Familie Warum Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen

Manche Menschen wollen ihre Eltern nie wieder sehen, meist aus guten Gründen. Therapeutin Sandra Konrad erklärt, wie es dazu kommt - und warum die Sehnsucht nach einer heilen Familie häufig trotzdem nicht aufhört.

Junge Frau (Symbolbild)
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Ein Interview von


Weihnachten ist die Zeit, heißt es, in der man sich auf die Familie besinnen möge. Aber was, wenn man nichts mehr mit seinen Eltern zu tun haben will?

Die Autorin Charlotte Roche kennt die Situation: "Es war sehr, sehr schmerzhaft, sich von lebenden Eltern zu trennen", sagte Roche Ende November in einem Interview über den Kontaktabbruch zu ihren Eltern. Diese wären in ihrer Kindheit nicht gut für sie gewesen.

Damit sprach Roche über ein "absolutes Tabuthema", sagt die Hamburger Familientherapeutin Sandra Konrad. "Viele Menschen, die den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen haben, reden nur ungern darüber. Ein schlechtes oder gar kein Verhältnis zu den Eltern zu haben ist oft schambesetzt."

Doch spätestens an Weihnachten kommen diese Momente, in denen man sich vielleicht doch erklären muss. Wenn die Kollegen oder Nachbarn wissen wollen, wann es denn in die Heimat geht, zu den Eltern. Sandra Konrad erklärt im Interview, wieso erwachsene Kinder den Kontakt zu Mutter oder Vater abbrechen, wie es ihnen damit geht - und wie sie als Therapeutin vorgeht, um ihnen zu helfen.

Zur Person
  • Kirsten Nijhof
    Sandra Konrad, Jahrgang 1975, ist Diplom-Psychologin und Sachbuchautorin. Sie arbeitet als Einzel-, Paar- und Familientherapeutin in Hamburg. Wie stark die Familie uns über Generationen hinweg beeinflusst, beschreibt sie in ihrem Buch "Das bleibt in der Familie - Von Liebe, Loyalität und uralten Lasten".

SPIEGEL ONLINE: Frau Konrad, wie kommt es dazu, dass erwachsene Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen?

Sandra Konrad: Konflikte gibt es in jeder Familie und viele ziehen sich nach einem Streit erst einmal voneinander zurück. Ein vollständiger Kontaktabbruch ist eine andere Dimension. Er ist oft auf eine tiefere Wunde zurückzuführen, zum Beispiel darauf, dass Kinder sich schon früh und lange nicht gesehen, gehört oder geliebt fühlten. Ein Streit kann dann der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt, während das eigentliche Problem ein ganz anderes ist - zum Beispiel physische oder psychische Gewalt.

SPIEGEL ONLINE: Ist ein Kontaktabbruch in solchen Fällen der richtige Weg?

Konrad: Für manche ist es für eine Zeit lang oder sogar für immer der einzige Weg, um weiterleben zu können. Das ist in Familien so, in denen die Eltern dauerhaft toxisch sind, zum Beispiel, weil sie gewalttätig waren oder sind. Zu den Eltern solcher Familien kann der Kontakt krank machen, im Kindes- und Erwachsenenalter. Dann ist es besser, sich selbst und auch nachfolgende Generationen, die eigenen Kinder, vor diesen zerstörerischen Eltern zu schützen. Aber egal, warum Menschen ihre Eltern nie wieder sehen und sprechen wollen: Man kann ans andere Ende der Welt ziehen, trotzdem wird man es nie schaffen, die Familie hinter sich zu lassen.

SPIEGEL ONLINE: Wie schnell fällt jemand die Entscheidung, den Kontakt zu seinen Eltern abzubrechen?

