Vorlesungsübersetzer "Very very, very many possible word follow"

In einer Vorlesung sitzen und alles verstehen? Das wünscht sich sicher jeder ausländische Student in Deutschland. In Karlsruhe haben Wissenschaftler nun ein Programm in Betrieb genommen, das in Echtzeit übersetzt, was der Dozent erzählt.

Studentin Yanglingzi Wang am KIT: Mindestens 80 Prozent verstanden
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Studentin Yanglingzi Wang am KIT: Mindestens 80 Prozent verstanden


Vier Fälle. Drei Genera. Und dann auch noch die ganzen Konjugationen. Deutsch stellt ausländische Studenten meist vor Probleme. Doch am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) müssen die Studenten, die aus anderen Ländern nach Baden-Württemberg kommen, nicht mehr ganz so viele Herausforderungen meistern. An der Hochschule gibt es den "Lecture Translator", ein Programm, das die Vorlesungen der Dozenten in Echtzeit ins Englische, Spanische oder Französische übersetzt.

Die Vorlesungen werden aufgezeichnet und als Text in einer Cloud gespeichert. Die Studenten können den Text dann auf ihrem Laptop, Tablet oder Handy lesen. Vor mehr als zwei Jahren stellten die Wissenschaftler um Professor Alex Waibel das Programm vor. Inzwischen ist es aus der Probephase heraus und in den Regelbetrieb übernommen worden. An anderen Unis gibt es den Translator zwar noch nicht. Aber die Universität Kassel hat bereits Interesse signalisiert und will das Programm nun erproben.

Nicht alle Dozenten wollen sich beteiligen

In Karlsruhe wurden in den vergangenen zwei Semestern rund 305 Stunden Vorlesungen aus drei Hörsälen übersetzt und auch in der Cloud archiviert. Das entspricht aber nur fünf bis zehn Prozent der Vorlesungen, die täglich am KIT gehalten werden.

Zwei Drittel der lehrenden Dozenten beteiligen sich an dem Projekt. Es gibt aber auch Lehrende, die ihre Vorlesungen nicht übersetzen lassen wollen. "Sie haben eventuell Angst, Fehler zu machen, die dann für immer in der Cloud sind, oder wollen nicht, dass jeder Scherz am Rande mit aufgezeichnet wird", sagt Sebastian Stüker, der unter der Leitung von Waibel an den Verbesserungen des Übersetzers arbeitet.

Konkurrenzprodukte für den Vorlesungsübersetzer gibt es keine. "Der Google Translator etwa ist dem Lecture Translator weit unterlegen", sagt Stüker. Denn das KIT-Produkt lernt kontinuierlich dazu, ist genau auf die Dozenten eingestellt und passt sich deren Sprachduktus und Ausdrucksweise an.

Je besser das Programm, umso mehr ausländische Studenten können am KIT studieren: "Wegen der Sprachschwelle bekommen wir viele ausländische Studenten nicht hierher - und dann gewinnt immer der angelsächsische Raum", sagt Waibel.

Auch für Online-Kurse soll das Programm nützlich sein

Bislang kommen rund 18 Prozent der rund 25.000 Studenten am KIT aus dem Ausland. Die Chinesin Yanglingzi Wang studiert seit fünf Jahren Wirtschaftswissenschaften am KIT. Sie hat das Programm getestet. "Wer kein Deutsch kann, versteht damit mindestens 80 Prozent der Vorlesung", sagt sie. Ein Satz wie "Das sind sehr, sehr, sehr viele mögliche Wortfolgen" wird übersetzt mit "These are very, very, very many possible word follow". Die Übersetzung von "Wenn ich das nicht geschickt mache..." heißt "If I say that not sent do..."

Die Wissenschaftler wollen auch ein Archiv aller jemals gehaltenen Vorlesungen aufbauen, in dem Studenten gezielt nach Inhalten suchen und sie bearbeiten können.

