen und die Frage zu beantworten: "Wie konnte das passieren?"

Ja, wie eigentlich? Zum Abheften im studentischen Leitz-Ordner hier also noch einmal ganz nüchtern die wichtigsten Stationen im Werdegang Loriots:

  • Erste Berührung mit dem Poetischen ("Wenn sich mein Vater, wie damals üblich, auf einer dieser Veranstaltungen anschickte, eine Ballade von Münchhausen, Fontane oder Goethe vorzutragen, verfielen mein Bruder und ich in eine Art Verlegenheitsstarre.")
  • Einstimmung auf die Musik ("Trotzdem wehrte ich mich mit ungezogener Deutlichkeit gegen das Angebot, Klavierspielen zu lernen. Einfacher und sicherer erschien mir das Grammophon.")
  • Berufliche Desorientierung ("Ich begann eine steuerpflichtige Tätigkeit als Holzfäller in den Waldungen Niedersachsens. Dort wäre ich wohl noch heute am Werk, wenn mich mein Vater nicht unter Hinweis auf ein gewisses zeichnerisches Talent zu einem Studium der Malerei überredet hätte.")
  • Zeichenunterricht ("Weniger kompliziert war das Aktmodell im Zeichensaal der Schule, eine vollschlanke Blondine, die in einer Arbeitspause unter Beibehalt ihrer Berufskleidung das drei Stockwerke tiefer gelegene Lohnbüro aufsuchte.")
  • Arbeit als Cartoonist für den "Stern" ("Ich war 25 und empfand als Student des letzten Semesters dieses Ansinnen als Beschädigung der künstlerischen Würde - bis die Dame hinzufügte, es werde pro Zeichnung ein Betrag von 20 Mark angewiesen.")
  • Arbeit fürs Fernsehen und die erste Begegnung mit Evelyn Hamann ("Als weibliche Hauptrolle schwebte mir vor eine mittelgroße, etwas füllige 50-Jährige, dauergewellte, blonde, deutsche Hausfrau. Beim ersten Treffen erschien eine große, dünne 30-jährige Wilde, mit ungebändigtem brünetten Haarwuchs. Die Frage, ob sie bis zu den Dreharbeiten 15 Kilo zunehmen könne, beantwortete sie ausweichend. Auch an der Größe ließ sich nichts ändern.")
  • und schließlich die späte Berufung zum Filmemacher ("Wenn ein Jungfilmer im Rentenalter, also über 65 ist, sollte er Buch, Hauptrolle und Regie übernehmen, um zeitraubende Diskussionen während der Dreharbeiten zu vermeiden.")

Einen Tisch, einen Stuhl, ein Glas Wasser und das Werkzeug der Sprache - mehr benötigte von Bülow nicht, um den Studenten auch in der Vorlesung zu zeigen, was Komik ist. Videoeinspielungen waren da reine Zugabe. Nicht der Inhalt, die Darbietung war es, die den Blick über Loriots Leben zu einem akademischen Erlebnis der unvergesslichen Art werden ließ.

Als schlechtes Beispiel tröstlich sein

Und was hat der Student, der angehende Schauspieler davon? Er habe kaum Hoffnung, seine holprige Biographie könnte auch - oder gerade - als schlechtes Beispiel das Interesse der Studenten finden, "ihnen womöglich nützlich oder tröstlich sein", behauptete der frisch gekürte Professor in der ihm eigenen Bescheidenheit.

"Die Frage, ob sie bis zu den Dreharbeiten 15 Kilo zunehmen könne, beantwortete sie ausweichend": Loriot mit TV-Partnerin Evelyn Hamann
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"Die Frage, ob sie bis zu den Dreharbeiten 15 Kilo zunehmen könne, beantwortete sie ausweichend": Loriot mit TV-Partnerin Evelyn Hamann

Ist das alles, was Vicco von Bülow seinen Schülern mitzuteilen hat? Loriot, der so viele Ratschläge für seine Mitmenschen parat hat; dessen Bücher nicht umsonst "Wie wird man reich, schlank und prominent?", "Die perfekte Hausfrau" oder "Unentbehrlicher Ratgeber für das Benehmen in feiner Gesellschaft" heißen; der sein Publikum selbst das korrekte Zubereiten eines Bauernomeletts ("Ein bis zwei zarte Landwirte werden durch ein feines Sieb gestrichen...") lehrt?

Nein, natürlich nicht. Auch Professor von Bülow unterließ es nicht, seinen Studenten den einen oder anderen hilfreichen Rat mit auf den Weg zu geben. Etwa: "Ein stets abrufbarer Vorrat poetischer Selbstgespräche erleichtert das Ertragen irdischer Katastrophen, Überschwemmungen etwa, Erdbeben, den Aufprall auf fremde Himmelskörper und Ähnliches." Auch eine der Einsichten, die als Quintessenz seines Lebenswerks betrachtet werden kann und das Leben für den darin Ungeübten immerhin leichter zu verstehen macht, trichterte der Dozent seinen Schülern ein: "Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen."

"Humor ist keine Arbeitsgrundlage für Komik"

Aber komisch sein? Kann man angehende Schauspieler lehren, komisch zu sein? Warum oder unter welchen Umständen ist es komisch, wenn ein Mann bei einer Liebeserklärung eine Nudel im Gesicht hat? Die Erkenntnisse, die Professor von Bülow seinen Studenten zu vermitteln sucht, waren ernüchternd: Wirkliche Komik könne ohne Ernst nicht funktionieren, erklärte der gebürtige Preuße. "Komik ist von Natur aus kalt. Sie entsteht entweder unfreiwillig oder als Konstruktion im Kopf. Die Herstellung dieses leider immer populärer werdenden Stilmittels ist ein zäher, widerborstiger Prozess und oft gar nicht komisch." Humor sei zwar nicht schlecht dafür, man sollte ihn haben. "Aber er ist keine exakte Arbeitsgrundlage für Komik."

Und falls sich einigen der angehenden Schauspieler der Weg zum Humorschaffenden trotz des Unterrichts bei Loriot dann doch nicht öffnen sollte, bleibt ihnen immerhin das UdK-Zeugnis: Da haben sie was in der Hand, da haben sie was Eigenes, da haben sie ihr Schauspieldiplom.



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