Konrad: Niemand wacht morgens auf und denkt: "Oh, ich möchte meine Eltern nicht mehr!" Das ist ein langer, schmerzhafter Prozess, der immer wieder von der Hoffnung geprägt ist, dass die Eltern vielleicht doch noch die werden, die man schon immer gebraucht hat. Neben den Kontaktabbrechern gibt es auch die, die blind an ihrer Familie festhalten, egal, wie destruktiv sie ist. Ich habe schon erlebt, dass Menschen, die von ihren Eltern missbraucht wurden, auch die eigenen Kinder zu den Großeltern bringen - obwohl die Gefahr besteht, dass sie ebenfalls missbraucht werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Eltern dieses Risiko ernsthaft eingehen?

Konrad: Sie haben sich nicht abgelöst - und sind auf eine krankhafte Weise loyal. Loyalität ist ein starker Klebstoff, selbst dann, wenn Kinder von ihren eigenen Eltern missbraucht wurden. Gesunde Ablösung bedeutet, dass ich meinem Kind gegenüber loyaler bin als meinen Eltern, auch, wenn ich die Eltern dadurch verletze, gegen mich aufbringe oder familiäre Gesetze breche. Wer in der Kindheit Schlimmes erlebt hat, bekommt das aber häufig nicht hin: Er steht zu den Eltern, die Sehnsucht nach der idealen Familie hört nie auf.

SPIEGEL ONLINE: Wie fühlt sich ein finaler Kontaktabbruch für die Eltern an?

Konrad: Sie fühlen sich häufig ohnmächtig und verzweifelt und erleben einen Trennungsschmerz, der seelisch und sogar körperlich wehtun kann. Hinzu kommen Scham- und Schuldgefühle, die so unerträglich sind, dass sie oft abgewehrt werden. Solange Eltern die Konflikte mit ihren Kindern nicht ehrlich reflektieren, tragen auch sie dazu bei, dass der Konflikt nicht gelöst werden kann. Die Beziehung erstarrt, es gibt nicht die nötige Weiterentwicklung.

SPIEGEL ONLINE: Und wie geht es denen, die den Kontaktabbruch herbeigeführt haben?

Konrad: Für manche wird er als Befreiungsschlag erlebt. Da stellt sich endlich ein Gefühl von Macht ein: "Diese Entscheidung habe ich allein getroffen, jetzt tut mir keiner mehr weh." Ein Abbruch kann als erleichternd empfunden werden, er schützt die Betroffenen ja tatsächlich erst einmal vor weiteren Eskalationen. Aber wirklich gelöst werden Probleme so nicht, sie werden so nur auf Eis gelegt und irgendwann holen sie uns ein.

SPIEGEL ONLINE: Wann?

Konrad: Zum Beispiel, wenn ein Elternteil krank wird oder stirbt. Dann muss derjenige, der den Kontakt abgebrochen hat, neu entscheiden: Will er vielleicht doch noch mal reden, bevor alles vorbei ist? Spätestens, wenn man eigene Kinder bekommt und sie nach den Großeltern fragen, muss man sich dem Thema noch mal stellen.

SPIEGEL ONLINE: Jemand sucht Sie auf und sagt, dass er den Kontakt zu den Eltern abgebrochen hat - aber nicht damit klarkommt. Wie gehen Sie vor?

Konrad: Ich schaue mit meinen Klienten in ihre Lebens- und Familiengeschichte. Kontaktabbruch ist oft ein transgenerationales Phänomen, also etwas, was in verschiedenen Generationen immer wieder auftritt. Das heißt, dass in der Familie keine gesunden Konfliktlösestrategien vorgelebt und entwickelt werden konnten. Und da setze ich dann an: Wie können Sie sich übereinander ärgern und trotzdem in Kontakt bleiben? Wie schaffen Sie es, Ihre Bedürfnisse zu formulieren? Wie setzen Sie gesunde Grenzen?

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon mal vor einem Klienten gesessen, dem sie am liebsten geraten hätten, er solle sofort die Kontaktdaten seiner Eltern löschen?