Für die Uni der Zukunft birgt der Übersetzer großes Potenzial: So soll er etwa in sogenannten Massive Open Online Courses, kurz Moocs, gute Dienste leisten. Moocs verlagern den Hörsaal in die virtuelle Welt - sehr viele Studenten können damit via Internet zu einem bestimmten Thema lernen. Auch das KIT hat Moocs bereits im Angebot und sitzt mit vier Partnern aus den USA und Asien gerade an einem neuen Projekt dazu: Unter dem Namen "Clics" werden drei internationale Moocs zu Spracherkennung, Maschineller Übersetzung und Robotik entwickelt. Automatische Übersetzung inklusive.

Anika von Greve-Dierfeld/dpa/kha



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insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
opinion13 22.03.2015
1. The Circle is closing...
alle jemals gehaltenen Vorlesungen in der cloud gespeichert, toll. Ich verstehe die Profs, die da nicht mitmachen. Wer keine Menschen als Lehrer will, die spontan agieren und reagieren, vom Skript abweichen und lebendigen Kontakt mit den Studenten knüpft, kann ein Buch lesen oder mit Software lernen. Klares NEIN zur Totalspeicherung des Lebens. Es wäre nicht mehr lebenswert.
schaeubble 22.03.2015
2. Oder die Vorlesung auf Englisch
Was ein Irrweg. Die Sprachbarriere - speziell bei den Deutschen Studenten - baut man am besten ab indem jede Vorlesung auf englisch gehalten wird. Da braucht man keine teuren Spionage Gadgets und weniger Fehler sollten auch drin sein.
großwolke 22.03.2015
3.
Was mich an dem Thema wundert: wieso sind wir so scharf drauf, es all den ausländischen Studenten so leicht zu machen? Macht man ein Auslandsstudium (auch als Deutscher) nicht auch und gerade deshalb, weil man Sprache und Gebräuche des Gastlandes draufkriegen will? Obendrauf noch ketzerisch gefragt: Warum stehen wir eigentlich mit anderen Ländern im "Wettbewerb" um Studenten? Haben wir nicht genug Füllmasse für die Unis? Darüberhinaus: An den meisten Unis und sicher auch am KIT gibt es englischsprachige Studiengänge speziell für ausländische Gaststudenten. Für diejenigen, die nur für die ein, zwei Auslandssemester da sind, sollte das ausreichen.
1zmir 22.03.2015
4.
Zitat von opinion13alle jemals gehaltenen Vorlesungen in der cloud gespeichert, toll. Ich verstehe die Profs, die da nicht mitmachen. Wer keine Menschen als Lehrer will, die spontan agieren und reagieren, vom Skript abweichen und lebendigen Kontakt mit den Studenten knüpft, kann ein Buch lesen oder mit Software lernen. Klares NEIN zur Totalspeicherung des Lebens. Es wäre nicht mehr lebenswert.
War auch mein Gedanke beim lesen. Ich glaube auch kaum, dass es irgendeinen Dozenten gibt, der sich entweder für immer an die einmal gelesene Vorlesung halten möchte oder jedes mal die Aufnahmen aktualisieren (lassen) möchte. Was an der "Software" so toll sein soll verbirgt sich zudem- handelt es sich anscheinend doch einfach nur um übersetzte Tonaufnahmen vorgesprochener Vorlesungen, verpackt in eine Art Mediathek. Daher ist der Begriff "Echtzeit" hier äußerst deplatziert liebe SPON-Redaktion. Würde das Programm in Echtzeit übersetzen können, hieße das, dass zufällig Gesprochenes durch das Programm analysiert (=welches Wort wurde gesprochen), interpretiert (= welcher Kontext ist vorhanden) und anschließend in Echtzeit übersetzt werden würde.
welanduz 22.03.2015
5. sehe ich kritisch
Nettes Gadged, was aber eventuell nur dazu führt, dass die Studenten noch langsamer Deutsch lernen. Es soll ja auch irgendwie das Ziel sein, die Sprache zu lernen und Kultur zu begreifen. Ansonsten kann man auch gleich zu hause bleiben. Andererseits kann es am Anfang den Einsteig erleichtern. Es kommt vermutlich darauf an, wie es genutzt wird und wie die Studenten von der Uni begleitet werden.
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