Weg damit Keiner mag die Hauptschule

Die Hauptschule gehört abgeschafft, fordert Klaus Hurrelmann in einem offenen Brief an die Kultusminister. Der Jugendforscher schlägt eine Fusion mit Realschulen vor - ein Modell, das viele Experten favorisieren und sich bundesweit durchsetzen könnte.


"Viele Lehrkräfte an Hauptschulen gewinnen den Eindruck, sich pädagogisch 'in einer Sackgasse' zu befinden und mit ihrem professionellen erzieherischen Können am Ende zu sein", schreibt Klaus Hurrelmann, Sozialwissenschaftler an der Universität Bielefeld und Autor der Shell-Jugendstudie. Und weil er diesen Eindruck teilt, plädiert Hurrelmann für eine radikale Lösung: Schluss mit dieser Schulform. Das hatte er schon 1991 zum ersten Mal vorgeschlagen. Aber weil sich an seiner Analyse, dass sich die Hauptschulen in ein "Sammelbecken für Kinder aus den unteren Sozialschichten" und "Kinder aus Einwanderer- und Ausländerfamilien" verwandeln, nichts geändert habe, hat Hurrelmann jetzt einen offenen Brief an die Kultusminister der Länder geschrieben (Wortlaut im zweiten Teil, siehe unten).

Rütli-Schüler: Eher Verwahranstalt als sinnvoller Unterricht
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Rütli-Schüler: Eher Verwahranstalt als sinnvoller Unterricht

Der Jugendforscher spricht sich dafür aus, Real- und Hauptschule zu einer einheitlichen Sekundarstufe zusammenzulegen, um so die Isolation der Hauptschüler zu beenden. Denn ihre Position auf dem Arbeitsmarkt sei "ungünstig oder sogar aussichtslos". Grundschule und Gymnasium will er nicht antasten. Die neuen Sekundarschulen sollen eine eigene Oberstufe erhalten, die sich aus den heutigen Berufsschulen und Berufskollegs bildet. Die Schüler könnten dann zwischen zusätzlichen berufsbezogenen Abschlüssen, Fachabi und dem regulären Abitur wählen.

Vor 15 Jahren galt das noch als bildungspolitische Außenseiter-Position. Inzwischen sind die Zweifel am Sinn der Schulform Hauptschule jedoch massiv gewachsen: Die deutschen Pisa-Debakel haben gezeigt, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten, vor allem aus Einwandererfamilien, im Schulsystem abgehängt werden - nirgendwo sonst sind ihre Chancen so schlecht wie in Deutschland. Und dann katapultierten die Ereignisse an der Berliner Rütli-Schule das Thema auf der politischen Agenda ganz nach oben. Dem Hilfeschrei überforderter Lehrer aus dem Problemkiez Neukölln folgte eine ganze Outing-Welle, Hauptschulrektoren berichteten von krasser Gewalt und Chaos.

Längst gleicht die Verteilung der Grundschüler auf Gymnasium, Real- oder Hauptschule einem Lotteriespiel, bei dem die Nieten für die Hauptschüler reserviert sind. Wenn sie dort überhaupt einen Abschluss schaffen, begeben sich viele ohne jede Hoffnung auf die Suche nach einer Lehrstelle. In manchen Schulabgänger-Klassen gelingt nur ein oder zwei Schülern der Sprung in eine Ausbildung. Gerade in den Großstädten sind die Hauptschulen zur Endstation im dreigliedrigen Schulsystem geworden - einer Verwahranstalt, eine Resterampe für Jugendliche ohne Berufsaussichten.

Zwei statt drei - ein Kompromiss

Experten und Praktiker hoffen, mit der Zusammenlegung von Real- und Hauptschulen die Probleme letzterer zu entzerren und eine Stigmatisierung der Schüler zu verhindern. Der inzwischen vielstimmige Fanchor des "Zwei-Wege-Modells" kann mit einem Pfund wuchern: Die Lösung könnte schon bald konsensfähig sein.

Denn die traditionelle Trennung zwischen Hochschul- und Berufsbildung wird nicht angegriffen, sie werde sogar "verstärkt", schreibt Hurrelmann in seinem offenen Brief. Auch Leistung und frühe Auslese - jene traditionellen Koordinaten des deutschen Schulsystems, die vielen Eltern und Bildungspolitikern sakrosankt sind - werden kaum verschoben.

Wie geräuschlos die Einführung der "kleinen Einheitsschule" funktionieren kann, hat das Saarland bewiesen, das die Sekundarschule bereits seit Jahren kennt. Auch Brandenburg hat neben Gymnasien nur eine weiterführende Oberschule. In vielen anderen Regionen Ostdeutschlands wurden Haupt- und Realschulen aus Schülermangel zusammengelegt oder nach der Wende gar nicht erst eingeführt. In großflächig ländlich strukturierten Regionen wie in Bayern könnte es ähnlich kommen: Bis 2020 wird ein Rückgang der Schülerzahlen um ein Drittel erwartet, was viele Hauptschulen in ihrem Bestand gefährdet.

Der Kulturkampf seit den siebziger Jahren um die Gesamtschulen zeigt zwar: Wer am Gymnasium rüttelt, begibt sich als Politiker in Gefahr. Für die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen gilt das aber nicht. Berlin und Schleswig-Holstein wollen in ihren neuen Schulgesetzen die Gemeinschaftsschule von Klasse eins bis zehn verankern, allerdings zunächst nur als freiwillige Möglichkeit neben den klassischen Schulformen. Am Ende könnten beide Länder genauso beim Zwei-Wege-Modell landen wie einige andere - wo es eine friedliche Koexistenz der Schulformen gibt, entscheiden sich Eltern von Kindern mit Gymnasialempfehlung fast immer gegen das gemeinsame Lernen mit leistungsschwächeren Schülern.

agö

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