Konrad: Als Therapeutin gebe ich keine Ratschläge. Ich frage: "Was brauchen Sie, damit es Ihnen gut geht? Damit Sie sich sicher fühlen?" Ich begleite Klienten auf ihrem Weg - in die oftmals traurige Vergangenheit und hoffentlich in eine bessere Zukunft. Ich finde es wichtig, dass Menschen die Tragweite ihrer Entscheidungen fühlen und verstehen und in Bezug auf ihre Familie und ihr eigenes Leben mehr Handlungsmöglichkeiten entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Ist das dann auch eine Suche nach dem oder den Schuldigen?

Konrad: Darum geht es gar nicht. Eltern, die ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden sind, waren schließlich selbst mal Kinder - und wurden womöglich auch nicht richtig versorgt. Täter waren häufig selbst mal Opfer. Es passiert nicht selten, dass Eltern das irgendwann durchaus auch reflektieren können. Und sich bei ihrer Tochter oder ihrem Sohn entschuldigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie genau könnte man eine solche Entschuldigung formulieren?

Konrad: Es geht nicht um die einzelnen Worte, sondern darum, Verantwortung zu übernehmen und das Leid, das man dem Kind zugefügt hat, anzuerkennen. Wer bereit ist, sein bisheriges Verhalten zu hinterfragen und zu verändern, ist auf einem guten Weg. Und dann passiert wahrscheinlich Schritt für Schritt das, was sich jedes Kind wünscht: Eltern zu haben, die ihr Kind sehen, ernst nehmen und lieben.



