Was kostet die Welt? Tel Aviv, weiß und wild

Einst war die Stadt nur ein Wunsch aus Wüstensand, heute ist sie für ihr exzessives Nachtleben bekannt. Zwischen Lebensfreude und Terrorangst, Freizügigkeit und Orthodoxie feiern junge Tel Aviver, als gäbe es kein Morgen. Sarah Schelp berichtet, wie Gaststudenten dort zurechtkommen.


Tel Aviv, das heißt "Frühlingshügel" - ein recht romantischer Name für diese paar Sanddünen am Mittelmeer. Denn mehr war da nicht, im Jahr 1909, als zionistische Einwanderer ein Stück Ödland von den Türken kauften, nur wenige Kilometer nördlich der arabischen Hafenstadt Jaffa. Nicht mehr als ein Traum: die erste neue, rein jüdische Stadt Palästinas zu gründen. Voller Idealismus schlugen die Pioniere ihre Zelte auf und machten sich an die Arbeit.

Knapp ein Jahrhundert später ist die Wüste zur Weltstadt geworden. Statt Zeltstangen ragen futuristische Wolkenkratzer in den Himmel. Nur der schöne Stadtstrand erinnert noch an die Anfänge im Wüstensand. Fast 350.000 Menschen leben heute in Tel Aviv, wuseln über die Plätze und Märkte, in die Cafés und auf der Strandpromenade. Junge Frauen in Hot Pants stöckeln an Orthodoxen mit Schläfenlocken vorbei, Schwulenpärchen halten Händchen, äthiopische Juden mischen sich mit jemenitischen, irakischen und europäischen zu einem bunten Balagan (Hebräisch für Chaos).

Tel Aviv - der Schmelztiegel, das Füllhorn, die Sin City des Gelobten Landes.

Selbst wenn man kein Hebräisch lernt, kann man sich hier verständigen, fast jeder spricht Englisch - ideal für ein Auslandssemester also. Wäre da nicht das liebe Geld: Laut einer Studie des Beratungsunternehmens Mercer Human Resource Consulting von 2008 ist Tel Aviv die teuerste Stadt im Nahen Osten. Weltweit rangiert es auf dem 14. Platz der kostspieligsten Metropolen, weit vor München und Hamburg, Dubai und New York.

Hütten & Paläste: Billig gibt's kaum

Das zeigt sich besonders auf dem Wohnungsmarkt. Winzige Bruchbuden mit Schimmelflecken und Kakerlakenplage werden als "romantic studio, ideal for students" präsentiert - zu "Spottpreisen" zwischen 500 und 900 Euro. Mit einiger Hartnäckigkeit kann man trotzdem ein Zuhause finden. Ein bescheidenes WG-Zimmer im Stadtgebiet kostet monatlich ab 400 Euro aufwärts, eine kleine Einzimmerwohnung bekommt man mit viel Glück ab 500 Euro pro Monat. Angebote zur Zwischenmiete können günstiger sein.

Erschwinglicher sind mit etwa 350 Euro monatlich die Zimmer im Studentenwohnheim der Universität von Tel Aviv, außerhalb im Norden der Stadt. Mit Bus oder Bahn braucht man von dort aus aber etwa eine halbe Stunde ins Stadtzentrum. Für Wohnungssuchende mit Hebräischkenntnissen ist die "Homeless"-Webseite zu empfehlen.

Eine weitere Hürde: Manchmal braucht man für die Anmietung der Wohnung einen israelischen Bürgen. Oder muss die Miete für sechs Monate bis ein Jahr vorab in Schecks auf den Tisch blättern, der Vermieter löst sie dann monatlich ein. Hinzu kommen etwa 30 Euro "city taxes" pro Monat sowie Strom-, Telefon- und Internet-Rechnung. Wer einen Laptop hat: Die meisten Cafés in Tel Aviv bieten kostenlos W-Lan an.

Feilschen auf dem Markt

Relativ günstig ist der Hebräisch-Sprachkurs: Der "Ulpan" findet für Studenten an der Universität statt, für alle anderen in der zurzeit einzigen staatlich geförderten Sprachschule Tel Avivs (Ulpan Gordon, Lasalle Street 7). Dort kostet der Intensivkurs (sechs Stunden Unterricht an fünf Tagen pro Woche, fünf Monate lang) um die 700 Euro; für 250 Euro gibt es für den gleichen Zeitraum zweimal pro Woche drei Stunden Unterricht.

Neun Stunden täglich scheint die Sonne im Durchschnitt auf Tel Aviv, fast das ganze Jahr über kann man nach der Uni noch schnell ins Meer springen. Das entschädigt ein wenig für die Lebenshaltungskosten, die durchschnittlich höher sind als in Deutschland. Echte Schnäppchen machen kann, wer mit ein paar Brocken Markt-Hebräisch (siehe Sprachführer) auf dem Karmel-Markt knallhart feilscht.

Im Supermarkt kostet der Liter Milch um 1,50 Euro, eine Tüte mit Pita-Broten zwischen zwei und drei Euro, 500 Gramm Hummus um 3,50 Euro. Käse, Fleisch und Wurst sind teuer, Fisch auf dem Markt ist meist günstig - und frisch gefangen von den Fischern aus Jaffa. Die kleine Hafenstadt gehört heute zu Tel Aviv.

Meeresfrüchte wie Shrimps sind nicht koscher. Trotzdem gibt es sie auf dem Karmel-Markt relativ billig zu kaufen - und sogar das von Religiösen verpönte Schweinefleisch. Denn Tel Aviv ist die Hochburg der Säkularen im jüdischen Staat Israel. Hier wird alles nicht so eng gesehen: leben und leben lassen.



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