Wahlsimulanten Wie Stoiber doch noch Kanzler wird

Per Computersimulation spielen junge Politprofis den ganzen Wahlkampf parteiübergreifend durch. Die heiße Sechs-Wochen-Phase schrumpft auf sechs Stunden, jeder Tag auf ein paar Minuten. Bei "Kanzler forever" gibt es Pannen, Tricks und ein überraschendes Comeback.

Von Alexander Ross


Die Kanzlermacher: Große Koalition junger Politprofis

Die Kanzlermacher: Große Koalition junger Politprofis

Es ist Mittag, die Ventilatoren brummen auf Hochtouren, 14 Nachwuchspolitiker und Studenten biegen auf die Zielgerade des Wahlkampfs ein. Doch sie sitzen nicht in einer der Parteizentralen, sondern im Konferenzraum des Deutschen Instituts für Public Affairs (DIPA) in Berlin-Mitte an einer neuen Wahlkampfsimulation: dem Polit-Planspiel "Kanzler forever".

Das Seminar ist eine große Koalition der Politik-Weiterbildung, das Spektrum geht von SPD bis CSU, und manche kommen sogar aus den Teams von Polit-Promis wie Angela Merkel. Alle haben sich zuvor mit Programmbedienung und Spielablauf beschäftigt, denn im Planspiel wird die heiße Phase des Wahlkampfs von sechs realen Wochen auf rund sechs Stunden extrem komprimiert. Jeder Wahlkampftag dauert sechs Minuten. Und je näher der Wahltermin rückt, umso kürzer wird die Zeit für Denken, Entscheiden und Handeln: Am Ende hat der Tag nur noch zwei Minuten für Entscheidungen bis zum Wahltag.

Der vorgezogene Wahltermin machte auch DIPA-Direktor Marco Althaus zu schaffen: "Das Spiel musste vom US-Vorbild für das deutsche Wahlsystem programmiert und mit allen aktuellen Daten gefüttert werden." Dennoch ist "Kanzler forever" keine Prognose-Programm, sondern ein komplexe Simulation - wie die Wahl ausgeht, entscheiden die Züge der Spieler. Und die erleben ihre erste Überraschung schon bei der Einteilung: Beide Gruppen werden zufällig gebildet, ohne Ansehen von Mitgliedschaft oder politischer Vorliebe. Plötzlich haben CDU-Parteigänger die Aufgabe, dem amtierenden Kanzler die Wiederwahl zu sichern.

Schockierendes Koalitionsangebot

Der Politiknachwuchs nimmt die Herausforderung an: "Der Wille zu gewinnen war bei allen schnell stärker als die Farbe des Parteibuchs", sagt Robert Ströhle, 23. Der Politikstudent aus Frankfurt am Main arbeitet für ein Mitglied des grünen Bundesvorstands. Im Planspiel ziehen daher selbst hartgesottene CDU-Anhänger alle Register für die SPD, unterbreiten Lafontaine und Gysi sogar ein Koalitionsangebot - und schockieren die SPD-Mitglieder im virtuellen CDU-Team: "Das könnt ihr doch nicht machen." Initiator Althaus kommentiert trocken: "Kanzler forever" sei ein politisches "Wargame" - "da ist alles möglich".

"Kanzler forever": Totales Chaos managen

"Kanzler forever": Totales Chaos managen

Jede Partei kann bei "Kanzler Forever" mit echten Spielern besetzt werden, aber diesmal übernahm der Computer die rivalisierenden Parteien. Der PC wird zum überraschend harten Gegner, denn die Simulation plant mit realen Daten nicht nur auf Bundes- oder Landesebene den Wahlkampf, sondern bis hinunter auf die 299 einzelnen Wahlkreise - mit echten Kandidatennamen, Umfragewerten und Budgets.

Alles muss gemanagt werden: Personal, Anzeigenkampagnen, Auftrittstouren durch die Republik, Umfragen und Analysen, Spin-Doctoring mit vertraulichen Infos aus der Zentrale des Gegners. Es wird wacker von der Grundsatzrede zur nächsten Talkshow gehetzt. Doch wer seine Kandidaten im Programm überfordert, riskiert den Müntefering-Effekt mit Kollaps oder Schlagzeilen wie "Peinliche Aussetzer bei Rede in Chemnitz" nach einem Blackout vor der Kamera.

Kleine Pannen, große Wirkung

Auch andere Pannen bleiben nicht aus. Reden werden nicht fertig, Plakate erst am Tag nach dem Auftritt geklebt. Für Marco Althaus gehört das dazu: "Am Anfang denken die Teilnehmer noch, sie führen einen Wahlkampf nach bestimmten Regeln. Irgendwann stellen sie fest: Sie managen ein totales Chaos - und sich selbst." Denn ein Ziel des Planspiels ist es, schnelle Entscheidungen zu treffen trotz Unsicherheit, Druck von allen Seiten und Informationsüberflutung. "Die wirklichen Lerneffekte geschehen aber in den Teams, nicht am Computer", sagt Althaus. "Man lernt hautnah den schmalen Unterschied zwischen Gewinnen und Verlieren."

DIPA-Leiter Althaus: "Politisches Wargame""

DIPA-Leiter Althaus: "Politisches Wargame""

Auch für Nadine Melisz, 26, ist die Simulation realistisch, denn die Diplom-Politologin arbeitete 2002 bei der SPD-Kampa mit und weiß: "Kleine Ursachen haben mitunter große Wirkung, was man nicht vorher erkennt." Dennoch fordern manche Ereignisse im Spielverlauf den Widerspruch der jungen Polit-Campagneros heraus: "Wenn Gerhard Schröder die CSU in München mit Sozialthemen schlägt, mag das ja noch angehen", so ein Teilnehmer, "aber dass Gregor Gysi auf die Koalition verzichtet - niemals!"

Nach sieben Stunden ist es geschafft: Für "Kanzler forever" ist es Sonntag, 18 Uhr, der Wahlkampf ist gelaufen. Die Linkspartei holt ganz Brandenburg, die SPD die Nordländer - und doch haben beide nicht die Macht, denn die CDU gewinnt die Wahl.

Größte Schmach für den virtuellen Gerhard Schröder: Deutschlands nächster Kanzler heißt Edmund Stoiber. Denn mit dem "Kandidaten-Editor" wechselte das CDU-Team in einer mutigen Aktion bereits zu Spielbeginn kurzerhand die Führung aus - und setzte sich trotz oder wegen der Blitzentscheidung contra Merkel im Spielverlauf mit einem Wahlergebnis von 41 Prozent durch.

Richtigen Wahlkämpfern ist es eben egal, wer unter ihnen gewinnt.



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