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auserfahrung 23.12.2018
1. Und umgekehrt?
Was fühlen Eltern, die sich von ihren erwachsenen Kindern trennen müssen weil sie selbst sonst daran zerbrechen? Kann sich die Autorin auch nur annähernd vorstellen wie schwer, wie schmerzhaft und wie langwierig dieser Prozess ist? Wie lange glaubt man, dass alles wieder gut wird, dass sich alles wieder einrenkt, dass man als Eltern sich einfach nicht von einem Kind trennen kann? Eine Trennung, die sein muss zum Eigenschutz, ohne dass das erwachsene Kind gewalttätig ist oder z.b.kriminell? Es dauert Jahre bis der Schmerz aufhört und er kommt wieder sobald behutsam Kontakt aufgenommen wird und das erwachsene Kind das erneut entgegen gebrachte Vertrauen wieder und wieder missbraucht. Wir können Kinder verstehen,die sich von ihren Eltern trennen aus den im Artikel genannten Gründen . Aber bitte auch die Sicht der Eltern betrachten, die , um nicht zu zerbrechen, sich von einem erwachsenen Kind trennen müssen. Und die diesen Trennungsschmerz nicht nur zu Weihnachten oder zu Geburtstagen erleben, die in eine Ecke der Vorwürfe gestellt werden: wie könnt ihr nur euer eigenes Kind verstoßen?!? Und die nie alle Gründe Verwandten, Freunden, Bekannten, ja sogar Arbeitskollegen sagen, weil sie dem erwachsenen Kind nicht schaden wollen und auch weil der Schmerz dann mit aller Macht über sie hereinbricht.
ainoha888 23.12.2018
2. Gut geschrieben...
mir geht es auch so, dass ich die Eltern erst mal richtig auf Diszanz setzen musste. Bin auch nachdenklicher als in der restlichen Jahreszeit, weil ich mittlerweile gelernt habe, dass ich manche Vorfälle gar nicht verzeihen muss, sondern sie'abgeben' kann. D.h. für mich, dass ich im Lot bleiben kann und ich mich damit nicht mehr belaste. Mein Tochter kommt damit mittlerweile besser klar, einfach, weil sie erwachsen ist. Es ist aber trotz allem Gelerntem und Gelebtem, nicht einfach in mancher Stunde, aber die Wucht, die so eine Entscheidung mit sich bringt (hin und wieder) lässt nach, desto klarer die Entscheidung gefallen ist. Ich wünsche allen eine gute Zeit.
nomadas 23.12.2018
3. Für immer und ewig
Wer das Buch von Arno Gruen "Wider den Gehorsam" kennt, weiss, dass alle Eltern per se "Täter" sind. Erziehung oder primäre Sozialisation macht aus uns was wir geworden sind, nicht wer wir wirklich sind. Diese Entfremdung von unserem ureigenen Wesen ist die "böse Tat." Doch, es muss auch gelten:Denn sie wissen nicht was sie tun! Im best case sind wir ein "Wunschkind", im worst case ein"Bastard." Dazwischen 1000 Optionen für unser Dasein. Meist, in der Lebensmitte, bei genug Reflexion, Hinterfragen und infragestellen kommt es zum "Aha-Erlebnis", mit Wut. Menschlich verständlich. Eine versöhnende Kommunikation meist Wunschdenken. Die Fronten sind klar. Hier die Opfer, da die Täter. Und kein Retter in Sicht. Scheiß Dramadreieck! Es ist unsere verdammte Aufgabe, den mühsamen Weg der Individuation zu gehen, bitte nicht im Alleingang, sondern mit Hilfe von aussen. Dabei ist der Weg schon das Ziel. Wir können nur bei uns was verwandeln, was ändern, niemals beim anderen. Bitter, aber wahr. Nach einem solchen "Langen Marsch", sprich nach Jahren, ist die Chance groß, Verhaltensneuland zu betreten. Doch Achtung, dieser Weg wird kein leichter sein. Es heisst auch loslassen, Abschied nehmen, Verantwortung für sein Leben übernehmen, in allem und für immer. Der "Dreisprung", ganz im Sinne von Sartre: Durchschauen-loslassen-frei werden. Möglicherweise kann man dann seine "Erzeuger" mit ganz anderen Augen sehen. Meist wollten sie ja nur unser Bestes, taten aber dabei das Schlimmste. Sie kannten nicht den Zusammenhang zwischen Absicht+Wirkung. Nicht jede gute Absicht löst automatisch auch eine gute Wirkung aus. Sie sind eben auch nur Menschen. Sie haben eben auch ihre Geschichte. Systhemisch ist es leider zuoft immer noch das Nachfolgeprogramm Eltern-Kind. Doch, Achtung, das ist kein Schicksal! Klar? Es ist alles self made! cogito ergo sum
women_1900 23.12.2018
4. Täter waren häufig selbst mal Opfer.
meine Freundin, als Kind vom Stiefvater mit Wissen und vielleicht auch Unterstützung der Mutter missbraucht, hat den Kontakt mit ihrer Mutter völlig abgebrochen. Der Missbrauch begleitet sie ein Leben lang. Es tröstet sie in keiner Weise zu hören oder zu lesen, dass ihre Mutter vielleicht auch mal Opfer war. Diese Aussage hat bei jeder psychologischen Hilfe die Gemütslage meiner Freundin erheblich verschlechtert. Steckt doch eine Entschuldigung für das Fehlverhalten der Täter darin. Den Bruch mit ihrer Mutter erzählt sie nahezu niemanden, weil dann immer die Platituden kommen: das kann man doch nicht machen, es ist doch die eigene Mutter ...
aequidens_pulcher 23.12.2018
5. Wenn es nur so einfach wäre!
Ich verstehe sehr gut, warum mein ältester Sohn den Kontakt abgebrochen hat, er hat sich von mir nicht angenommen gefühlt. Ich hatte jahrelang versucht, den Kontaktabbruch zu verhindern. Alle Gesprächsangebote an meinen Sohn, meine aufrichtige Entschuldigung, er konnte alles nicht annehmen. Wenn es ihm besser geht ohne mich, ist das für mich in Ordnung. Die Psychologin vergisst aber auch, dass Kinder möglicherweise die Schuldgefühle ihrer Eltern gegen diese verwenden. Irgendwann verwischen die Grenzen nämlich, wer was wem angetan hat! Ich würde von der Psychologin gerne erfahren, was sie Kindern sagt, wenn die Eltern ihnen immer wieder Gesprächsangebote machen, gerne auch mit psychologischer Hilfe, wenn die Eltern sich ernsthaft entschuldigen, , wie das Kind, das den Kontakt abgebrochen hat, ihrer Meinung nach reagieren soll.
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